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27.07.2008
 

Lufthansa-Tarifstreit

Ver.di ruft zu Streik an allen Fronten auf

Ver.di hat alle Lufthansa-Mitarbeiter in Frankfurt und Hamburg aufgerufen, mit Dienstbeginn die Arbeit ruhen zu lassen. Auch Flüge anderer Airlines könnten sich verzögern - Lufthansa übernimmt für mehr als 50 Fluglinien Leistungen in den Bereichen Technik, Catering und Check-in.

Berlin - Massive Flugbehinderungen, mitten in der Urlaubssaison: Ab Montagfrüh um 0 Uhr streiken bundesweit die Lufthansa-Mitarbeiter, am Boden wie in der Kabine. "Schwerpunkte des Streikbeginns sind Frankfurt und Hamburg", sagte Ver.di-Sprecher Harald Reutter SPIEGEL ONLINE.

Fluglotse in Düsseldorf: Bundesweite Streiks an allen Fronten
DDP

Fluglotse in Düsseldorf: Bundesweite Streiks an allen Fronten

Am Drehkreuz Frankfurt rief Ver.di alle Lufthansa-Mitarbeiter dazu auf, mit Dienstbeginn die Arbeit ruhen zu lassen, in Hamburg nahezu alle Beschäftigte. Auch an mehreren anderen Standorten werde gestreikt, sagte Reutter. Genauere Details wollte er aus taktischen Gründen nicht nennen.

Der Ver.di-Streik erstreckt sich über viele Bereiche: Neben dem eigentlichen Flugverkehr seien auch Technik, Luftfracht und Catering betroffen, sagte Gewerkschaftssekretär Gerhard Straube. Der Streik sei unbefristet: Die Arbeitsniederlegungen würden erst beendet, wenn Lufthansa im Tarifkonflikt ein neues Angebot vorlege.

Auch Kunden anderer Fluglinien könnten die Streiks treffen

Auch Urlauber, die ab Montag mit anderen Fluglinien verreisen, sollten sich vorab informieren. Denn die Lufthansa übernimmt in den Bereichen, in denen gestreikt wird, für zahlreiche andere Fluglinien Leistungen ( Übersicht der Lufthansapartner).

"Wir können das Ausmaß der Auswirkungen derzeit nicht abschätzen", sagt Lufthansa-Sprecherin Claudia Lange SPIEGEL ONLINE. "Fakt ist: Bei längeren Streiks könnten auch Drittkunden von Lufthansa betroffen sein." Für die Fluglinie Germanwings beispielsweise betreut die Lufthansa am Stuttgarter Flughafen zum Teil die Bereiche Technik, Catering und Check-in. "Um Behinderungen zu vermeiden, halten wir vorübergehend eigenes Personal aus anderen Städten bereit", sagt Germanwings-Sprecherin Angelika Schwaff SPIEGEL ONLINE.

"Gäste können also morgen bedenkenlos zum Flughafen kommen", sagt Schwaff. Dennoch seien Verzögerungen nicht ausgeschlossen. "Ich würde allen Kunden empfehlen, frühzeitig einzuchecken, da sich gerade an den Schaltern längere Schlangen bilden könnten als sonst."

Auch die Fluglinie Air Berlin hat sich nach eigenen Angaben auf die Streiks vorbereitet: "Die Lufthansa übernimmt für uns in den Städten Bremen, Dresden, Leipzig und Stuttgart Arbeiten im Technik-Bereich", sagt Peter Hauptvogel, Kommunikationschef von Air Berlin, SPIEGEL ONLINE. "Damit es zu keinen Verzögerungen kommt, haben wir eigenes Personal zu diesen Flughäfen beordert." Mit Ausfällen rechne er vorerst nicht.

"Kein gutes Licht auf das Reiseland Deutschland"

Ver.di-Sprecher Reutter rechnet damit, dass sich der Streik im Laufe des Montags zuspitzen wird. In Frankfurt sei aufgrund früherer Erfahrungen damit zu rechnen, dass anfangs nur tausend bis zweitausend Beschäftigte an den Ausständen teilnähmen. Im Laufe der Tage würden es erfahrungsgemäß immer mehr. "Das gibt eine ganz eigene Dynamik", sagte Reutter.

Auch Lufthansa-Sprecherin Lange rechnet damit, dass das Ausmaß an Flugausfällen am ersten Tag nicht so dramatisch ausfallen wird wie in den darauffolgenden Tagen.

Politiker warnten schon vor Beginn der Ausstände. Der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Ernst Hinsken, sagte dem "Tagesspiegel", dieser Streik werfe "kein gutes Licht auf das Reiseland Deutschland". Er appellierte an die Tarifparteien, schnell an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Der Vorsitzende des Bundestags-Verkehrsausschusses, Klaus Lippold (CDU), sagte, ein Tarifabschluss dürfe die Wettbewerbsfähigkeit der Branche nicht schädigen. Der SPD-Wirtschaftsexperte Rainer Wend bezeichnete es als "ärgerlich", dass weniger der Streikgegner getroffen werde als Urlauber.

Größter Streik seit 13 Jahren

Ver.di fordert für die rund 50.000 Beschäftigten 9,8 Prozent mehr Geld für ein Jahr. Die Lufthansa hat 7,7 Prozent für 21 Monate angeboten und vorgeschlagen, den Konflikt mit einem Schlichtungsverfahren zu lösen.

Nach Einschätzung des Commerzbank-Analysten Frank Skodzik wird die Lufthansa alles tun, um schnell wieder zu verhandeln. "Wir schätzen, dass so ein richtiger Streiktag fünf Millionen Euro kosten wird", sagte er.

Am Wochenende versuchten die Tarifpartner indes nicht mehr, den Streik abzuwenden. Sie beteuerten allerdings aufs Neue, zu Verhandlungen bereit zu sein: "Ziel ist es, die Lufthansa wirtschaftlich unter Druck zu setzen, nicht, die Passagiere zu bestreiken", sagte Ver.di-Sprecher Reutter. Lange sagte, Lufthansa sei trotz des Arbeitskampfs gesprächsbereit.

Die Fachgewerkschaft UFO betonte, sich an dem Streik nicht beteiligen zu wollen. Es werde keinen Tarifabschluss für das Kabinenpersonal geben, den die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di abschließen könne. Da die UFO 15 Prozent und damit weit mehr als Ver.di fordere und ihr Tarifvertrag noch bis Ende des Jahres laufe, könnten und wollten ihre Mitglieder dem Ver.di-Streikaufruf nicht folgen.

ssu/AP/AFP/dpa/ddp/Reuters

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