Wirtschaft



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09.07.2008
 

USA

Atommeiler nach dem Fertighausprinzip

Von Frank Hornig, New York

In den USA feiert die Atomlobby ein furioses Comeback. Seit 1979 wurde hier kein neuer Reaktor mehr gebaut - der Störfall von Harrisburg hatte den Amerikanern 1979 die Lust an der Kernkraft verdorben. Doch das Trauma scheint überwunden.

New York - Klimawandel bedeutete in den USA lange nichts anderes als der Griff zur Fernbedienung für die "Air Condition", über CO2-Emissionen machte sich niemand Gedanken. Deshalb lieferten - und liefern - Kohle und Gas den Großteil der insgesamt 4,5 Billionen Kilowattstunden, die Amerika jedes Jahr verbraucht.

Kernkraft wurde, mitunter wortwörtlich, zum Fall fürs Museum - wie im Idaho National Laboratory westlich der Rocky Mountains: Im Dezember 1951 erstrahlte hier erstmals eine Glühbirne dank Kernenergie. Die zivile Nutzung der Atomkraft hatte begonnen, dem benachbarten Wüstenort Arco fiel die Ehre zu, als weltweit erste Stadt Atomstrom zu beziehen. Heute sind die Glühbirne und der dazugehörende Reaktor EBR-I eine Touristenattraktion, wenn auch eine spärlich besuchte.

Auch für die 104 verbleibenden Atommeiler war das Ende eigentlich absehbar - den meisten steht bald der 40. Geburtstag bevor, und dann läuft in den USA die Betriebserlaubnis aus. Doch mehr als die Hälfte davon haben bereits neue Lizenzen für weitere zwei Jahrzehnte erhalten. Ein AKW wie das 1974 in Virginia gestartete Calvert Cliffs muss nun statt 2014 erst 2034 vom Netz.

Nur gut ein Fünftel des US-Stroms kommt von Kernkraftwerken, doch wenn es nach den Wünschen der Energiekonzerne geht, soll dieser Anteil bald kräftig steigen. Insgesamt sind rund 30 neue Reaktoren geplant, vier sind bereits im Genehmigungsverfahren. Für manche ist das noch zu wenig. Bushs Energieminister Samuel Bodman fordert "130 oder 230 neue Werke", und auch der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain sprach sich jüngst für hundert neue Reaktoren aus. Auch sein Widersacher bei den Demokraten, Barack Obama, ist grundsätzlich nicht gegen einen Ausbau der Kernenergie.

Internationale Partnerschaften

Großzügige Kreditbürgschaften und Steuernachlässe gibt es dank eines Bush-Gesetzes von 2005 freilich schon jetzt für jeden Energiekonzern, der bis Ende dieses Jahres einen neuen Reaktor beantragt - ein maßgeblicher Grund für den Atomboom in diesen Tagen.

Längst läuft sich deshalb die Industrie für die zu erwartende Gründerzeit warm: General Electrics (GE) schloss eine Atompartnerschaft mit dem japanischen Kraftwerkspezialisten Hitachi; Amerikas zweitgrößter Atomstromerzeuger, NRG, verbündete sich mit Toshiba für den Bau zwei neuer Meiler in Texas. Und Frankreichs Kernkraftriese Electricité de France tat sich mit Amerikas Nummer drei, Constellation Energy, zusammen.

Der Atomboom führt aber auch zu etlichen Problemen. Bei der zuständigen Bundesbehörde zum Beispiel - der Nuclear Regulatory Commission - fehlt Personal, um die aufwendigen Genehmigungsverfahren vergleichsweise zügig zu bewältigen. In den sechziger und siebziger Jahren mussten die Energiekonzerne regelmäßig Stahl- und Betonkonstruktionen schon während des Baus wieder abreißen, weil sich die Sicherheitsvorschriften häufig änderten. Diesmal wollen sich die Beamten und Bauherren deshalb auf zwei oder drei Standardreaktoren verständigen: sozusagen Atommeiler nach dem Fertighausprinzip.

Gore versus Schwarzenegger

Engpässe drohen auch seitens der Zulieferindustrie. Die kann nur drei bis vier Reaktorbauten pro Jahr mit den notwendigen Bauteilen versorgen; für manche besonders wichtige Komponenten gibt es sogar nur eine einzige Gießerei weltweit, Japan Steel Works. Nur die Japaner sind in der Lage, die gewaltigen Stahlkonstrukte fürs Reaktorherz in einem Stück und mit größter Präzision zu gießen. Kraftwerkproduzenten müssen bei diesem Anbieter nun Schlange stehen. Wer mit seinem neuen Reaktor bis 2015 ans Netz will, muss wichtige Teile bereits jetzt bestellt haben.

Wenn es einen gibt, der den Imagewandel seiner Industrie vom Bösewicht zum Hoffnungsträger besonders eifrig betreibt, dann ist es David Crane. Der Vorstandsvorsitzende des zweitgrößten Energiekonzerns Amerikas, NRG, hat weder Vorzimmer noch Vorzimmerdame, sein Schreibtisch steht schlicht zwischen denen seiner Händler in einem Großraumbüro in Princeton bei New York.

Zum Stressabbau gibt es eine Basketballhalle gleich neben dem zentralen Handelsraum, bei den gut 200 jungen Mitarbeitern sind Jeans und T-Shirt nicht verpönt. Alles sieht eher nach Google aus als nach RWE oder Bayernwerk. Trotzdem dürfte die Firma bei den neuerdings etwas umweltbewussteren Amerikanern nicht zu den beliebtesten gehören: NRG ist einer der zehn größten CO2-Emittenten der USA.

Crane weiß, dass er handeln muss. Aber wie? In Amerika gibt es zurzeit zwei Optionen, sagt er. Die eine ist das Al-Gore-Modell, die andere der Schwarzenegger-Ansatz. Gore steht für Sparen und Verzicht. Crane glaubt nicht, dass die Amerikaner ihre Klimaanlagen abschaffen und die Wäsche wieder im Garten aufhängen wollen. Er glaubt, dass sich die Schwarzenegger-Philosophie durchsetzt, also: "Ich will weiter meinen Hummer fahren und meinen Gulfstream-Jet fliegen - das muss doch auch ohne Emissionen gehen!"

Atomstrom fürs Auto

Vorigen September reichte NRG deshalb als erster Konzern der Branche den Antrag auf ein neues Atomkraftwerk ein. Wenn alles nach Plan läuft, könnte der in Texas geplante Reaktor 2015 in Betrieb gehen und damit Amerikas erster Neubau seit Jahrzehnten sein.

Knapp 30 Jahre sind vergangen, seit der Störfall im Three Miles Island-Reaktor bei Harrisburg Amerika in Schrecken versetzte. Doch die Erinnerung daran verblasst, Ängste vor den Folgen der Erderwärmung treten zum Ende der Ära Bush in den Vordergrund - und helfen der Atomlobby erheblich bei ihrem Feldzug für neue emissionsfreie Reaktoren.

"Der erste Durchbruch für uns war die Erderwärmung", und jetzt, sagt Crane, sehe man gerade den zweiten Durchbruch - an den Tankstellen: "Benzinpreise von 4,30 Dollar pro Gallone brechen den amerikanischen Pendlern den Rücken."

Die Lösung fast aller Probleme besteht für ihn deshalb in einem massiven Ausbau der Kernenergie und dem Umstieg aufs Elektroauto. Zwischen 2020 und 2030 könnte es nach seiner Vision soweit sein: Dann wären genügend neue AKW am Netz, und die Autoindustrie hätte noch ausreichend Zeit für die Entwicklung elektronischer Antriebstechniken.

Selbst den Preis für eine Ladung nuklear erzeugten Autostroms hat er schon ausgerechnet: Die einer Gallone Sprit entsprechende Strommenge soll für einen Viertel des heutigen Preises, etwa 0,80 bis 1 Dollar, zu haben sein. "Dann lösen wir nicht nur unser eigenes CO2-Problem, sondern auch das der Transportbranche und anderer Industrien", sagt er, "wir können dann alles sauber elektrifizieren."


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