Von Marc Pitzke, New York
Neulich, in der Filiale des Juweliers Tiffany's an der Wall Street: Durch die Riesenfenster strahlt die Sonne in den hohen, hellen Verkaufssaal, der früher eine Bankhalle war. In der Auslage glitzern ein Armband aus Sterlingsilber (275 Dollar), eine Perlenkette (800 Dollar), tropfenförmige Goldohrringe, 18 Karat (850 Dollar) und - als Krönung - die Armbanduhr mit Diamanten (8100 Dollar). Ein paar Bedienungen stehen einladend an der Freitreppe. Doch kein Kunde lässt sich blicken.
Skyline von New York: Droht der größte Gehaltssturz in der Geschichte der Wall Street?
Und nicht nur die. Wenn die Wall Street schnieft, hustet ganz New York - von unten bis oben. Das beginnt bei den Schuhputzern im U-Bahnhof Fulton Street, wo die Broker in der Mittagspause ihr Fußleder polieren lassen, und endet in Tiffany's allerneuester Dependance, die erst im vorigen Oktober direkt um die Ecke von der Börse eröffnete.
Schlechtes Timing, kann man da nur sagen. Im ersten Quartal 2008 fuhren die New Yorker Finanzfirmen Verluste in Höhe von fast 23 Milliarden Dollar ein. Allein im Juni verloren 4300 Menschen an der Wall Street ihre Jobs.
New Yorks Wirtschaft hing schon immer am Tropf der Börse, die fast ein Viertel aller Gehälter der Stadt und 27 Prozent der Steuern produziert. Jede Erschütterung im Finanzsektor trifft denn auch Gastronomie, Einzelhandel, Dienstleistungen und den Immobilienmarkt.
Eigentlich haben sich die Leute längst daran gewöhnt. Diese gemeinsame Achterbahnfahrt, sie gehört dazu. Doch noch nie in jüngster Zeit ging es so steil bergab wie jetzt.
Dank der Kreditkrise rechnet New York City dieses Jahr mit dem größten Gehaltssturz in der Geschichte der Wall Street - und in Folge dessen mit einem gigantischen kommunalen Haushaltsloch. Die Gehälter und Bonusausschüttungen der Investmentbanken, so fürchten die Rechenkünstler in den Geldtürmen nämlich, dürften 2008 um mehr als 18 Milliarden Dollar niedriger ausfallen als im Vorjahr.
Schon die Halbjahreszahlungen lagen 9,5 Milliarden Dollar unter dem Vorjahreswert. Die Lage ist damit schlimmer als nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Damals schrumpften die Bezüge der Wall-Street-Banker um rund 6,5 Milliarden Dollar.
Die Bonusmisere ist der schmerzhafteste Verlust für die Banker: Im Schnitt betragen diese an die Leistung der Firma und des Mitarbeiters gekoppelten Zahlungen bisher 60 Prozent der Gesamtbezüge. "New Yorks finanzielle Zukunft", so das Wirtschaftsblatt "Crain's", "sieht düster aus."
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