Hamburg - Michael Wendl ist nicht irgendwer. Der Mann war bayerischer ÖTV-Chef und bis April 2007 stellvertretender Vorsitzender der bayerischen Ver.di-Landesbezirksleitung. Und Wendl ist fassungslos über Bsirskes Luxusurlaubsreise mitten im Tarifkonflikt seiner Gewerkschaft mit der Lufthansa.
Sich von der Lufthansa zu diesem Flug einladen zu lassen, "ist eine bodenlose politische Instinktlosigkeit", sagte Wendl zum SPIEGEL. Auch dass Bsirske erster Klasse flog, sei "mehr als schlechter Stil". Das zeige, so Wendl, "dass man die Nähe zum gehobenen Management suche und dazugehören will, statt das Ohr an der Basis zu haben".
Ver.di-Chef Bsirske: Fünf Wochen will er im Urlaub bleiben - sein Sprecher verteidigt ihn
"Soll er doch in der Südsee bleiben"
Auch Politiker von FDP und CSU äußerten sich empört über den Gratisflug von Lufthansa-Aufsichtsratsmitglied Bsirske mitten im Lufthansa-Tarifstreit. "Soll er doch gleich in der Südsee bleiben", unkte FDP-Generalsekretär Dirk Niebel in der "Bild"-Zeitung. "Wenn er jetzt nicht zurücktritt, sollten ihm die Gewerkschafter den Stuhl vor die Tür setzen", forderte Niebel. Der CSU-Wirtschaftsexperte Hans Michelbach sagte der Zeitung: "Bsirske agiert nach dem Motto: links reden, rechts leben. Eigentlich müsste er jetzt zurücktreten. Er hat seine Leute während des Arbeitskampfes im Stich gelassen."
Der Hintergrund der heftigen Attacken: Ver.di-Chef Bsirske ist laut "Bild"-Zeitung mit der Lufthansa für knapp fünf Wochen in die Südsee geflogen - erster Klasse und noch dazu gratis. Am 8. Juli sei der Ver.di-Chef mit seiner Frau in Berlin per Business-Class nach Frankfurt am Main gejettet, von dort weiter in der ersten Klasse nach Los Angeles und schließlich weiter in die Südsee. Kurz danach hatte der Streik bei der Lufthansa begonnen, zu dem Ver.di aufgerufen hatte.
Als stellvertretendem Aufsichtsratschef stehen Bsirske die Gratisflüge zwar zu - doch politisch geschickt ist ein solcher Ausflug nicht in einer Zeit, in der Bsirskes Organisation gerade einen harschen Tarifstreit mit der Airline austrägt. Auch der CDU-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Parlamentskreises Mittelstand, Michael Fuchs, verlangte Bsirskes Rückzug aus dem Lufthansa-Aufsichtsrat. "Das Verhalten ist unglaublich. Ich fordere Herrn Bsirske auf, sein Aufsichtsratsmandat bei Lufthansa niederzulegen", sagte Fuchs der Zeitung.
Dass der Gewerkschaftsboss ausgerechnet während des Streiks bei Lufthansa Ferien mache, sei kein außergewöhnlicher Vorgang, sagte Ver.di-Sprecher Harald Reutter zu SPIEGEL ONLINE. "Als Herr Bsirske in den Urlaub fuhr, waren die Verhandlungen zwischen Ver.di und Lufthansa noch nicht abgebrochen", sagte er. Verhandlungsführer der Gewerkschaft in diesem Tarifstreit sei Erhard Ott, daher müsse Bsirske nicht vor Ort sein. Der Gewerkschaftschef werde seinen Urlaub nicht abbrechen. Da Ver.di viele Branchen vertrete, könne der Gewerkschaftschef nicht bei jeder Auseinandersetzung präsent sein.
Neben dem Ärger um Bsirskes Urlaubstrip gibt es auch wegen der gestern erzielten Einigung in der Tarifauseinandersetzung mit der Lufthansa viel Unmut. Geschäftsführung und Gewerkschaft haben sich auf eine Lohnerhöhung um 5,1 Prozent rückwirkend zum 1. Juli geeinigt. Am 1. Juli 2009 folgt eine weitere Erhöhung, und zwar um 2,3 Prozent. Zudem gibt es eine Einmalzahlung von 1,5 Prozent und eine ergebnisabhängige Komponente, die je nach Geschäftsfeld bis zu 0,9 Prozent betragen kann. Die Einigung gilt nach Angaben der Lufthansa für 34.000 Mitarbeiter am Boden. Auf der Basis von zwölf Monaten entspreche dies einer Lohnerhöhung von 4,2 Prozent. Das ist vielen Mitgliedern zu wenig.
ase/dpa
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