Von Sebastian Fischer und Anne Seith
München/Hamburg – Er sieht sich in erster Linie als Opfer. "Man hat versucht, uns zu täuschen, wenn wir auf einer Prüfspur waren", sagt H. im Zeugenstand vor dem Münchner Landgericht. Er leitet heute jenes Team der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, das die Jahresabschlüsse von Siemens prüft. Auch zu den Zeiten, als bei Siemens heftig geschmiert wurde, war er schon dabei - und wie alle Mitarbeiter der KPMG muss er sich nun immer wieder die Frage anhören, ob er denn von den dubiosen Praktiken nichts gemerkt habe.
Firmenschild der KPMG: Zeugen erklärten, die Wirtschaftsprüfer hätten bei Siemens weggeschaut
Solche Vorwürfe weist H. an diesem Mittwoch empört von sich. Als Richter Peter Noll leise fragt, ob es Weisungen der Siemens-Konzernführung gegeben habe, etwaige Schmiergeld-Vorgänge zu übergehen, antwortet H. laut und deutlich: "Die gab es definitiv nicht."
Er ist sich sicherlich im Klaren, dass der Skandal auch auf die KPMG kein besonders gutes Licht wirft. Einem Siemens-Sprecher zufolge prüft die Gesellschaft beziehungsweise deren Vorgängerfirma - die deutsche Treuhand-Gesellschaft - die Bilanzen des deutschen Traditionskonzerns seit 1931. Es mutet bizarr an, dass Prüfer, die den Konzern so gut kannten, nichts von den Schmiergeldpraktiken gemerkt haben. Allein zwischen 1999 bis 2006 betrug die Summe dubioser Zahlungen bei Siemens satte 1,3 Milliarden Euro.
Siemens ist schließlich selbst für einen Giganten wie die KPMG, die 2007 in Deutschland 1,2 Milliarden Euro Umsatz machte, ein Kunde, den man ungern vergrätzt. 87 Millionen Euro zahlte der Mischkonzern den Prüfern allein im vergangenen Jahr an Honoraren.
Doch Zeuge H. weist alle Schuld von sich. Er berichtet der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts von Täuschungsmanövern gegenüber den Prüfern seitens der Siemens-Telefonsparte ICN. Dort hätten der Finanzvorstand, der Leiter der internen Revision, des Rechnungswesens sowie der Geschäftsgebietsleiter zusammengearbeitet, "um die Kontrollen zu umgehen". Als Beispiel nennt H. eine E-Mail, die kursiert habe. Darin sollen die Siemens-Mitarbeiter angewiesen worden sein, die dubiosen "Provisionszahlungen" künftig als ungerade Summen zu leisten: "Die KPMG sucht nach glatten Beträgen."
Und über beleglose Bargeldzahlungen von vier Millionen Euro nach Nigeria, die der KPMG 2003 auffielen, habe man unter anderem den damaligen Finanzvorstand des Konzerns, Heinz-Joachim Neubürger, informiert. Dieser habe damals "zum Ausdruck gebracht, dass wir den Sachverhalt aufklären sollen", auch die Rechtsabteilung sei laut Unterlagen mit einer Untersuchung beauftragt worden. Das Ergebnis: "Uns wurde dann erklärt, das seien Zahlungen für Baukassen in Nigeria, das sind Bargeldbestände auf großen Baustellen", so Zeuge H.
H. berichtet auch, Neubürger habe sich einmal bei ihm beschwert, "wir würden auf den Gängen behaupten, bei Siemens würde bestochen". Er habe daraufhin versichert, dass er dies abstellen werde, falls dem so sei.
Zeuge H. betont immer wieder, KPMG habe bei Siemens korrekt gehandelt. Wenn man als Prüfer Kenntnis von einer möglichen Straftat erlange, "dann haben wir Berichtspflicht". Dem sei man nachgekommen. Aber natürlich gelte: "Das Aufspüren von Straftaten ist explizit nicht Bestandteil einer Abschlussprüfung."
Egal, ob er Recht hat oder nicht - der Imageschaden für die KPMG ist trotzdem da. Zumal es nicht die erste Affäre in den vergangenen Monaten ist, die dem Ansehen der Wirtschaftsprüfer schadet. So war die KPMG auch seit Jahren mit den Bilanzen der Mittelstandsbank IKB befasst - die dann im Zuge der Kreditkrise wegen hochriskanter Geschäfte am US-Immobilienmarkt heftig in die Bredouille geriet. Und das, obwohl kurz vor dem Ausbruch der Krise eine Sonderprüfung bei der KPMG in Auftrag gegeben worden war.
Bei der IKB prüfen jetzt andere
Die KPMG wehrt sich auch in diesem Fall gegen Kritik an ihrer Arbeit. Die vom damaligen IKB-Vorstand zum Jahresabschluss im März vorgenommene Risikobewertung "spiegelte die damalige Markteinschätzung 1:1 wider und war daher vom Abschlussprüfer nicht zu beanstanden", erklärt die Gesellschaft auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.
Trotzdem: Den Kunden IKB hat die KPMG bereits verloren. Bei der Mittelstandsbank prüft inzwischen die Konkurrenz von Pricewaterhouse Coopers (PwC) die Bücher. Und auch bei Siemens wurde der Auftrag inzwischen neu ausgeschrieben - die Hauptversammlung im kommenden Januar wird entscheiden, ob man die Prüfer wechselt oder nicht.
Der Platzhirsch unter den Wirtschaftsprüfungsgesellschaften - zwei Drittel aller Dax-Bilanzen werden von der KPMG besiegelt - hat gute Chancen, erneut zum Zuge zu kommen. Die Gruppe der Konkurrenten, die aufgrund der geltenden rechtlichen Bestimmungen ein derart großes Unternehmen prüfen dürfen, ist ziemlich überschaubar. Neben der KPMG wären dazu allenfalls noch PwC, Ernst&Young oder Deloitte in der Lage. Nur sie verfügen über die nötigen finanzielle Basis, um für fehlerhafte Testate notfalls auch haften zu können.
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So ist es leider. In anderen Ländern gibt es halt andere Gesetze. Um sich da Aufträge zu sichern, muß man schmieren. Und das geht bei einem deutschen Unternehmen nur mit entsprechenden (schwarzen) Kassen. Das weiß auch Jeder. [...] mehr...
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Zumindest deutlich vorsichtiger. Und wenns dann nur eben der nächst-korrupte den Auftrag kriegt und Siemens dafür halt bißchen mehr Kurzarbeit und Personalabbau hat. mehr...
warum fragt man das nur bei Siemens? Korruption schlägt dem angewiderten Bürger aus allen Ecken entgegen. Wie ist das mit der FDP und deren Handaufhalten? CSU und CDU sollen besser sein? Lachhaft, wenn es nicht so katastrophal [...] mehr...
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