Von Sebastian Knauer
Hamburg - Es war wieder einmal so weit. 350.000 Kunden des norddeutschen Energieversorgers E.on Hanse in Hamburg wurden per Post über die jüngste "Preisanpassung bei Erdgas" informiert: Ab 1. August werde die Kilowattstunde 0,99 Cent teurer, eine Steigerung um 14,9 Prozent.
Doch die Tariferhöhung trifft nicht alle Verbraucher der Hansestadt. Tausende Haushalte haben ihren Gaslieferanten schon gewechselt. Und es vergeht praktisch kein Tag, an dem E.on Hanse nicht alte Kunden an die neuen Wettbewerber verliert.
Besonders erfolgreich bei der Akquise ist die Gasversorgung Ahrensburg GmbH (GAG) - sie gehört zu 100 Prozent der schleswig-holsteinischen Stadt in Hamburgs nördlichem Speckgürtel. Seit November wechselten rund 3000 Hamburger Verbraucher zur GAG – ein Viertel des Kundenbestandes, obwohl die Firma demnächst auch die Preise erhöhen wird.
"Die Liberalisierung greift", sagt GAG-Geschäftsführer Horst Kienel nüchtern, "die Leute haben schlicht die Faxen dicke, ständig Preiserhöhungen ins Haus zu bekommen." Im Hauptberuf dient Kienel als Kämmerer der Stadt, und dass er seinen Job als Energiemanager unentgeltlich erledigt, weist schon auf die Vorteile der GAG im Wettbewerb um Gaskunden hin: Das Unternehmen kommt mit deutlich weniger Verwaltungs- und Werbekosten aus – und der Begriff Shareholder Value ist in Ahrensburg ein wahrhaft fremdes Wort. "Bei uns steht der Kunde im Vordergrund und nicht der Gewinn", sagt Kienel.
Vorbild sind die "Stromrebellen"
Die Situation ist vergleichbar jener auf dem Telefonmarkt und in der Strombranche vor etwa einem Jahrzehnt. Damals formierten sich nach dem Reaktorunfall im ukrainischen Tschernobyl 1986 in dem kleinen Schwarzwaldort Schönau die "Stromrebellen". Sie begannen umweltfreundlicher erzeugten Strom auf eigene Rechnung zu verkaufen. Dazu gründeten sie gegen große Widerstände der regionalen Energiemonopolisten die "Elektrizitätswerke Schönau". Seitdem verkaufen die Schönauer inzwischen an rund 75.000 Kunden bundesweit den Strom aus regenerierbaren Quellen.
Jetzt wollen die Schönauer auch die Gasversorgung nach ihrem Erfolgsrezept übernehmen. Nach 20 Jahren laufen auch in Schönau, wie in vielen deutschen Gemeinden, die Gasversorgungskonzessionen aus. "Wir bieten mit guten Chancen mit", sagt EWS-Mitgründer Michael Sladek, "eine solche Konzession ist eine Lizenz zum Geldrucken."
Das Gasgeschäft bringt zwar keine zweistelligen Renditen für die Investoren. Aber wie ein Bundesschatzbrief bedeutet das Geschäft mit der Energie eine stabile Wertanlage. "Da können Sie ruhig schlafen", sagt Sladek, im Hauptberuf praktischer Arzt und Gemeinderat in dem Luftkurort im Südschwarzwald. Inzwischen weiß er, wie man Stromkabel in die Erde bringt, Trafostationen aufrüstet oder das Gasnetz wartet, falls EWS den Zuschlag bekommt. Seine Mitstreiterin Ursula Sladek, freut sich schon, "auf den bundesdeutschen Gasmarkt" zu gehen. "Wir werden die Chancen jetzt nutzen", sagt Sladek.
Teilten bislang eine Handvoll Energiemultis den in Deutschland rund 40 Milliarden Euro umsetzenden Gasmarkt unter sich auf, so entsteht seit einigen Monaten ein Flickenteppich preisdämpfenden Wettbewerbs. Immer mehr Gemeinden werden bereits von Tochterfirmen der Kommunen oder von Genossenschaften mit Gas versorgt. Und das ist erst der Anfang: Laut dem Bund der Energieverbraucher sind bundesweit rund hundert Bürgerinitiativen und Protestgruppen am Start, die Versorgung mit dem Brennstoff neu zu organisieren.
Kartell der Konzerne brechen
Sie nennen sich "Energiegenossenschaft Nordwest" (in Delmenhorst), "Gaspreise runter" (in Mülheim) oder "Bremer Energiehaus" oder "Energierebellen"(in Kulmbach). Sie alle eint die Idee, das Kartell der Konzerne zu brechen. Mindestens weitere 28 Anbieter liefern schon Gas an Endverbraucher. Formal wurde der Markt von der Europäischen Union schon 1998 liberalisiert, in Bewegung geriet er aber erst mit der Novellierung des Deutschen Energiewirtschaftsgesetzes 2005. Gesetzlich müssen die Multis ihre Rohrleitungen, in denen das Gas zum Endverbraucher strömt, gegen von der Bundesnetzagentur festgelegte Entgelte für jeden konkurrierenden Anbieter öffnen.
Indes fielen den Oligopolen immer wieder neue Tricks ein, die Marktneulinge zu behindern. So gibt es bis heute Streit um den Zugang zu Zwischenspeichern in Kavernen, die für eine profitable Gasversorgung unerlässlich sind. Die Vorratskammern für den flüchtigen Energieträger werden von den Multis mit preiswerter Ware im Sommer gefüllt, die dann im Winter teuer auf den Markt strömt. "Wir wissen schon, woher die Rekordergebnisse der Energiekonzerne herkommen", sagt Gero Lücking. Er ist Unternehmenssprecher von Lichtblick, einem privaten Stromanbieter, der sich im vorigen Herbst als erster auf den liberalisierten Gasmarkt gewagt hat.
Jetzt, neun Monate später, beliefert die Hamburger Firma in sieben Bundesländern fast 14.000 Verbraucher – mit einem ökologisch aufgepeppten Produkt: Rund fünf Prozent des eingespeisten Mischgases bezieht Lichtblick aus Biogasanlagen der deutschen Landwirtschaft.
Gasrechnung um 40 bis 100 Euro billiger
Für manchen überzeugten Grünen mag das Grund genug sein, dem örtlichen Anbieter abzuschwören. Die meisten Wechselwilligen werden jedoch eher dem Reiz erliegen, ein paar Euro im Monat zu sparen. Mit immer neuen Tarifen lassen die großen Konzerne zwar einen Preisdschungel wuchern, der das Vergleichen erschwert. Generell gilt jedoch: Je nach Anbieter und Verbrauch lässt sich die Gasrechnung um 40 bis 100 Euro pro Jahr reduzieren.
Neue Anbieter wie die Ahrensburger Gasversorgung setzen auf mehr Kundennähe und Transparenz. GAG-Manager Kienel glaubt, dass viele Verbraucher jene Zeiten nicht vergessen haben, als sich 2005 die Konzerne nicht mal die Mühe machten, ihre gestiegenen Rechnungsforderungen zu erklären. Eine Menge Kunden leisteten daraufhin nur noch Abschlagszahlungen, solange die "Erforderlichkeit und Angemessenheit der Preiserhöhung" nicht nachgewiesen wurde. Wer damals Einspruch einlegte, meint Kienel, der habe nur darauf gewartet, dass ihm eines Tages eine Alternative angeboten werde.
Wie ernst die Großkonzerne ihre neuen Konkurrenten nehmen, lässt sich an ihren jüngsten Marktaktivitäten erkennen. Unter Einsatz millionenschwerer Werbebudgets bauen die Multis neue Marken auf, die wie Discount-Angebote daherkommen. Bei E.on heißt das Produkt "e wie einfach". Der Preisvorteil für den beträgt allerdings nur 0,24 Cent pro Kilowattstunde.
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