Wirtschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
14.08.2008
 

Stilsünde Crocs

Ein Plastikfetisch erobert Europa

Von Julia Bonstein

Muss das sein? Die Plastiksandalen der US-Firma Crocs drohen zum Kultschuh des Sommers zu werden. In ihrer Heimat schwächelt der Absatz aber schon wieder. Und neuerdings kommen die unförmigen Treter wegen zweifelhafter Nebenwirkungen ins Gerede.

Hamburg - Dass ein Paar löchriger Plastiklatschen den US-Präsidenten vorzeitig aus dem Amt befördern könnte, ist nicht wahrscheinlich, wäre aber für den amerikanischen Blogger Manolo zumindest wünschenswert: "Amtsenthebung", forderte er, als George W. Bush von Fotografen in einem Paar Crocs erwischt wurde. Für den selbsternannten Online-Modepapst Manolo wie für viele Nicht-Crocs-Träger steht seit langem fest: Die Plastiktreter in Knallfarben sind eine Stilsünde.

Crocs: Modesünde zum Treten
AFP

Crocs: Modesünde zum Treten

Aufregung um die Crocs gibt es nun auch wegen einiger hässlicher Zwischenfälle: In den USA sollen Kinder mit den Schuhen in Rolltreppen hängengeblieben sein, in einigen österreichischen Krankenhäusern wurden Crocs verboten, weil befürchtet wird, sie könnten den Träger elektrostatisch aufladen. Die deutsche Zeitschrift "Ökotest" hatte in verschiedenen Plastik-Clog-Modellen sogar potentiell gesundheitsgefährdende Substanzen gefunden. Betroffen waren das Crocs-Modell Cayman ebenso wie zahlreiche Nachahmer-Modelle.

Hierzulande haben solche Negativ-Meldungen den Durchmarsch der Sommerpuschen durch Schuhgeschäfte und Fußgängerzonen bislang nicht verhindern können. Das 2002 gegründete US-Schuhunternehmen hat alle Wachstumsrekorde gebrochen und es innerhalb von nur fünf Jahren hinter Marken wie Nike und Adidas auf Platz sieben der weltgrößten Sportschuhfirmen geschafft. Mittlerweile beschäftigt das Unternehmen weltweit 5000 Mitarbeiter.

Produziert wird vor allem in China. Heute verkauft Crocs Schuhe in 90 Ländern und setzte dabei zuletzt rund 848 Millionen Dollar um. "Bis auf Moldawien vielleicht haben wir den Kontinent erobert", sagt Dick Wijsman, Chef der Crocs-Europazentrale in Den Haag. Er beliefert Schuhläden zwischen Brüssel und Belgrad. Außerdem betreibt das Unternehmen in Europa mittlerweile 25 eigene Crocs-Shops.

Der Plagiatemarkt boomt

"Ein Ende des Hypes ist nicht abzusehen", sagt Brigitte Wischnewski, Präsidentin des Deutschen Schuheinzelhandels: "Das gab es noch nie, dass ein Schuhtyp von Klein bis Groß eine so große Begeisterung auslöst." Inzwischen laufen Kinder wie Kellner in quietschgelben oder grünen Schlappen mit der Schweizer-Käse-Optik umher. Chirurgen und Krankenschwestern lassen für die Crocs gar ihre Birkenstocks im Spind stehen, und Hausfrauen und Hobbygärtner schwärmen trotz ästhetischer Bedenken vom stoßgedämpften Tragegefühl der eigentlich hässlichen Treter.

Unbestritten hübsch klingt allenfalls die Geschichte der Crocs-Erfindung: Auf einem Segeltrip in der Karibik haben sich angeblich drei Schulfreunde den perfekten Segelschuh gebastelt, der sowohl an Land wie im Wasser zu gebrauchen sein sollte. 2002 präsentierten die Crocs-Gründer ihr Modell "Beach" und verkauften innerhalb von drei Tagen rund tausend Paar.

Dass die Urversion "Aquaclog", die die Gründer mit an Bord hatten, von dem kanadischen Kunststoffhersteller Foam Creations stammt, der sonst Toilettensitze herstellt, darüber hörte man bislang weniger. Die drei Crocs-Gründer hatten den "Aquaclog" einfach um einen Fersenriemen und die trendigen Farben ergänzt, den Vertrieb in den USA organisiert und das kanadische Unternehmen 2004 kurzerhand übernommen.

Unterschiedlichste Kopien überschwemmen derzeit den deutschen Markt: In Supermärkten sind "Plastik-Clogs" bereits für drei Euro zu haben. "Selbstverständlich gehen wir weltweit gegen Plagiate vor", sagt Crocs-Manager Wijsman. Für Nachahmer tun sich allerdings Nischen auf: Wer die Löcher seiner Plastikschuhe nicht kreisrund, sondern ovaler, schmaler oder eckiger gestaltet, kann Geschäftserfolge offenbar ungehindert genießen.

"Ästhetisch natürlich eine Katastrophe"

Die deutsche Schuhmarke Romika etwa hat bereits einen "Romiclog" im Sortiment. "Schlitze" habe das Modell, "keine Löcher", darauf besteht Romika-Geschäftsführer Andreas Garnier. Beide Schuhe seien "ästhetisch natürlich eine Katastrophe". Fans des Originals stört das nicht. Wahre Sammelleidenschaft lösen bei ihnen mittlerweile auch die kleinen Anstecker aus, mit denen Crocs-Träger die Löcher ihrer Plastiksandalen stopfen: Mit Figürchen, Blümchen oder Glitzersteinen für 2,50 Euro pro Stück lassen sich Crocs-Modelle nachträglich in wahre Luxuslatschen verwandeln. Fußballfans sollen ihre Crocs demnächst sogar mit den Trikotansteckern ihrer Lieblingsspieler verzieren können. Europamanager Wijsman hat gerade eine entsprechende Vereinbarung mit Bayern München geschlossen.

Der bunte Schuhschmuck macht auch die Einzelhändler glücklich. "Die Dinger laufen unglaublich gut", sagt Görtz-Einkäufer Benjamin Krümel. Der Hamburger Schuhhändler hat seit Februar deutschlandweit mehr als 30.000 Crocs-Paare verkauft. Ein Abflauen des Trends erwartet Krümel vorerst nicht: "Im Winter werden wir die Crocs mit Felleinlage verkaufen." Mit solchen Innovationen wartet das Unternehmen nun auf, um nicht zu einem "One-Shoe-Wonder" zu werden.

Neben der Winterfellversion des Klassikers hat Crocs neuerdings auch andere Modelle im Angebot. Einige davon kommen sogar ohne Löcher aus und ähneln zum Entsetzen echter Plastikfetischisten ganz normalen Schuhen. Auf dem amerikanischen Heimatmarkt geht es für Crocs unterdessen deutlich langsamer voran. Vorvergangene Woche musste das Unternehmen verkünden: Im Vergleich zum Vorjahr werde der Umsatz 2008 "bescheiden" ausfallen.

Geschäftsführer Ron Snyder begründet die Misere mit dem schlechten Konsumklima in den USA: "Wir sind enttäuscht von der wirtschaftlichen Situation in den USA und Teilen Europas." Vielleicht haben sich die Amerikaner auch einfach sattgesehen an den löchrigen Latschen: In den USA trägt sie längst Hinz und Kunz - und eben George Bush.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Vote

Trend-Schuhe: Cool oder unerträglich - wie finden Sie Crocs?







TOP



TOP