Wirtschaft



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25.06.2008
 

Kampf gegen Übergewicht

Bundesregierung beschließt Ernährungsplan light

Von Susanne Amann

Die Deutschen sind zu dick - das will die Regierung jetzt mit einem "Nationalen Aktionsplan" für bessere Ernährung und Gesundheitsaufklärung ändern. Nur fehlen zum Beispiel eingängige Nährwertangaben. Wie oft diese bisher in die Irre führen, zeigt eine neue Studie.

Hamburg - Es liest sich schön, was Bund und Länder auf knapp 50 Seiten zusammengetragen haben: "Deutschland bietet gute Voraussetzungen für ein gesundes Leben", heißt es in dem Entwurf für den "Nationalen Aktionsplan" für gesunde Ernährung und mehr Bewegung, den das Kabinett heute verabschiedet hat. Jeder Bürger sei grundsätzlich in der Lage, gesund zu leben, sich eigenverantwortlich zu ernähren und ausreichend zu bewegen.

Das aber funktioniert anscheinend nicht immer: "Insgesamt sind in Deutschland 66 Prozent der Männer und 51 Prozent der Frauen zwischen 18 und 80 Jahren sowie 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig oder adipös", merken die Autoren der Studie an. Daran will die Bundesregierung jetzt etwas ändern und peilt mit ihrem Aktionsplan an, Übergewicht und ernährungsbedingte Krankheiten bis zum Jahr 2020 sichtbar zu reduzieren.

Das Problem dabei: Die Regierung setzt auf freiwillige Vereinbarungen mit Ländern, Kommunen und Verbänden - und vor allem mit der Wirtschaft. Das aber ist schwierig, sobald es um unterschiedliche Interessen geht - wie etwa die Nährwertkennzeichnung, um die seit Monaten erbittert gerungen wird. Gesundheitsexperten und Verbraucherorganisationen fordern eine farbliche Kennzeichnung der Inhaltsstoffe nach einem Ampelsystem. Mit den Farben grün (niedrig), gelb (mittel) und rot (hoch) soll dem Verbraucher einfach und schnell signalisiert werden, was er isst.

Lebensmittelindustrie lehnt Ampel ab

Die Lebensmittelindustrie lehnt dieses System jedoch ab - angeblich, weil es bestimmte Lebensmittel diskriminiere. Sie hat sich stattdessen auf das sogenannte GDA-System (Guideline daily amount) verständigt, das den Nährwert bezogen auf Portionsgrößen angibt. Diesem Kennzeichnungsmodell haben sich unter anderem die Lebensmittelriesen Danone, Kellogg's, Kraft Foods, Nestlé und PepsiCo angeschlossen.

Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) hatte sich bislang immer für das freiwillige Kennzeichnungssystem der Wirtschaft ausgesprochen - musste sich zuletzt aber dem Druck der Öffentlichkeit und der Verbraucher beugen. Nachdem selbst eine Umfrage aus seinem eigenen Haus belegt hatte, dass die Verbraucher eine farbliche Kennzeichnung wünschen, hatte sich Seehofer mühsam dazu durchgerungen, eine "freiwillige farbliche Kennzeichnung" einzuführen.

Erstaunlich ist jetzt allerdings, dass sich davon nichts in dem Entwurf zum "Nationalen Aktionsplan" findet. Dort heißt es nur: "Das Verbraucherschutzministerium erarbeitet derzeit einen Leitfaden zur erweiterten Nährwertinformation auf verpackten Lebensmitteln, um die Verbraucherinformation über Nährwerte zu verbessern und den Verbrauchern die Lebensmittelauswahl im Sinne einer gesunden und ausgewogenen Ernährung zu erleichtern."

Druck auch von wissenschaftlicher Seite

Kein Wort von der farblichen Ampelkennzeichnung - und das, obwohl sich selbst der Bundesrat in einer Protokollnotiz vom 16. Juni für "eine aussagekräftige und verständliche Nährwertkennzeichnung" und eine "farbliche Gestaltung" ausgesprochen hat. Es scheint, dass sich Seehofer hier ein Hintertürchen offenhalten will, um doch noch das von ihm präferierte Industriemodell durchzusetzen.

Das aber könnte schwierig werden - nicht nur weil sich inzwischen auch die Länder für ein Ampelsystem ausgesprochen haben. Auch von wissenschaftlicher Seite kommt Druck: So hat die sonst eher nüchterne Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) das GDA-System der Industrie in einer Deutlichkeit zerpflückt, die keine Fragen offen lässt: "Die für die Berechnung zugrundegelegte Energiezufuhr ist für die Gesamtheit der Verbraucher nicht repräsentativ. Die daraus abgeleiteten nährstoffspezifischen Werte sind daher mit Vorsicht zu genießen", heißt es da etwa. Außerdem sei wegen unterschiedlicher Portionsgrößen ein rascher Vergleich zwischen den Produkten in der Praxis nicht möglich. "Ein normaler Verbraucher ist mit diesen Angaben überfordert", sagt Antje Dahl von der GDE.

Und das ist noch untertrieben: Wie sehr die Angaben auf den Lebensmitteln den Verbraucher in die Irre führen, zeigt eine neue Untersuchung der Verbraucherorganisation foodwatch. Die Experten haben Produkte vor allem aus dem Fitness- und Wellnessbereich untersucht, die sich gezielt an ernährungsbewusste Kunden richten. Das Ergebnis ist verblüffend: Egal ob es die Diät-Salami von Du-Darfst, das Wellness-Wasser von Nestlé, die Frühstücksflocken Special K von Kellog's oder der Acitiva-Joghurt von Danone ist - in fast allen Fällen ist der Zuckeranteil viel zu hoch.

So werben etwa die "Fitness Fruits" von Nestlé zwar mit einer "Vollkorngarantie" und einem angeblichen Nährwert von nur sieben Prozent des Tageskalorienbedarfs pro Portion. Umgewandelt in das Ampelkennzeichnungssystem zeigt sich aber, dass 100 Gramm der angeblich so gesunden Flocken 35,3 Gramm Zucker enthalten. Auch mit einer Portion "Special K Choco", dem Konkurrenzprodukt von Kellog's, deckt man angeblich nur sechs Prozent des Tagesbedarfs, tatsächlich enthalten sie aber 26 Gramm Zucker pro 100 Gramm.

"Wirtschaft verschleiert den wahren Nährwert"

"Die sogenannten Wellness- und Fitnessprodukte sind in der Branche ein Megatrend und richten sich gerade an Menschen, die sich gesundheitsbewusst ernähren wollen", sagt Matthias Wolfschmidt von foodwatch. Mit einem enormen Marketingaufwand würden die Botschafen "Fitness", "Schlanksein" und "Wohlbefinden" transportiert - obwohl genau das Gegenteil der Fall sei. "Das Kennzeichnungssystem der Wirtschaft verschleiert den wahren Nährwert von Lebensmitteln, während die Ampel Zucker- und Kalorienbomben entlarvt."

Dass Verbraucherschutzminister Seehofer es trotz solch eindeutiger Ergebnisse geschafft hat, den "Nationalen Aktionsplan" ohne konkreten Vorschlag ins Kabinett zu bringen, ist dem Einfluss der Lebensmittelindustrie zu verdanken. Denn der Minister stimmt sich eng mit dem Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) ab. Der BLL ist einer der einflussreichsten Verbände in Deutschland - sein Präsident Theo Spettmann ist Hauptberuf der Vorstandschef der Südzucker AG. Der größte Zuckerkonzern Europas macht einen jährlichen Umsatz von rund sechs Milliarden Euro und würde es empfindlich zu spüren bekommen, sollten sich die Deutschen gesünder ernähren.

Kein Wunder also, dass die Wirtschaft Lobbyarbeit betreibt: Am Dienstag, einen Tag, bevor der "Nationale Aktionsplan" dem Kabinett vorgestellt wurde, lud Kraft Foods die Parlamentarier in Berlin ein, um ihnen noch einmal die Sichtweise der Industrie nahezubringen. Dabei argumentierten die Kraft-Vertreter so vehement gegen die farbliche Kennzeichnungspflicht, dass sich zum Schluss nur noch eine einzelne Abgeordnete traute, kritische Fragen zu stellen.

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insgesamt 310 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
27.10.2008 von Gaztelupe:

Letzteres tut sie. Eigentlich auch ersteres, allerdings unter Berücksichtigung des Preises. Natürlich sind Lebensmittel als "Rundum-sorglos-Paket" eine verführerische Vorstellung, hinsichtlich der entstehenden [...] mehr...

26.10.2008 von thawonda: Ernährung und Aufklärung

Sollte draufstehen was drin is und ob es gut is. Also das mit der Ampel. Die Kids achten darauf wenn man ihnen das auch erklärt. Wir Erwachsenen machen's sowieso anders;-) Generell würde ich vorschlagen, dass die Industrie [...] mehr...

26.10.2008 von Softship:

Es wäre wichtig erst einmal einzusehen, dass es keine globale "gesunde Ernährung" gibt. Es müsste zwischenzeitlich hinlänglich bekannt sein, dass was für den einen gesund ist, für den anderen Gift ist. z.B. Menschen [...] mehr...

25.10.2008 von Hallo Pinoccio:

Ich glaube nicht mal, dass das Ignoranz ist. Ein Auto hat im Vergleich zum Menschen eine wesentlich kürzere "Lebenserwartung". D.h. wenn Sie von Anfang an billiges Motorenöl nehmen, müssen Sie in Kauf nehmen, dass das [...] mehr...

25.10.2008 von Hallo Pinoccio:

Ein übergewichtiger Mensch kann selbstverständlich gesund sein, aber wenn zu einer Krankheit noch Übergewicht dazukommt, hilft es oftmals, wenn eine Gewichtsabnahme erfolgt. Und ich bleibe dabei, auch dem gesunden [...] mehr...

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