Wirtschaft



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06.08.2008
 

Alan Greenspan

Machtloser Wunderheiler

Alan Greenspan, ehemaliger Chef der US-Notenbank, spricht von einer Jahrhundertkrise der Weltwirtschaft. Und übt gleichzeitig subtile Selbstkritik. Seine eigene Rolle im globalen Abschwung beleuchtet er dabei jedoch nicht.

Hamburg/London - Alan Greenspan sieht die Weltwirtschaft angesichts der Banken- und Konjunkturmisere vor großen Herausforderungen: "Diese Krise ist anders - ein Ereignis, wie es ein oder zweimal pro Jahrhundert vorkommt, tief verwurzelt in den Ängsten vor der Insolvenz großer Finanzinstitutionen", schreibt der ehemalige Chef der US-Notenbank Fed in einem Gastbeitrag für die britische "Financial Times". Die eigentliche Überraschung, so Greenspan, seien nicht die niedrigen Wachstumsraten der vergangenen Monate, sondern "dass es überhaupt noch Wachstum gibt".

Alan Greenspan: "Menschliche Neigung, zwischen Angst und Euphorie hin- und herzuschwanken"
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Alan Greenspan: "Menschliche Neigung, zwischen Angst und Euphorie hin- und herzuschwanken"

Was der 82-jährige US-Ökonom dabei verschweigt: Mit dauernden Zinssenkungen haben er und sein Nachfolger Ben Bernanke die Krise selbst mit angeheizt. Seit August 2007 schraubte die Fed den Leitzins ganze siebenmal auf aktuell zwei Prozent herunter, um die amerikanische Wirtschaft anzukurbeln. Die Krise konnte sie damit nicht abwenden - im Gegenteil.

Bereits zu Greenspans Amtszeit, der bis 2006 Chef der Notenbank war, galten Zinssenkungen als Wundermittel gegen die drohende Rezession. Von 2001 bis 2003 drückte er den Leitzins massiv auf 1,0 Prozent. Das gilt als Startschuss für die Vergabe von Billigkrediten an Konsumenten, die sich zuvor keine Hypothek leisten konnten - und angesichts ihrer finanziellen Lage auch besser nicht geleistet hätten. Doch waren stetig steigende Hauspreise eine viel zu verlockende Absicherung.

Die Mehrzahl der privaten Haushalte kann das Konsumwunder beim besten Willen nicht mehr verlängern. Viele Amerikaner finanzieren ihren Alltag inzwischen auf Pump. Die Notenbank müsste eigentlich etwas tun, um das Verlangen nach Krediten zu dämpfen. Stattdessen versucht sie, den schuldenfinanzierten Konsum mit Zinssenkungen weiter anzuheizen. Auch weil diesem Geld keine realen Werte gegenüberstehen, steigt die Inflation.

Zinssenkungen als Wundermittel gegen Rezession

Die privaten Banken, die in jüngster Zeit Abschreibungen in Milliardenhöhe zu verbuchen hatten, sind vorsichtiger geworden. Sie wollen keine weiteren Unwägbarkeiten. Die Notenbank aber drängt sie zum Risiko. Sie lässt Liquiditätsspritzen in den Markt geben und versucht, die privaten Banken zur weiteren Kreditvergabe zu ermuntern. Diese sollen den Konsumrausch von Kleinkunden und Mittelständlern nicht nur weiter finanzieren, sondern ihn nach Möglichkeit noch stimulieren - aus patriotischen Gründen. Seit Jahren wächst der Schuldenberg der Privathaushalte pro Werktag um vier Milliarden Dollar.

Greenspan wehrt sich gegen den Vorwurf, er sei für die Krise am Hypotheken- und Immobilienmarkt mitverantwortlich, weil er als Notenbankchef die Zinsen zu lange zu niedrig gehalten habe. Er habe erst Ende 2005 eine Vorstellung gehabt, wie schwerwiegend das Problem sei, sagte er im vergangenen Herbst.

"Nie fähig, Finanzkrisen zu eliminieren"

Heute räumt er aber durchaus selbstkritisch ein, dass seine Politik der wundersamen Geldvermehrung langfristig keine Aussicht auf Erfolg hatte. "Regulierung, die angeblich effektive Lösung für die heutige Krise, war nie in der Geschichte fähig, Finanzkrisen zu eliminieren", sagte er der "Financial Times". Die Krise sei nicht dadurch beendet worden, dass die Zentralbanken riesige Dosen kurzfristiger Liquidität injizierten. Ein Anschein von Stabilität an den Märkten sei erst wiederhergestellt worden, als der Staat den wankenden Bankensektor im großen Stil unterstützte.

"Die Insolvenzkrise wird erst zu einem Ende kommen, wenn sich die Häuserpreise in den USA stabilisieren und deutlich wird, wie viel Eigenkapital in den Häusern noch steckt", sagte Greenspan. Für die konjunkturelle Misere findet er eine freilich recht unverfängliche Erklärung: "Der Grund für unsere aktuelle Verzweiflung ist … nicht der Markkapitalismus, sondern die allzu menschliche Neigung, zwischen Angst und Euphorie hin- und herzuschwanken."

son/suc/ddp/dpa

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