Frankfurt am Main - Die Europäische Zentralbank (EZB) eilt den Banken der Europäischen Gemeinschaft erneut zur Hilfe: In einem eintägigen Refinanzierungsgeschäft (Refi) seien 70 Milliarden Euro zugeteilt worden, teilten die Währungshüter in Frankfurt am Main mit. Auch andere Notenbanken pumpen Milliarden in den Markt, um Liquiditätsengpässe zu vermeiden. Die Bank of Japan teilte dem Geldmarkt des Landes in zwei Schritten insgesamt 2,5 Billionen Yen (16,5 Milliarden Euro) zu. Die Schweizer Nationalbank (SNB) stellte ebenfalls zusätzliche Gelder zur Verfügung - die genaue Summe ist unbekannt.
Börse in Frankfurt am Main: Der Dax startete mit Verlusten - erholte sich aber wieder. Die EZB hatte zuvor neue Milliarden für den Markt angekündigt
Der japanische Notenbankgouverneur Masaaki Shirakawa erklärte, sein Institut werde sich weiterhin bemühen, die Märkte zu stabilisieren. Am Montag hatten bereits mehrere Notenbanken in Europa Gelder bereitgestellt, um die Turbulenzen durch die US-Finanzkrise aufzufangen und das reibungslose Arbeiten der Banken zu ermöglichen. Allein die EZB hatte rund 30 Milliarden Euro an zusätzlicher Liquidität zur Verfügung gestellt.
"Wir müssen international handeln"
Die Institute wollen Liquiditätsengpässe vermeiden. Der Hintergrund: Aus Sorge vor neuen Abschreibungen halten die Banken derzeit Geld zurück und leihen es sich nicht mehr im sonst üblichen Umfang. Die Notenbanken können den Banken in solchen Situationen zusätzliches Geld anbieten, um ein Austrocknen der Märkte zu verhindern. Vor der Finanzkrise hatte die EZB nur nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zu diesem Mittel gegriffen.
Am Montag hatte die US-Investmentbank Lehman Brothers mit ihrer Insolvenz die Finanzwelt erneut erschüttert. Angesichts der dramatischen Ereignisse hat der britische Finanzminister Alistair Darling Regierungen, Zentralbanken und Aufsichtsbehörden weltweit zum gemeinsamen Handeln aufgefordert. Nur so könnten die Finanzsysteme stabilisiert werden, sagte Darling der BBC. "Das ist ganz eindeutig eine sehr schwierige Zeit." Die finanzielle und wirtschaftliche Unsicherheit betreffe alle Länder. "Wir müssen international handeln, und das machen wir auch", sagte Darling.
Der Dax startete mit Verlusten von zwischenzeitlich fast 1,7 Prozent in den Tag, sackte aber nicht vollkommen ab - wohl auch angesichts des Eingreifens der EZB. Um die Mittagszeit lag der Index um weniger als ein Prozent im Minus.
Wie verläuft der Handelstag?
Die Kurse der Banken verzeichneten indes erneut hohe Verluste. Am schlimmsten traf es die Commerzbank
, die zwischenzeitlich über acht Prozent an Wert verlor. "Das Timing der teuren Übernahme der Dresdner Bank ist schon extrem ungünstig", sagte ein Börsianer mit Blick auf den Zukauf Anfang September. Dessen Finanzierung und die ohnehin bestehenden Risiken aus der Finanzkrise ergäben eine "explosive Mischung". Doch auch die Deutsche Bank
verlor fast drei Prozent an Wert. Postbank-Papiere
fielen zwischenzeitlich um fast fünf Prozent.
Versicherer standen wegen der Sorgen um AIG
ebenfalls weiter unter Druck: Aktien von Allianz
sackten zwischenzeitlich um über drei Prozent ab. Börsianer setzen unterdessen auf eine Erholung bei den Aktien von AIG, die am Vorabend in New York fast 61 Prozent verloren hatten.
Wie der Handelstag verlaufen wird, ist noch vollkommen unabsehbar. Vor allem die weitere Entwicklung in den USA wird das Börsengeschehen bestimmen - und dabei insbesondere die Frage, wie der taumelnde US-Versicherer AIG gerettet werden kann.
Einem Zeitungsbericht zufolge arbeiten die Banken J.P. Morgan Chase und Goldman Sachs - beides Finanzberater von AIG - derzeit an einem Notkredit von bis zu 75 Milliarden Dollar für AIG. Mit Unterstützung der US-Notenbank Federal Reserve versuchten sie, Kredite von 70 bis 75 Milliarden Dollar zu organisieren, schrieb das "Wall Street Journal" unter Berufung auf unterrichtete Personen. Wenn der Versicherer nicht bis Mittwoch frisches Geld finde, habe er möglicherweise keine andere Wahl, als Insolvenz anzumelden, hieß es. AIG spielt eine wichtige Rolle bei der Risikoabsicherung in der Finanzbranche, deshalb könnte ein Zusammenbruch des Konzerns weltweite Turbulenzen auslösen.
Hoffnungsschimmer für Lehman Brothers
Allein durch die Herabstufung von AIG durch die internationalen Ratingagenturen müsse der Versicherer zusätzliche 14,5 Milliarden Dollar auftreiben, um seine Schulden abzusichern, schrieb die Zeitung. Ein niedrigeres Rating verteuert die Kreditaufnahme. Die Ratingagenturen Standard & Poor's, Moody's und Fitch gestehen dem Versicherer statt einer sehr guten bis guten Bonität nur noch eine gute bis befriedigende Zahlungsfähigkeit zu.
Für Lehman Brothers tut sich derweil ein Hoffnungsschimmer auf. Die drittgrößte britische Bank, Barclays, verhandelt mit der pleite gegangenen US-Investmentbank nun doch wieder über die Übernahme von Vermögenswerten. Dabei gehe es um den möglichen Ankauf von Lehman-Vermögenswerte "zu Bedingungen, die für die Barclays-Aktionäre attraktiv wären", erklärte das britische Finanzinstitut. Das "Wall Street Journal" hatte berichtet, dass Lehman Brothers Barclays große Teile des Instituts anbieten will. Der Zeitung zufolge sollten im Zuge eines Deals zwischen den beiden Geldhäusern mindestens 10.000 Lehman-Mitarbeiter zu Barclays wechseln.
Dem "WSJ" zufolge sollten die ins Schleudern geratenen Vermögenswerte bei Lehman - also beispielsweise Hypotheken-Papiere - bei der US-Bank verbleiben und von den Gläubigern liquidiert werden, hieß es weiter. Barclays hatte am Wochenende Übernahmegespräche mit Lehman scheitern lassen und dies damit begründet, dass eine Übernahme nicht im Interesse der Aktionäre sei.
ase/dpa-AFX/dpa/Reuters
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