Von Marc Pitzke, New York
Es liest sich wie eine Formalität, doch wird das Verbot das gesamte Shorting erheblich erschweren. Denn bisher brauchten Trader den Leihprozess generell nicht zu dokumentieren, auch wenn sie ihn einhielten. Jetzt wird nicht nur den "nackten" Leerhändlern, sondern allen anderen Sand ins Getriebe gestreut. Seit Bekanntgabe des Verbots vergangene Woche rotiert die ganze Wall Street, um ihre gut geschmierten, geradezu reflexartigen Arbeitsabläufe der neuen Regel rechtzeitig anzupassen.
Hintergrund dieser drastischen Maßnahme sind natürlich die Hypotheken- und Kreditkrise - und die Serie von Bilanzeinbrüchen und Kursverlusten. Das Traditionshaus Bear Stearns ging im März ganz unter, nachdem sich ein Gerücht verselbständigte, es habe Liquiditätsprobleme. Die SEC fahndet nach den Urhebern dieser Gerüchte, vermutet aber, dass Leerhändler - die an dem Kollaps der Investmentbank verdienten - etwas damit zu tun gehabt haben könnten.
Die SEC hatte zuletzt 2004 Maßnahmen gegen den Missbrauch des Leerhandels erlassen. Seitdem wurden alle Börsenwerte, bei denen kurzfristig Verdacht auf Naked Shorting besteht, in einer täglichen Liste geführt. Deren letzte Version bei der New York Stock Exchange (NYSE) enthielt 124 Firmen, darunter General Motors
, US Airways, Blockbuster
, Thomson Reuters und Wachovia.
Seit die SEC jedoch das Nackthandelsverbot verkündet hat, tobt an der Wall Street, auf den Börsenblogs und in den Wirtschaftssendern eine hitzige Diskussion. Manche befürworten den Schritt als überfällig. Manche halten ihn für ein billiges Mittel, die Misere auch diesmal den üblichen Sündenböcken anzukreiden.
Die wahren Schuldigen, so diese Kritiker, kämen ungeschoren davon, und das sogar mit Millionenabfindungen: die Bankenchefs. "Wir sitzen hier rum und reden über Short Sellers", lamentierte Charlie Gasparino, Redakteur beim Businesskanal CNBC. "Wir sollten eher über das reden, was einige dieser Vorstandschef so alles gesagt haben."
Etwa der damalige CEO von Bear Stearns, der im März auf selbigem Sender schwor: "Die Bilanz von Bear Stearns, die Liquidität und das Kapital sind stark." Zwei Tage später war der Konzern am Ende. In der Tat haben auch etliche akademische Wirtschaftsstudien ermittelt, dass Short Selling dem Markt in Wahrheit gut tue: Es korrigierte die tägliche Übertreibung, relativiere Preise und verhindere, dass Aktien überbewertet würden.
Diese Ansicht teilten zumindest auch die alten Holländer nicht. Nach dem Tulpen-Debakel von 1637 verboten sie an der Amsterdamer Börse auch jeglichen Leerhandel mit Aktien der Niederländischen Ostindien-Kompanie - der ersten Firma der Geschichte, die börsennotiert war.
Es war übrigens Peter Minuet, einer dieser holländischen Kaufleute, der elf Jahre zuvor jenseits des Atlantiks eine Kolonie begründet hatte, indem er den Indianern ein Stück Land am Hudson River für 26 Dollar abkaufte. Zum Schutze ihrer Ortschaft bauten die Siedler eine Mauer. Die Straße dahinter heißt heute Wall Street.
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