Wirtschaft



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09.07.2008
 

Türkei

Erdbebenland auf Atomkurs

Von Daniel Steinvorth, Istanbul

Die Türkei steht vor dem Einstieg in die Kernenergie: Bis Jahresende will der EU-Beitrittskandidat seine ersten beiden Kraftwerke bauen, um sich von Russland und Iran unabhängig zu machen. Doch die Atompläne in der Erdbebenregion sind hoch riskant.

Istanbul - Erst im Januar dieses Jahres wurde den Türken wieder einmal bewusst, wie verletzbar ihre wachsende Wirtschaft ist: Eine Woche lang kürzte ihnen Iran seine vertraglich vereinbarten Gaslieferungen und stellte sie schließlich ganz ab.

Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad habe angeordnet, kein Gas zu exportieren, "solange wir unseren internen Bedarf nicht decken können", erklärte ein Sprecher der iranischen Gasgesellschaft. In Istanbul kletterten die Energiepreise prompt auf neue Rekordhöhen: Gut 150 Euro kostete die Gasrechnung für eine Dreizimmerwohnung im Januar, für manche Familien ist das ein Drittel des Monatsgehalts.

Die Regierung Erdogan will Szenarien wie dieses verhindern. Die Türkei steht kurz vor dem Einstieg in die Atomenergie. Bis Jahresende will der EU-Beitrittskandidat seine ersten beiden Kraftwerke bauen. Sie sollen in Akkuyu an der östlichen Mittelmeerküste und in Sinop am Schwarzen Meer stehen und von privaten Investoren betrieben werden. Für ein drittes geplantes Atomkraftwerk ist noch kein genaues Baudatum bekannt.

Mit dem Einstieg in die Kernenergie will sich das Land von seinen Hauptenergielieferanten Russland und Iran unabhängig machen. Die extrem hohe Abhängigkeit von ausländischem Öl und Erdgas wird von den Generälen in Ankara seit jeher als "hohes Sicherheitsrisiko" eingestuft.

Am 24. März begann die lang angekündigte Ausschreibung für das erste türkische AKW in Akkuyu; Ende September soll bekannt gegeben werden, welches Unternehmen den Zuschlag bekommt. Firmen aus Kanada, Japan, Frankreich, Belgien, Russland und Südkorea haben sich beworben, deutsche Bieter sind nicht dabei.

Die Atompläne sind hoch riskant

Mit Energie kann man in der Türkei viel Geld verdienen. Denn bis 2020 will das Land 130 Milliarden Dollar in den Energiesektor investieren, rund 6,3 Milliarden Euro pro Jahr. Zwar verbrauchen die 70 Millionen Türken nur etwa ein Viertel der Menge an Strom wie etwa die Deutschen. Doch das Wirtschaftswachstum scheint ungebremst, der Wohlstand wächst - und damit auch Nachfrage nach Haushaltsgeräten und Unterhaltungselektronik. Bis 2020 soll sich der Elektrizitätsverbrauch mit 400.000 Gigawattstunden mehr als verdoppeln.

Momentan setzt sich die Stromproduktion der Türkei laut Energieminister Hilmi Güler aus 50 Prozent Erdgas, 25 Prozent Kohle und 25 Prozent Wasserkraft zusammen. Doch in Zukunft soll ein "Energiecocktail" aus Atom, Wasser, Kohle und erneuerbaren Energien - ganz nach deutschem Vorbild - die Energieversorgung decken.

Die Atompläne sind jedoch hoch riskant. Türkische Umweltschützer warnen seit langem vor den spezifischen Gefahren, die in einer Erdbebenregion wie der Türkei lauern. Besonders das Erdbeben von 1999 zeigte, wie mangelhaft die Katastrophenvorsorge am Bosporus ist - damals kamen fast 20.000 Menschen ums Leben.

Ausgerechnet der malerische Standort Akkuyu an der Ägäis befinde sich nur wenige Kilometer von einer seismischen Zone entfernt, sagt Kamer Gülbeyaz, ein bekannter türkischer Umweltschützer aus Mersin. Zudem sei die Kühlung des Meilers mit viel zu warmem Mittelmeerwasser kritisch. "Akkuyu im äußersten Süden der Türkei wurde 1970 als Standort ausgesucht, weil man Angst vor der Sowjetunion im Norden hatte. Heute fürchten wir uns vor Erdbeben", so Gülbeyaz.

Umweltschützer haben in der Türkei jedoch einen schweren Stand: Der Staat setzt sich in der Regel über die Belange von Bürgerbewegungen hinweg, zur Not mit Polizeigewalt. Umso weniger zählen ökologische Bedenken in der Türkei heute vor dem Hintergrund weltweit steigender Energiepreise, unzuverlässiger Energielieferanten und einem bedrohlichen Nachbarn Iran, der nuklear aufrüsten will.


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