Wirtschaft



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23.07.2008
 

Siemens-Affäre

Martin Walser verteidigt Bestechung durch deutsche Firmen

Der Schriftsteller Martin Walser mischt sich mit provokanten Thesen in den Siemens-Skandal ein: Er hält Bestechung im Ausland für völlig legitim. Walser nimmt auch Ex-Konzernchef von Pierer in Schutz - und warnt vor einer öffentlichen "Hinrichtung".

Köln - Martin Walser ist für Tabubrüche bekannt. Nun hat er sich erneut mit einer provokanten These an die Öffentlichkeit gewandt: Der Schriftsteller hält Bestechung durch deutsche Unternehmen bei der Auftragsbeschaffung im Ausland für gerechtfertigt.

Schriftsteller Martin Walser: "Deutsch, deutsch bis ins Mark"
DDP

Schriftsteller Martin Walser: "Deutsch, deutsch bis ins Mark"

"Jeder weiß, dass in vielen Ländern Großaufträge ohne Bestechung nicht zu bekommen sind", sagte der 81-Jährige dem Wirtschaftsmagazin "Capital". Während in Frankreich "kein Hahn danach kräht, ob Unternehmen bestechen", sei es "deutsch, deutsch bis ins Mark", dass Manager hierzulande an den Pranger gestellt würden.

Ausdrücklich verteidigte Walser im Zusammenhang mit der Siemens-Schmiergeldaffäre den früheren Vorstands- und Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer: "Hier ist eine öffentliche Person in den Medien mehr oder weniger zur Hinrichtung präpariert worden, ohne dass wirklich etwas nachzuweisen ist." Mit "vermutungsverdächtigungsvirtuosen Formulierungen" sei über von Pierer berichtet worden.

Walser hat sich in der Vergangenheit immer wieder zu ökonomischen Themen geäußert. Im Jahr 2006 veröffentlichte er mit "Angstblüte" eine Satire um einen Finanzjongleur. Walser erhielt zahlreiche Literaturpreise und wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Walser verteidigt auch Ex-Post-Chef Zumwinkel

Zum Fall Siemens sagte Walser nun: "Meine Vermutung ist, so ein Unternehmen ist derart konstruiert, dass bis zu einer gewissen Ebene alle wissen, wir müssen bestechen, aber wir müssen für den Fall des Falles die Spitze davon freihalten. Dann ist das eine sehr solide, vernünftige Konstruktion."

Auch den früheren Post-Chef Klaus Zumwinkel, der über Liechtenstein Steuern von rund einer Million Euro hinterzogen haben soll, nahm der Schriftsteller in Schutz: "Der Staat sollte sich mal überlegen, warum so etwas passiert. Es gibt ja wenige Steuerflüchtlinge vom Ausland in die Bundesrepublik, oder?"

Journalisten setzten in ihrer Berichterstattung bei den Lesern ein "wollüstiges Interesse" voraus: "Die wissen, es freut die Leute, wenn man zuerst sagt, das ist einer der am edelsten aussehenden Wirtschaftsmenschen und schau mal da: korrupt, korrupt, Sumpf, Sumpf." Viele Menschen seien vom Neid befallen, wenn Manager das Hundertfache verdienten.

Über sich selbst sagte Walser, er habe materielle Not immer gefürchtet. Geld sei das einzige Mittel, das Unabhängigkeit garantiere. Statistiken über wachsende Armut in Deutschland zweifelt der Schriftsteller aber an: "Da bin ich absolut erkenntnisabweisend. Wenn es jetzt heißt, jeder achte Deutsche ist arm, und wenn der Staat nicht zuzahlte, dann müsste jeder vierte als arm bezeichnet werden - das kann ich mir nicht vorstellen", zitiert das Magazin den 81-Jährigen.

Ex-Vorstände wollen nichts bemerkt haben

In der Siemens-Schmiergeldaffäre sind ehemalige Vorstände massiv unter Druck geraten. Presseberichten zufolge will der Konzern die verantwortlichen Manager auf Schadenersatz verklagen. Frühere Spitzenkräfte wiesen eine Verantwortung von sich. So erklärten die Ex-Vorstände Heinz-Joachim Neubürger und Lothar Pauly, sie hätten von systematischen Schmiergeldzahlungen nichts bemerkt.

Beide Manager hätten sich bei ihren Vernehmungen auf große Erinnerungslücken berufen, berichtete Staatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl vor dem Münchner Landgericht. Der frühere Vorstand des Kommunikationsbereichs Com, Pauly, habe bei seiner Vernehmung erklärt, ein System schwarzer Kassen sei ihm "völlig unbekannt". Der ehemalige Finanzvorstand Neubürger habe sich erst nach mehreren Nachfragen an einen fünfseitigen Vermerk der Siemens-Rechtsabteilung wegen Zahlungen nach Nigeria erinnern können.

Neubürger habe erklärt, er habe den zuständigen Bereichsvorstand angewiesen, alle Missstände abzustellen und die internen Korruptionsbekämpfer beauftragt, sich um die Angelegenheit zu kümmern. Neubürger habe es nicht geprüft, "er hat sich drauf verlassen", sagte Bäumler-Hösl. Aus Konzernunterlagen sei aber auch den Ermittlern nicht klar geworden, wie die Kompetenzen genau verteilt waren.

Urteil am kommenden Montag

Neubürger und Pauly stehen beide im Visier der Ermittler und sagten nicht persönlich im Siemens-Schmiergeldprozess aus, sondern machten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch.

Pauly erklärte laut der Staatsanwältin, er habe sich Sachen, die er unterschrieben habe, nicht so genau angeschaut. Der Ex-Vorstand habe unter anderem auf große Arbeitsbelastung verwiesen. "Herr Pauly hatte einen gewissen Overflow in dieser Zeit", sagte Bäumler-Hösl. "Er hat sich darauf verlassen, dass die anderen prüfen." Verdächtige Formulierungen in geschäftlichen E-Mails, wie "sweet promises", habe Pauly mit der blumigen Sprache des Absenders erklärt.

Im ersten Siemens-Schmiergeldprozess ist der frühere Siemens-Direktor Reinhard S. wegen Untreue angeklagt. Er hat gestanden, für die zur früheren Kommunikationssparte COM gehörende Telefonsparte ICN 53 Millionen Euro in schwarze Kassen umgeleitet zu haben. Für den morgigen Donnerstag sind die Plädoyers geplant. Das Urteil könnte dann am kommenden Montag fallen.

wal/dpa/AP

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