SPIEGEL ONLINE: Seit Jahren kämpfen Sie mit den Kommunen um die Kontrolle über die Argen. Ist das nicht ein Zank auf Kosten der Hartz-IV-Empfänger? Die Vermittlungsquoten sind dort jedenfalls mit 3,4 Prozent mies.
Weise: In einem haben Sie Recht: Die Argen sind momentan oftmals nicht gut genug. Manche laden jugendlichen Erwerbslosen über sechs Monate hinweg nicht zum Gespräch ein. Das ist unverantwortlich. Deshalb mein Appell: Es muss klare Regeln geben. Zuständigkeiten sind mir dabei ziemlich egal. Aber ich kämpfe für die Sache, weil ich der Anwalt der Arbeitslosen bin. Dass mein Weg funktioniert, habe ich bei der Betreuung der Arbeitslosengeld-I-Empfänger unter Beweis gestellt. Und das will ich auch bei den Hartz-IV-Empfängern in den Argen tun, indem ich dort Verantwortung für das Tun meiner Mitarbeiter übernehme.
SPIEGEL ONLINE: Statt Ihnen mehr Kompetenzen zu geben, will die Bundesregierung erst einmal an Ihr Budget. Der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung soll weiter gesenkt werden. Gibt es dafür Spielraum?
Weise: Ein Beitrag von drei Prozent bis 2012 ist im Gespräch - rechnerisch ist das möglich. Allerdings bleibt dann keine Risikoreserve. Entwickelt sich die Konjunktur schlechter als gedacht, müsste man die Beiträge wieder hochschrauben. Ganz ehrlich: Die Beiträge sind schon von 6,5 auf 3,3 Prozent gesenkt worden, eine Entlastung der Beitragszahler von 25 Milliarden Euro pro Jahr. Jetzt würde ich meine Mittel gern für meinen eigentlichen Auftrag ausgeben. Es gibt noch immer über drei Millionen Erwerbslose - und zwei Drittel sind langzeitarbeitslos. Sie in Arbeit zu bringen, ist besonders schwer.
SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie dieses Problem denn angehen?
Weise: Ich möchte verstärkt eingreifen, bevor Langzeitarbeitslosigkeit entsteht. Wenn älteren Menschen die Entlassung droht, gehen wir in die Betriebe und sehen uns den Fall an: Wie kann der Betroffene neue Aufgaben übernehmen? Welche Weiterbildungen sind möglich? Er selbst und der durchschnittliche Mittelständler haben doch keinen Überblick darüber. Oder wir schauen auf den Anfang des Berufswegs - auf die Schulabgänger.
SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie da?
Weise: In Hessen zum Beispiel gibt es seit neuestem sogenannte Berufsbegleiter: Ältere Arbeitslose betreuen 15 Jugendliche vom Aufstehen und ordentlichen Anziehen am Morgen bis hin zu einem Vorstellungstermin bei einem Handwerksmeister. Wir veranstalten auch Sommercamps mit gefährdeten Hauptschülern. Da üben wir Mathe genauso wie den höflichen Umgang miteinander. Und wir versuchen dort, die Leidenschaft für verschiedene Berufe zu wecken. Der Erfolg ist enorm: Rund 20 Prozent der Teilnehmer haben danach ihren Hauptschulabschluss geschafft. 20 Prozent, die gerettet wurden.
SPIEGEL ONLINE: Einen Hauptschulabschluss kann man nicht gerade als Rettung bezeichnen, oder? Unternehmer stellen doch fast nur noch Realschüler als Azubis ein.
Weise: Angesichts des Bewerbermangels sind etwa Schuster, Glaser oder Dachdecker längst wieder gezwungen, auch Hauptschulabgänger einzustellen. Und bevor man hingeht und mehr Lehrstellenbewerber aus dem Ausland holt - wie es kürzlich ins Gespräch gebracht wurde -, müssen wir uns doch um die Jugendlichen kümmern, die hier auf der Straße zu landen drohen. Ich gebe zu, die sind oft schwierig. Aber jeder junge Mensch will im Grunde Erfolg haben.
SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie denn die Arbeit in den Schulen ausweiten?
Weise: Bislang sind das Modellprojekte. Und eins ist klar: Mit den Mitteln der Bundesagentur können und sollen solche Programme nicht flächendeckend angeboten werden. Ich habe ein Problem gesehen und eine praktische Antwort gegeben, die funktioniert. Jetzt muss die politische Diskussion folgen.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich keinen Ärger mit den Ländern, wenn Sie sich in die Bildungspolitik einmischen?
Weise: Doch. Aber ich kann nicht zulassen, dass solche Jugendlichen zu lebenslangen Hartz-IV-Empfängern werden. Also muss ich das Gespräch darüber erzwingen. Ich belehre nicht, ich beschimpfe nicht. Aber ich bringe die Fakten auf den Tisch.
Das Interview führte Anne Seith.
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