SPIEGEL ONLINE: Herr Weise, Deutschland erlebt einen empfindlichen Abschwung. Sie aber prophezeien: Die Arbeitslosigkeit sinkt weiter. Ist das nicht Wunschdenken?
Weise: Nein. Im Januar haben wir einen Jahresschnitt von 3,5 Millionen Arbeitslosen vorausgesagt. Aktuell liegt die Prognose bei 3,43 Millionen - und selbst die werden wir unterschreiten.
SPIEGEL ONLINE: Wie ist das möglich? Konzerne wie Siemens und BMW wollen Tausende Jobs abbauen. Lässt das nicht darauf schließen, dass spätestens 2009 am Stellenmarkt der Einbruch folgt?
Weise: Im Gegenteil. 2009 wird es wahrscheinlich noch weniger Arbeitslose geben. Großunternehmen rationalisieren - aber nicht der Mittelstand, der weit mehr Menschen beschäftigt. Und: Die Politik hat in den vergangenen Jahren die Voraussetzungen auf dem Jobmarkt stark verbessert. Was wir übrigens unter anderem dem ehemaligen Arbeitsminister Wolfgang Clement verdanken ...
SPIEGEL ONLINE: ... der derzeit, vorsichtig gesprochen, ziemlich in der Kritik steht. Und es heißt oft, er werde genau für seine damalige Politik abgestraft.
Weise: Der politische Streit ist nicht meine Sache. Clement aber hat den Mut gehabt, Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammenzulegen. So standen plötzlich fünf Millionen Menschen ohne Job in unserer Statistik - und ein Gewitter brach über uns herein. Dabei hat Clement das wahre Ausmaß des Problems nur sichtbar gemacht und dann geholfen, die Lage zu verbessern.
SPIEGEL ONLINE: Sie teilen also die immer wieder laut werdende Kritik an den Hartz-Reformen nicht?
Weise: Natürlich gibt es da einiges zu bemängeln. Die Arbeitsorganisation im Bereich von Hartz IV ist nicht gut gelöst. Arbeit ist auch unsicherer geworden, etwa durch den Boom der Zeitarbeit oder durch die Einführung der Minijobs. In den Arbeitsagenturen herrscht ein reges Kommen und Gehen: Inzwischen melden sich 8,2 Millionen Menschen im Jahr arbeitslos, viele finden wieder einen Job. Die 40-Jahre-Siemens-Karriere ist die Ausnahme geworden. Aber unsichere Stellen sind immer noch besser als die nackte Arbeitslosigkeit. Kurz gesagt: Die Richtung der Reformen stimmt.
SPIEGEL ONLINE: Dann müssen Sie ja froh sein, wenn die Bundestagswahl vorüber und die Zeit der Großen Koalition um ist.
Weise: Warum? Auch die aktuelle Regierung hat gute Rahmenbedingungen für meine Arbeit geschaffen.
SPIEGEL ONLINE: Welche denn?
Weise: (lacht) Sie hat immerhin die Reformen von Rot-Grün kaum verändert. Und sie bringt mir und der Bundesagentur Vertrauen entgegen.
Weise: Doch. Aber ich verzweifle nicht an solchen Themen. Die Bundesagentur konnte und kann auch mit dieser Regierung gut zusammenarbeiten. Unter Franz Müntefering als Arbeitsminister hatte ich etwa große Freiheiten beim nötigen Umbau der Bundesagentur. Und eine effizient arbeitende Betreuungsbehörde kann die Arbeitslosigkeit Wissenschaftlern zufolge um einen Prozentpunkt senken - diese Möglichkeit reizen wir inzwischen aus.
SPIEGEL ONLINE: Obwohl Ihre Mitarbeiter immer noch mit einem unüberschaubaren Katalog an teils völlig ineffizienten Hilfsinstrumenten arbeiten müssen. Die Regierung will da nach Jahren des Stillstands im Herbst endlich etwas tun. Angesichts der näherrückenden Wahl ist aber kaum mit vernünftigen Entscheidungen zu rechnen, oder?
Weise: Es gibt gute Beispiele: Künftig soll es endlich ein Budget geben, aus dem der betreuende Mitarbeiter vor Ort Reisekosten oder Kopien pauschal ersetzen kann. Ohne dass die Blätter einzeln gezählt werden müssen. Das ist heute alles noch haarklein geregelt. So muss es in vielen Bereichen gemacht werden: Unsere Mitarbeiter vor Ort brauchen mehr Entscheidungsfreiheit.
SPIEGEL ONLINE: Aber lässt Schwarz-Rot nicht die wirklich schwierigen Themen außen vor? Die Ein-Euro-Jobs etwa sollen Medienberichten zufolge nicht reformiert werden. Dabei funktionieren sie nur selten als Einstieg ins Berufsleben - und kosten im Jahr eine Milliarde Euro.
Weise: Mit Ein-Euro-Jobs wird teilweise Missbrauch getrieben, aber man muss nicht alles gesetzlich neu regeln. Bessere Entscheidungen vor Ort reichen. Sicher: Noch gibt es Arbeitsgemeinschaften, deren Programm zur Betreuung der Hartz-IV-Empfänger zu 50 Prozent aus Ein-Euro-Jobs besteht. Das kann nicht sein, da muss man eingreifen. Das würde ich gern tun - aber da fehlt mir die Handhabe. Weil die Kommunen und die Bundesarbeitsagentur sich die Betreuung der Arbeitslosengeld-II-Empfänger in den Arbeitsgemeinschaften - den sogenannten Argen - eben teilen. Entscheidungen trifft die paritätisch besetzte Trägerversammlung.
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