Von Anne Seith
Hamburg - Revolutionsstimmung bei der Lufthansa: Kaum ist der fünftägige Streik des Bodenpersonals vorbei, da planen bis zu 5000 Piloten der Vereinigung Cockpit (VC) schon den nächsten Ausstand. Sie kämpfen für höhere Gehälter bei Lufthansa-Töchtern und nebenbei noch für einen eigenen Betriebsrat im Konzern - ein dreistündiger Warnstreik soll dem Anliegen Gehör verschaffen.
Pilot am Flughafen Düsseldorf: Ein Blick auf die Lufthansa ist ein Blick auf die Zukunft der deutschen Tarifpolitik, sagt ein Experte
Derweil rebellieren Teile des Bodenpersonals gegen den von Ver.di verhandelten Abschluss: Ein neu gegründetes Netzwerk fordert Kollegen auf, den Kompromiss bei der Urabstimmung abzuschmettern. In München denken Mechaniker über die Abspaltung von Ver.di nach. Die Vereinigung Boden, die sich 2005 gebildet und seitdem rund tausend Mitglieder gewonnen hat, war sowieso von Anfang an gegen die Ver.di-Strategie. Die Unabhängige Flugbegleiter Organisation (Ufo), in der das Kabinenpersonal organisiert ist, will die Einigung ebenfalls nicht akzeptieren und Ende des Jahres für die eigene Klientel mit der Forderung nach 15 Prozent mehr Gehalt in neue Gespräche gehen.
Manager anderer Konzerne können die Zustände bei der Airline noch mit einem Schmunzeln beobachten. Doch Gewerkschaftsexperte Horst-Udo Niedenhoff rät, genau hinzuschauen bei der Airline: Ein Blick auf die Lufthansa sei ein Blick in die Zukunft der deutschen Tarifpolitik. "Die Funktionseliten werden zunehmend das Sagen haben", sagt der Volkswirt, der früher beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) tätig war und heute Firmen in Betriebsverfassungsfragen berät.
In einigen Jahren könnte es in vielen Unternehmen so zugehen wie bei der Lufthansa, glaubt Niedenhoff. Dort streiten sich unter anderem Ver.di, die VC, KabineKlar und die Vereinigung Boden um Mitglieder und Einfluss - und sie werden dabei immer aggressiver. Schon der Streik des Kabinenpersonals war Experten zufolge für Ver.di auch Showkampf. Die Organisation wollte Kampfbereitschaft demonstrieren.
Auch in anderen Branchen entdecken immer mehr Mini-Organisationen ihre Macht und werden selbst in der Tarifpolitik aktiv. Mit oft durchschlagendem Erfolg. Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund kündigte 2005 die Tarifgemeinschaft mit Ver.di auf - und erstreitet seitdem oft spektakuläre Abschlüsse im zweistelligen Prozentbereich. Bei der Bahn sorgte jüngst die streitlustige Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) monatelange für mächtig Krawall.
In der Bankenbranche streitet sich Ver.di mit dem Deutschen Bankangestellten Verband (DBV) und der DHV um Mitglieder und Einfluss. Niedenhoff zufolge ist das nur der Anfang. "Im IT-Bereich sind ähnliche Tendenzen denkbar, oder bei Ingenieuren, Sekretärinnen oder beim Pflegepersonal. Die Zeiten der Großgewerkschaften gehen dem Ende entgegen."
Vor allem das Experiment Ver.di scheint für den Machtzuwachs der Mini-Gewerkschaften mit verantwortlich zu sein. 2001 wurde die Organisation aus fünf Einzelgewerkschaften geschmiedet. Rund 600.000 Mitglieder flüchteten seitdem aus dem Riesenapparat, der trotzdem noch 2,3 Millionen Mitglieder hat. Ver.di sei eben ein "künstliches Gebilde", sagt der Hamburger Arbeitsrechtler Ulrich Zachert. Der Massenorganisation sei es bislang nicht gelungen, die unterschiedlichen Interessenlagen ausreichend zu vertreten. Die Frage, ob Ver.di dieses Problem in den Griff bekomme, entscheide letztlich über die Zukunft der deutschen Gewerkschaftslandschaft überhaupt. Niedenhoff glaubt, dass die längst klar ist. "Ver.di kann nicht funktionieren", sagt er. "Es war ein Riesenfehler, in Zeiten der Individualisierung auf derartige Größe zu setzen."
Die Folgen der neuen Vielfalt im Arbeitnehmerlager sind auch für die Öffentlichkeit deutlich spürbar: In ihrem Bestreben, den eigenen Mitgliedern etwas zu bieten, zeigen sich die Organisationen aggressiver denn je. 2007 sind in Deutschland laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) so viele Arbeitstage durch Streik ausgefallen wie seit 14 Jahren nicht mehr. In den vergangenen Monaten folgte den unzähligen Streiks bei der Bahn ein Riesenausstand im Öffentlichen Dienst, anschließend kam es zu wochenlangen Arbeitsniederlegungen bei den Berliner Verkehrsbetrieben, und seit Juli gibt es beständig Ärger im Luftverkehr.
Die Arbeitgeber müssen sich umstellen. "Tarifkonflikte sind zunehmend weniger planbar", sagt Niedenhoff. Und immer wieder werden Gewerkschaften seiner Ansicht nach versuchen, sich in ihren Forderungen gegenseitig zu übertrumpfen. Auch für die Arbeitnehmer sind die neuen Mini-Gewerkschaften nicht unbedingt ein Segen. "Wenn jede Beschäftigtengruppe für sich kämpft und Solidarität kaum noch eine Rolle spielt, haben die Schwachen automatisch das Nachsehen", sagt Zachert.
Piloten etwa können mit einem Arbeitskampf innerhalb kürzester Zeit Chaos anrichten, wie sich jüngst bei einem Warnstreik von tausend Kollegen zeigte. Innerhalb von nur 36 Stunden fielen 1000 Lufthansa-Flüge aus. Die Beschäftigten im Einzelhandel dagegen zogen kürzlich über 15 Monate einen Arbeitskampf durch - ohne dass die Öffentlichkeit davon groß Notiz genommen hätte. Die Ausständler wurden durch Zeitarbeitskräfte ersetzt. Dementsprechend enttäuschend fiel mit drei Prozent Lohnsteigerung das Ergebnis aus.
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