Hamburg/New York - Die schwer angeschlagene US-Investmentbank Lehman Brothers Holdings steht vor der Pleite. Die Bank beantragte am Montagmorgen Insolvenzschutz nach Kapitel 11. Das teilte das Unternehmen mit. Auf diese Weise sollten "Vermögenswerte geschützt und sein Wert maximiert" werden.
Lehman Brothers ist eine der prominentesten Wall-Street-Banken. Die Immobilien- und Finanzkrise hat sie schwer mitgenommen. Das Unternehmen hatte am Mittwoch im Zuge der Immobilienkrise einen Verlust von 3,9 Milliarden Dollar im dritten Quartal bekannt gegeben. Bereits im Vorquartal verzeichnete sie ein Minus von 2,8 Milliarden Dollar. Die Aktie der Investmentbank verlor seit Wochenbeginn mehr als drei Viertel ihres Werts.
Am Wochenende sollte auf einem Krisentreffen eine Lösung für einen Verkauf von Lehman Brothers gefunden werden. Informierten Kreisen zufolge war vor allem über einen Notverkauf und eine Aufspaltung von Lehman Brothers in zwei Teile diskutiert worden: in eine "gute Bank", in der die sicheren Vermögenswerte gebündelt werden, und in eine "schlechte Bank", in die vom Ausfall bedrohte Papiere mit einem Volumen von etwa 85 Milliarden Dollar vor allem aus dem Immobiliensektor kommen.
Beide Favoriten für eine Übernahme, die britische Barclays Bank
und die Bank of America
, erklärten zunächst, sie seien lediglich an einem Kauf der "guten Bank" interessiert, sprangen aber bis Sonntagabend Zeitungsberichten zufolge ab.
Als erstes hatte einem Bericht der "New York Times" zufolge Barclays kein Interesse mehr an einer Übernahme. Das überraschte: In den fieberhaften Verhandlungen am Wochenende habe Barclays sich zunächst besonders aktiv um einen Deal bemüht, berichteten "Wall Street Journal" und "New York Times" übereinstimmend. Der Deal platzte jedoch, weil die Sorge bestand, dass bei einem Kauf Garantien für sämtliche bestehende Handelsverträge übernommen werden müssten, hieß es aus Kreisen der Barclays Bank.
Später berichteten die Finanzagentur Bloomberg sowie das "Wall Street Journal" unter Berufung auf informierte Kreise, dass auch die Bank of America kein Interesse mehr an Lehman habe.
Aus Kreisen des US-Finanzministeriums verlautete, Finanzminister Henry Paulson habe sich gegen finanzielle Unterstützung der Regierung für Lehman ausgesprochen. Genau dies hatten aber die Kaufinteressenten gefordert.
Notenbank verspricht Hilfsmaßnahmen
Nach Angaben von Lehman fallen die Broker-Sparten nicht unter Chapter 11, zudem arbeiten diese Sparten weiter. Die US-Bank prüft unterdessen weiter den Verkauf der Broker-Sparten und des Investment Bankings.
Die Bank of America übernimmt in einem überraschenden Deal nun die angeschlagene
drittgrößte US-Investmentbank Merrill Lynch
. Der Kaufpreis liege bei rund 50 Milliarden Dollar in Aktien, teilten beide Unternehmen am Montagmorgen mit. Der Abschluss der Transaktion wird im ersten Quartal 2009 erwartet. Mit einem Gewinnbeitrag wird ab 2010 gerechnet.
Merrill Lynch war zuletzt wegen Milliardenverlusten und einem dramatischen Kursverfall immer stärker unter Druck geraten. Die rettende Übernahme durch die Bank of America sei in fieberhaften Verhandlungen binnen 48 Stunden ausgehandelt worden, hieß es.
Mit Merrill Lynch ist binnen sechs Monaten bereits die zweite der einst fünf unabhängigen US-Investmentbanken gescheitert. Im März war der kleinere Konkurrent Bear Stearns
in einem Notverkauf an den Finanzkonzern J.P. Morgan gegangen. Lehman wäre im Falle einer Pleite oder einer Übernahme die dritte Bank.
Die US-Notenbank Federal Reserve kündigte angesichts der dramatischen Entwicklungen auf dem US-Finanzmarkt eine Reihe von Hilfsmaßnahmen an. Unter anderen sollen weitere Formen von Sicherheiten für Geld der Notenbank akzeptiert werden, sagte Notenbankchef Ben Bernanke. Damit sollten die "möglichen Risiken und Störungen der Finanzmärkte" abgefedert werden, sagte er nach Angaben des Senders CNN.
kaz/dpa/dpa-AFX/Reuters/AP
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Finanzkrise ab 2007 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH