Von Marc Pitzke, New York
Der Autor verbarg sich hinter stets wechselnden, kaum zweideutigen Kürzeln: "UPSET08", "CRAZY10", "ahmp1ssed0ff". Doch seine Identität blieb nicht lange anonym. Bald kam heraus, dass der australische Discjockey und Modedesigner Tommii Cosgrove dahinter steckt. Cosgrove ist der nunmehr geschiedene Ehemann besagter Dame, mit der Rattner das Verhältnis hatte.
Cosgroves endlose Online-Schimpfkanonaden geisterten bald kreuz und quer durch den Cyberspace - vom "New York Magazine" über die "New York Times", den "New York Observer", "MySpace", "Facebook" und den Klatschblog "Gawker" bis hin zu phantasievollen Websites, die Cosgrove offenbar nur zu einem Anlass angelegt hatte - um Rattner niederzumachen. Es war ein virtueller Pranger.
Wochenlang führte Cosgrove seine Internet-Vendetta. Rattner habe Cosgroves damalige Frau Kelly in London kennengelernt. Er habe ihr nicht nur eine halbe Million Dollar gegeben, um Cosgrove zu verlassen, sondern auch "einen Ferrari, ein Haus und noch mehr Bargeld" - wie Richard Gere im Film "Pretty Woman".
Er habe sie mit "exotischen Geschenken und Juwelen, Designerklamotten und Trips nach Macao, Hongkong, auf die Philippinen, nach Frankreich, Monaco und London überschüttet". Nach einer Weile habe er sie "für ein jüngeres Model" verlassen. "Es ist atemberaubend, was die Reichen alles tun, um eine Frau zu kriegen", wetterte der gehörnte Gatte. "Zu dumm, wenn die avisierte Dame die Frau eines anderen ist. Reiche denken, sie könnten sich alles kaufen."
Cosgrove indes beließ es nicht bei der Detailberichterstattung. Er veröffentlichte auch Rattners Büronummer und seine interne E-Mail-Adresse bei Credit Suisse. Er schickte weitschweifige Mails an Rattners Kollegen und Klienten. Es war elektronisches Mobbing.
Unterdessen sorgte der Zank für eine rege Debatte beim Publikum. Unbeteiligte begannen auf den Websites, öffentlich Partei zu ergreifen. Die einen hielten zu Rattner: Er werde verunglimpft - das Ganze sei ein Paradebeispiel für die zerstörerische Kraft des Internets. Andere unterstützten Cosgrove: Die Geschichte sei vielmehr ein Exempel für die egalitäre Kraft des Webs. Selbst der prominentere Namensvetter Steven Rattner meldete sich: Er wolle klarstellen, dass es sich hierbei nicht um ihn handele.
Der betroffene Steve Rattner wies die Vorwürfe zurück. "Fast alles, was Mr. Cosgrove behauptet, ist entweder falsch oder eine grobe Übertreibung." Seinen Job konnte er dadurch nicht retten. Zwei Monate schwieg Credit Suisse, obwohl alle längst über den Skandal raunten. Schließlich hatte Rattner - selbst wenn die Anschuldigungen korrekt sein sollten - nichts getan, was gegen den Firmenkodex verstieß.
Intern jedoch, so war zu hören, wuchsen Bedenken. Man sei besorgt gewesen, Rattner könnte zur "Last" für das Unternehmen werden. Schließlich erklärte die Bank, Rattners Stelle werde von einer Kollegin übernommen. Und, fast nebenbei: Rattner habe beschlossen, sich zur Ruhe zu setzen.
"Gerede mit Konsequenzen", resümiert der Börsenblog "Dealbreaker" und verweist, wie auch andere Kommentatoren, auf die aktuelle Debatte an der Wall Street über die zerstörerische Wirkung von Gerüchten, die selbst große Firmen wie Bear Stearns zu Fall bringen könnten. Wieder andere amüsieren sich darüber, dass "NYT"-Kolumnist Andrew Ross Sorkin, der Rattner explizit in Schutz nimmt, ihn wiederum nun vollends gedemütigt habe, indem er die ganze Affäre in die respektablen Spalten der "NYT" gezerrt habe.
Rattner jedenfalls steht vor einem Scherbenhaufen. "Ich komme mir vor wie der Star eines schlechten Fernsehfilms", sagte er zu Sorkin. "Es ist einfach unglaublich. Und es gibt keine Möglichkeit, sich zu wehren." Cosgrove dagegen scheint sich mit Rattners Demission am Ziel zu sehen. In seinem "MySpace"-Profil markierte er seine gegenwärtige Stimmung als "triumphal".
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