Von Marc Pitzke, New York
New York - Der verlassene Wagen stand in der Mitte der Hängebrücke, ostwärts geparkt auf dem Randstreifen. Hier ist die Bear Mountain Bridge am höchsten: Mehr als 40 Meter unter ihr gurgelt der schlammbraune Hudson River. Der Schlüssel des SUV's steckt noch in der Zündung. In die Schmutzschicht auf der Motorhaube waren drei Worte gemalt: "Suicide is painless" - "Selbstmord ist schmerzlos".
Mit diesem mysteriösen Fund in der Natur-Idylle nördlich von New York City, unweit der Militärakademie West Point, endete Anfang Juni einer der größten Wall-Street-Skandale seit Jahren - ein Skandal um 450 Millionen Dollar, betrügerische Hedgefonds und betrogene Investoren. Besser gesagt: Mit diesem Fund sollte er enden.
Doch dann kam alles anders.
Der Wagen, ein GMC "Envoy", wurde um 12.30 Uhr am 9. Juni entdeckt. Er gehörte, wie die New Yorker Landespolizei schnell anhand des Nummernschilds ermittelte, einem Mann namens Samuel Israel, 48, aus Armonk, eine dreiviertel Stunde Autofahrt entfernt. Alles sah danach aus, als habe dieser Mann sich durch einen Sprung von der Brücke umgebracht. Die Polizei nahm die Suche nach der Leiche auf. Hubschrauber und Marineboote wurden eingesetzt. Doch sie fand nichts.
Israel, so stellte sich schnell heraus, sollte sich am selben Tag in einem Gefängnis in Massachusetts melden, um eine 20-jährige Haftstrafe wegen Betrugs anzutreten. Seine Freundin Debra Ryan wurde vernommen. Sie bestätigte, dass Israel am frühen Morgen aufgebrochen sei. "Er schien deprimiert, dass er ins Gefängnis musste", sagte sie nach Angaben von Detektiv Bruce Cuccia. "Sonst war aber nichts ungewöhnlich."
Während der Ermittlungen fiel irgendjemandem auf, dass der Satz "Suicide is painless" auch ein Song war - und zwar die Titelmelodie von "M*A*S*H", einer in den siebziger und achtziger Jahren populären TV-Satire-Serie über Sanitäter im Koreakrieg. "Suicide is painless", lautet der Refrain, der zur Erkennungsmelodie einer ganzen Generation von Kriegsgegnern wurde. "It brings on many changes" ("Er bringt viele Veränderungen hervor").
Bald begannen nicht nur die Ermittler, sondern auch die Medien eins und eins zusammen zu zählen. Denn Samuel Israel war nicht irgendein Schwindler. Er war für einen der berüchtigtsten Betrugsfälle in der Geschichte der Wall Street verantwortlich - den Kollaps der Hedgefondsgruppe Bayou vor drei Jahren.
Israel hatte seine Wall-Street-Karriere auf dem Parkett der New York Stock Exchange begonnen, als Bote der Tradingfirma Frederic Graber & Co., Jahresgehalt 16.500 Dollar. Es folgten eine Reihe weiterer Investmentjobs, in denen er sich jedoch nie länger als ein Jahr hielt. 1996 machte er sich selbstständig.
Israel gründete einen Hedgefonds und nannte ihn Bayou, nach den Mississippi-Sümpfen, in denen seine Heimatstadt New Orleans liegt. Die Investoren bezirzte er mit der Behauptung, er habe jahrelange Top-Erfahrung im Geschäft - und mit dem Versprechen, dass der Fonds binnen zehn Jahren einen Wert von rund sieben Milliarden Dollar erreichen würde. So sammelte er schnell rund 300 Millionen Dollar.
Doch Bayou machte nie auch nur einen einzigen Cent Gewinn. Stattdessen waren die Einlagen schnell verspielt. Israel und sein Finanzchef Daniel Marino vertuschten das, indem sie eine Strohfirma gründeten, die Bayou gute Bilanzen bescheinigte und die Kontoauszüge des Unternehmens fälschte. Auf die fiktiven Gewinne berechneten sie exorbitante Gebühren, von denen sie sich ein Luxusleben finanzierten - unter anderem Israels Villa in Mount Kisco, die er für 32.000 Dollar im Monat von keinem geringeren als Donald Trump mietete.
Noch 2004 log Israel seinen Kunden vor, dass Bayou über rund 450 Millionen Dollar verfüge. Ein Jahr später flog das Ganze auf, als ein Kunde 53 Millionen Dollar aus Bayou abziehen wollte - und feststellte, dass das Geld spurlos verschwunden war.
Bayou meldete Konkurs an und ging unter. Israel und Marino wurden des Betrugs angeklagt und bekannten sich 2005 schuldig. Sie wurden zu je 20 Jahren Haft verurteilt, Israel überdies zur Rückzahlung von 300 Millionen Dollar. Bei der Urteilsverkündung zeigte er sich voller Reue: "Ich finde keine Worte, die ausdrücken, wie leid es mir tut."
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