SPIEGEL ONLINE: Frau Stock-Homburg, wieso raten Sie Unternehmen, sich besonders um ältere und weibliche Mitarbeiter zu kümmern – setzen Sie sich für Randgruppen in deutschen Unternehmen ein?
Ruth Stock-Homburg: Randgruppe ist ein ganz falscher Begriff. Diese Menschen sind wichtige Ressourcen – nur haben leider noch nicht alle Firmen ihren Wert entdeckt. Wir stehen bereits jetzt einem starken Fach- und Führungskräftemangel gegenüber. In fünf bis zehn Jahren können wir Stellen nicht mehr besetzen, spätestens da brauchen wir qualifizierte und insbesondere auch motivierte ältere und weibliche Mitarbeiter.
BWL-Professorin Stock-Homburg: Fach- und Führungskräftemangel wird bald die Wachstumsbremse Nummer eins sein
SPIEGEL ONLINE: Unternehmen klagen schon jetzt über Fachkräftemangel - haben aber massiv ältere Fachkräfte ins Aus gedrängt.
Stock-Homburg: Hier ist derzeit ein Prozess des Umdenkens in Unternehmen zu beobachten: Viele Unternehmen haben verstanden, dass sie enorme finanzielle Ressourcen und wertvolles Know-how verschenken. Man muss Mitarbeiter nicht mal in den Ruhestand schicken, sondern es reicht, dass sie sich überflüssig vorkommen, damit sie ihre Motivation verlieren. Darum muss sich die ganze Unternehmenskultur ändern. Zum Beispiel müssen die Elefantenfriedhöfe abgeschafft werden.
SPIEGEL ONLINE: Elefantenfriedhöfe?
Stock-Homburg (lacht): Bereiche, in denen Führungskräfte geparkt werden, damit sie mehr oder minder nützliche Projekte machen. Dabei wäre es wichtig, diese erfahrenen Leute in wichtige Entscheidungen einzubinden. Ältere Mitarbeiter müssen das Gefühl haben, dass sie noch mal zeigen dürfen, was sie können - dass man ihre Erfahrung und ihr Fachwissen schätzt.
SPIEGEL ONLINE: Tatsächlich gelten Ältere oft als erstarrt und jobmüde - junge Mitarbeiter dagegen als flexibel, hoch motiviert, leistungsstark.
Stock-Homburg: Das Klischee von der Flexibilität stimmt doch nicht. Selbst junge männliche Manager leben in Beziehungen, in denen die Frau für sich den gleichen Anspruch erhebt zu arbeiten - und erwartet, dass auch er sich um Familie und Haushalt kümmert. Immer mehr Unternehmern wissen die 50- bis 60-Jährigen Beschäftigten zu schätzen, bei denen die Kinder schon aus dem Haus sind. Die können auch Auslandseinsätze viel einfacher organisieren und sind sogar froh, noch mal was anderes zu sehen.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem, gerade die moderne Technik hat den Arbeitsalltag immer komplexer gemacht. Ist das für Ältere nicht schwierig?
Stock-Homburg: Tendenziell ja. Einige Studien deuten darauf hin, dass die kognitiven Fähigkeiten mit den Jahren zurückgehen. Allerdings lassen unsere Fähigkeiten schon ab 27 nach. Zugleich wächst die Sozialkompetenz: Reifere Manager haben deutlich weniger arbeitsbedingte psychische Probleme als junge Manager - denn sie können auf lange Erfahrung zurückgreifen. So machen sie Defizite locker wett.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt jetzt sehr allgemein. Damit überzeugen Sie Manager?
Stock-Homburg: Ja. Es ist erwiesen, dass solche weichen Faktoren der Personalführung wichtig sind - und sie sich auch finanziell lohnen, weil Wissen im Unternehmen gefördert und gehalten wird. Selbst wenn der Erfolg nicht gleich greifbar scheint.
SPIEGEL ONLINE: Im Detail: Wie muss sich unsere Unternehmenskultur ändern?
Stock-Homburg: Unternehmen sollten Mitarbeitern aus den angeblichen Randgruppen klarmachen, dass sie normale Arbeitnehmer sind. Zum Beispiel durch Workshops, in denen man auf die unterschiedlichen Fähigkeiten eingeht. Natürlich geht das nicht über Nacht. Bewusstseinswandel braucht Zeit in Unternehmen, aber auch in unserer Gesellschaft.
SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie das doch mal am Beispiel von Managerinnen - einer wirklichen Randgruppe in deutschen Unternehmen.
Stock-Homburg: Hier treffen meines Erachtens zwei Welten aufeinander. Einerseits wird man als weibliche Führungskraft immer noch vorschnell als Rabenmutter eingeordnet, sobald man einen anspruchsvollen Beruf und Familie vereinbaren will. Anderseits befinden sich auch viele Frauen in alten Denkmustern und sind mental nicht wirklich auf den Aufstieg vorbereitet und haben Angst vor der eigenen Courage, wenn ihnen eine Führungsposition angeboten wird. Sie denken ihre Karriere weniger strategisch, sondern wollen vor allem einen Job, der sie erfüllt und ihn dem sie etwas bewegen können. Für die Unternehmen sind solche Jobmotive wie Etwas-bewegen-zu-Wollen gut. Also sollten sie die Frauen unterstützen.
SPIEGEL ONLINE: Tatsächlich scheitern Frauen oft an verkrusteten Strukturen.
Stock-Homburg: Zum Teil, ja. Das belegen unter anderem hohe Burn-out-Raten. Eine Untersuchung aus China zeigt, dass dort deutlich weniger Frauen ausbrennen als Männer - in Deutschland ist es umgekehrt.
SPIEGEL ONLINE: Was können Firmen konkret unternehmen?
Stock-Homburg: Männliche Mentoren könnten Frauen zum Beispiel gezielt auf Führungspositionen vorbereiten. Das fördert die Annäherung und das gegenseitige Verständnis.
SPIEGEL ONLINE: Viele Manager denken da nun sicher: Warum der Aufwand, klappt doch auch so?
Stock-Homburg: Weil hochqualifizierte Frauen eben das beste Mittel gegen den Fach- und Führungskräftemangel sind, der schon bald die Wachstumsbremse Nummer eins sein wird. Der Leidensdruck wird so hoch sein, dass Firmen gar nicht mehr darum herumkommen, Mitarbeiterinnen zu fördern. Schon heute stehen bestimmte Branchen unter Druck, kommen mit ihren Aufträgen nicht mehr hinterher, vor allem im Techniksektor. Das Gute ist: Die Unternehmen dort sind sehr dynamisch, Änderungen lassen sich in ihnen schnell durchsetzen.
SPIEGEL ONLINE: Das heißt aber, dass sie mehr aus Verzweiflung denn aus Einsicht umdenken.
Stock-Homburg: Aus Verzweiflung resultiert in der Regel irgendwann Einsicht. Wichtig ist, dass sich für die Mitarbeiter etwas ändert.
Das Interview führte Susanne Amann.
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