Brüssel - Notenbankchefs sind eigentlich Meister der Diplomatie, umso erschreckender sind die deutlichen Worte des Chefs der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet.
Angesichts der hohen Inflationsrisiken im Währungsraum befinde sich der EZB-Rat in einem Zustand "erhöhter Alarmbereitschaft", sagte Trichet vor dem Wirtschaftsausschuss des Europäischen Parlaments. Die Inflationsraten im Euroraum dürften länger als zunächst angenommen erhöht bleiben. Erst 2009 dürfte der Preisdruck nachlassen. Weil auch die Löhne kräftiger als angenommen zulegen könnten, bestehe die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale.
In seinem dramatischen Appell forderte Trichet, energisch gegen die Preissteigerungen bei Energie und Nahrungsmitteln vorzugehen - die Hauptursachen der hohen Inflation. Falls die Beteiligten unter sich keine befriedigenden Verhaltensregeln vereinbarten, müsse der Markt reglementiert werden. "Die Märkte müssen transparent sein."
Allerdings fand Trichet auch beruhigende Worte: Die wirtschaftlichen Fundamentaldaten des Euroraums stellten sich weiter robust dar, sagte er. Jüngste Daten sprächen für ein zwar moderateres, aber anhaltendes Wachstum im Währungsraum. Nach wie vor sei die Unsicherheit wegen der anhaltenden Finanzmarktturbulenzen sehr hoch.
Trichet äußerte sich allerdings auch besorgt über die starken Schwankungen der Wechselkurse. Das könne Folgen für die Weltwirtschaft und die Finanzstabilität haben, sagte Trichet. Er habe mit Interesse zur Kenntnis genommen, dass die US-Regierung ebenso wie US-Notenbankchef Ben Bernanke betont hätten, dass ein starker Dollar im Interesse der Vereinigten Staaten sei. Der Euro-Kurs hat in diesem Jahr stark zugelegt und liegt derzeit mit 1,56 Dollar nur knapp unter seinem Rekordhoch von rund 1,60 Dollar.
Nach den heutigen Worten wird eine Zinserhöhung durch die EZB im Juli auf 4,25 Prozent immer wahrscheinlicher. Die Inflationsrate im Euro-Raum liegt seit Monaten deutlich über dem gewünschten Höchstwert von zwei Prozent - im Mai hatte die Preissteigerung eine Rekordmarke von 3,7 Prozent erreicht.
Auch die US-Notenbank hatte sich zuletzt besorgt über die Inflationsentwicklung gezeigt. Trotzdem wird bei der Sitzung des Offenmarktausschusses am heutigen Mittwochabend nicht mit einem Zinsschritt gerechnet - wegen der Konjunkturrisiken. Der Markt rechne einhellig mit einem unveränderten Leitzins, heißt es etwa in einem Ausblick der Postbank. Deshalb dürfte die begleitende Mitteilung der Fed aber auf umso größeres Interesse stoßen. "Wir gehen davon aus, dass die Fed die Inflationsrisiken stärker betonen wird als nach den vorangegangenen Zinsentscheidungen."
ase/dpa-AFX/Reuters
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