Wirtschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
31.08.2008
 

Bio-Festival

Langsamer essen im Fast-Food-Land

Aus San Francisco berichtet Susanne Amann

Alle Amerikaner lieben Fast Food? Unsinn! Das zeigt "Slow Food Nation", das erste nationale Festival der nachhaltigen Esskultur in San Francisco: 50.000 Menschen probierten, flanierten und diskutieren - über die Welthungerkrise, den Klimawandel und die Gurken ihrer Großeltern.

Wer in San Francisco individuell und cool sein will, der hat es schwer. Denn fast alle Möglichkeiten sind schon ausgeschöpft: Nur eine Minderheit hat bei der vergangenen Präsidentenwahl für Georg W. Bush gestimmt, die Linienbusse sind hybridbetrieben und emissionsfrei und in wohl keiner anderen Stadt der USA sind so viele Fahrradfahrer unterwegs wie hier - gerne auf so genannten Track-Bikes, ohne Bremsen. Es bleibt also nur eins, um sich von der Masse abzuheben: Eat organic!

Ausgerechnet im Heimatland des Fast Food, wo Essen im Stehen und Gehen zum Alltag gehört, hat sich eine kleine, aber entschlossene Gegenbewegung gebildet: Überzeugte Biobauern, hippe Großstadtkinder und selbsternannte Retter der Esskultur haben sich am Wochenende zur "Coming-Out-Party der Ernährungsbewegung" getroffen, wie es Anya Fernald ausdrückt. Sie ist die Chefin von "Slow Food Nation", dem bislang ersten und größten Festival des Essgenusses in den USA.

Für vier Tage haben Biobauern aus allen US-Bundesstaaten auf dem Civic Center Plaza, dem großen Rathausplatz, Stände mit ihren Waren aufgebaut und laden zum Probieren ein. In Workshops werden regionale Spezialitäten mit Anleitung zum Kochen vorgestellt und Tipps zum Kompostieren gegeben.

Außerdem wird Slow Food vorgestellt, jene kleine, aber inzwischen weltweit in 131 Ländern vertretene Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, nicht nur regionale Spezialitäten, sondern auch den Sinn für Genuss zu erhalten. Slow Food als Gegenbewegung zum Fast Food.

"Wenn man sich die Essgewohnheiten einer Gesellschaft anschaut, erkennt man darin alle Probleme, die sie hat", sagt Alice Waters, die Slow Food im Jahr 2000 in den USA gegründet hat. "Unsere Nahrungsmittelindustrie und die Art, wie wir essen, spiegeln sich in Armut, Übergewicht und schlechter gesundheitlicher Verfassung wider." Und das will sie ändern - auch wenn sie dabei ganz von vorne anfangen muss.

"Lerne, selbst zu kochen", "Iss gemeinsam mit Freunden und der Familie", "Mach' eine Mittagspause" - so lauten die einfachen Regeln, die sie ihren Landsleuten in den USA mitgeben will. Und wenn man sich auf dem Civic Center Plaza umhört, scheint sie damit nicht ganz falsch zu liegen. "Ich koche eigentlich nie", sagt Todd, ein Mitvierziger aus San Francisco. "Ich schneide mir morgens ein bisschen Obst ins Müsli und abends hole ich mir ein Fertiggericht aus dem Bio-Supermarkt, denn Bio-Lebensmittel sind gesünder."

"Bei uns ist einfach jeder immer in Eile, wir arbeiten viel, da bleibt keine Zeit zum Kochen", sagt auch Jeneni, die aus Texas kommt. "Deshalb muss es schnell gehen mit dem Essen - und darüber haben wir wohl den Sinn dafür verloren."

Tatsächlich ist es fast Missionarsarbeit, die die Bauern an ihren Ständen leisten: Der Kartoffelproduzent aus Nordkalifornien erklärt in aller Seelenruhe, dass man Kartoffeln kochen, braten oder backen kann. Am Milchstand wird darüber diskutiert, dass die frische Milch so anders schmeckt als fettfreie aus dem Supermarkt und an ihrem Stand mit frischen Gurken verzieht Bäuerin Wendy keine Miene, als ihr eine Besucherin begeistert erklärt, die frische Salatgurke, die sie gerade probiert habe, erinnere sie an ihre Großeltern. Fast scheint es, als ob Amerika seinen Geschmack wiederentdeckt.

Ganz Amerika? Nun ja, man hofft es. "Dieses Treffen zeigt die vielen unterschiedlichen Facetten unserer Bewegung auf, von uns geht eine unglaubliche Kraft und Energie aus, die die Politik nicht länger ignorieren kann", sagt Festival-Chefin Fernald. Auch wenn die Herkunft der vertretenen Bauern zeigt, dass Amerika auch in der Frage der Biolebensmittel geteilt ist: Die Mehrheit kommt von den Küstenregionen, der mittlere Westen ist kaum vertreten.

Um aber zu zeigen, dass man sich nicht damit begnügt, ein "Dining-Club" für Mittelschichts-Weltverbesserer zu sein, hat man sich auch gleich die großen Themen vorgenommen: Welthungerkrise, Weltmarktstrukturen, Klimawandel - das sind die Schlagwörter, die die Diskussionsrunden bestimmen. Je 500 Zuhörer lauschen mal andächtig, mal begeistert johlend den Ikonen der Bewegung, darunter der italienische Gründer von Slow Food, Carlo Petrini, Globalisierungskritikerin Vandana Shiva oder Autor Eric Schlosser, der den Bestseller "Fast Food Nation" geschrieben hat.

Es ist ein gemischtes Publikum, das sich hier im Theatersaal des Opernhauses eingefunden hat, alt und jung, Produzent und Konsument, die klassischen Öko-Käufer neben durchgestylten Großstadtmenschen. Sie alle verbindet der offensiv formulierte Wunsch, die Lebensmittelwelt ein bisschen besser, gerechter und wieder vielfältiger zu machen und jedem das Menschenrecht auf Essen zu ermöglichen. Sie alle hoffen, dass der nächste US-Präsident Barack Obama heißt und das Leben für Agrar-Multis wie Monsanto dann ein wenig schwerer wird.

Draußen aber, auf dem Rathausplatz, kümmert man sich darum nicht. Hier schlendern die Menschen durch den extra angelegten Gemüsegarten und bewundern echte Tomaten-, Salat- und Weizenpflanzen, bevor sie sich in eine der langen Schlangen vor den Essenständen reihen.

Zum Essen setzen sie sich dann auf die großen Rasenflächen und ja - die meisten unterhalten sich, nur ab und an sieht man mal jemanden mit dem Handy am Ohr. Das ist wahrscheinlich schon ein Fortschritt.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 408 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
04.09.2009 von rabenkrähe:

..... Natürlich gibt es auch bei Bioprodukten Fragwürdigkeiten. Nur geht es bei der Entscheidung für Bio zunächst mal um eine willentliche Entscheidung, die zum bewußteren Umgang mit Lebensmitteln führt. Was durch die hohen [...] mehr...

04.09.2009 von Realo: und ich Ihre....

...als Fanatismus ! Merken Sie es nicht ? Sie essen meinem Essen das Essen weg ! mehr...

04.09.2009 von Gruber: Ein paar Worte zur angeblich so tollen Gentechnik

Indien war immer ein Hauptproduzent von Reis, wobei anfangs nur Reis mit eigenem(!) Saatgut angebaut wurde. Und was kam dann? Westliche Konzerne drückten den Indern genveränderte Reissorten aufs Auge, und damit es sich auch [...] mehr...

21.03.2009 von Gaztelupe:

Der Markt funktioniert eigentlich nicht systematisch, sondern reichlich anarchisch. Ihn stark zu systematisieren – und dazu gehört auch ein festes Verhältnis von Bedarf zu Verbrauch zu definieren – unterbindet seine in seiner [...] mehr...

21.03.2009 von Seldon: Wohlstand

Dach ich mir... Mal abgesehen davon, daß Sie Reichtum und Wohlstand offenbar ausschließlich über Dinge definieren, die man anfassen und in die Schrankwand stellen, die man haben kann, die hergestellt, besessen und verteidigt [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Mehr auf SPIEGEL ONLINE






TOP



TOP