Wirtschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
31.08.2008
 

Mikrokredite in Afrika

Frau Adbenas kleines Wirtschaftswunder

Aus Ghana berichtet Nathalie Klüver

Ihr Mann ließ sich scheiden, ihrer Familie drohte der Absturz in die bittere Armut. Heute betreibt Sinina Adbena einen Dorfladen und will ihre Kinder auf die Uni schicken. Den Erfolg verdankt sie einem Mikrokredit-Programm. Die Geschichte eines Aufstiegs.

Apimsu - Im gestärkten Kleid steht Sinina Adbena in ihrem eigenen Laden, den Rücken durchgedrückt, die Handtasche unter den Arm geklemmt. Sie rückt eine Cola-Dose im Regal zurecht, wischt mit einem Staubwedel über den Tresen. Tütensuppen, Karabinerhaken, Reißverschlüsse, Rattenfallen, Kekse, Damenbinden, Geschirrspülmittel oder scharfe Chilisauce: Bei Sinina Adbena gibt es alles, was ein Haushalt so braucht.

Um Konkurrenz oder mangelnde Kundschaft muss sich die 38-Jährige keine Sorgen machen: Ein anderes Geschäft gibt es nicht in dem kleinen Dorf Apimsu, unweit des Voltasees in Zentral-Ghana. Zur nächsten Stadt ist es ein beschwerlicher, mehrstündiger Fußmarsch über eine staubige Buckelpiste. Nur wenige der rund 300 Dorfbewohner nehmen die Strapaze auf sich. Deshalb kauft die Mehrheit die Waren des täglichen Bedarfs bei Frau Adbena.

Das Monopol nutze sie aber nicht zur Preistreiberei, beteuert die resolute Dame. "Es bringt mir ja nichts, teure Produkte zu verkaufen, die sich keiner leisten kann." Die Menschen hier leben vom Ackerbau. Bei 120 Dollar im Jahr liegt der Durchschnittsverdienst. Da bleibt nicht viel, um in Sinina Adbenas Laden einkaufen zu gehen.

Auch sie arbeitete bis vor sechs Jahren auf dem Feld. Als ihr Mann sich von ihr scheiden ließ, stand die Mutter von sechs Kindern plötzlich vor dem Nichts. "Da war ich alleine und wusste nicht wie es weitergehen sollte", erinnert sie sich und knetet ihre Handtasche mit den Händen.

Was ist ein Mikrokredit?

Mikrokredite sind ein Instrument der Wirtschaftshilfe. Dabei handelt es sich nicht um Spenden, sondern um eine Form der Finanzdienstleistung für Kleinstunternehmer in wirtschaftlich schwachen Regionen. Normalerweise stellen Banken der Bevölkerung dort keine Darlehen zur Verfügung, weil es an Sicherheiten fehlt und der Bearbeitungsaufwand angesichts der geringen Summen zu groß ist. Mikrokredite werden daher meist von spezialisierten Finanzdienstleistern und nichtstaatlichen Organisationen angeboten. Als Sicherheit dienen lokale Bürgen, die darüber wachen, dass das Geld entsprechend verwendet und zurückgezahlt wird.
Das kleine Stück Land musste sie nun selbst beackern. Die Ernte reichte kaum, um die Familie zu ernähren. Es muss sich etwas ändern, sagte sie sich und begann ihren eigenen kleinen Laden zu planen. "Aufgeben war noch nie meine Art", sagt sie, strafft die Schultern und legt die Handtasche neben sich auf den Holztisch.

Doch woher sollte sie das Geld für den Start nehmen? Gespart hatte sie nichts. Die angehende Geschäftsfrau überlegte, in die nächste Stadt zu fahren und dort bei der Rural Bank ein Darlehen aufzunehmen. "Wer aber gibt einer Bäuerin schon einen Kredit?" Sie hatte doch nichts weiter als eine Idee.

Dann standen auf einmal diese Männer in ihrem Dorf. Versammelten die Frauen um sich und erzählten ihnen von Mikrokrediten, von Bürgschaften, von Rückzahlraten, Zinsen und Businessplänen. Worte, die für die Dorffrauen damals vor fünf Jahren Fremdworte waren. Der Besuch war absolut überraschend: Nicht die Frauen gingen zur Bank, sondern die Bankangestellten kamen in die Dörfer.

Die Finanzprofis wurden vorher von Entwicklungshelfern geschult. Auch die Frauen im Dorf bekamen in der Folgezeit eine Ausbildung in Sachen Geldwirtschaft: "Wir lernten, wie man Formulare ausfüllt, wie man ein Haushaltsbuch führt und ein bisschen Geld sparen kann", erzählt Sinina Adbena. Denn dass man ein wenig Geld zur Seite legt, ist eine der Voraussetzungen, um einen Kredit zu bekommen. In kleinen Gruppen bürgen die Frauen seither füreinander. Sie kontrollieren sich gegenseitig - will eine nicht zahlen, gibt es Gruppendruck. Je schneller die Schulden beglichen werden, desto mehr Geld gibt es beim nächsten Kredit.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 95 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
16.02.2009 von MarkH:

bzw. sind die Kreditgeber tatsächlich so naiv zu glauben, dass die Banken in den Schwellenländern arm sind ? mehr...

16.02.2009 von MarkH:

Schön: Es bleibt aber die alles entscheidende Frage: Warum vergeben die Herrschaften Ihre Kredite nicht an Menschen im eigenen Land ? mehr...

16.02.2009 von kalo1:

M. E. lohnt sich ein Blick auf http://www.oikocredit.org/site/de/ sehr! Oikocredit ist eine holländische Genossenschaft, die bereits seit über 30 Jahren Kredite an Produktionsgenossenschaften und Mikrofinanzinstitutionen [...] mehr...

16.02.2009 von Dyke:

Ich habe dort schon über 20 Kredite vergeben, und die Rückzahlung läuft in allen Fällen bisher problemlos. Finde das Ganze sinnvoller als irgendwelche Spendenaktionen. mehr...

16.02.2009 von Frood: Kiva.org

Ich habe die Diskussion jetzt nicht komplett gelesen, aber wie ist denn die Meinung zu nicht rendite orientierten Organisationen wie Kiva ? http://kiva.org/ mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP