New York - Die angeschlagenen Investmentbanken sind im Überlebenskampf: Morgan Stanley wettert gegen kurzfristig orientierte Spekulanten. "Wir stecken mitten in einem Markt, der von Angst und Gerüchten geprägt ist", erklärte Vorstandschef John Mack in einem internen Schreiben, das jetzt bekannt wurde. "Investoren, die mit ungedeckten Leerverkäufen auf Kursverluste setzen, treiben derzeit unsere Aktien herunter", heißt es in dem Papier.
Morgan-Stanley-Zentrale in New York: Erbitterter Kampf ums Überleben
Doch auch diese beiden Institute wackeln: Nach dem Kollaps des Rivalen Lehman Brothers befürchteten Börsianer, dass auch Morgan Stanley vor ernsten Problemen stehen könnte. Daraufhin brachen deren Aktien am Mittwoch um 24 Prozent ein. Die Papiere der anderen verbliebenen US-Investmentbank, Goldman Sachs, stürzten um 14 Prozent ab.
Einer wirklichen Logik folgen diese Abstürze nicht mehr. Beide Institute hatten zuvor mit ihren Quartalsergebnissen die Erwartungen von Analysten übertroffen. Ein Goldman-Sprecher sagte deshalb, der Kursverfall habe "völlig irrationale Ängste" ausgelöst.
Morgan Stanley hat Medienberichten zufolge Gespräche über einen Notverkauf oder eine Fusion aufgenommen. Unter den Interessenten, so wird gemunkelt, sind die Geschäftsbank Wachovia - und die chinesische Bank Citic.
Kurse von Australiens größter Investmentbank im Keller
Auch auf anderen Kontinenten steht es schlecht um Investmentbanken: Laut "Handelsblatt" wird Australiens größte Investmentbank Macquarie Group Ltd. an der Börse als nächster möglicher Pleitekandidat gehandelt. Der Aktienkurs des Finanzkonzerns sackte am Donnerstag in der Spitze um 23,4 Prozent ab. Zu Macquarie gehört in Deutschland der Energiedienstleister Techem.
Das Institut hat seit dem im Mai 2007 markierten Rekordhoch umgerechnet rund 11,2 Milliarden Euro an Marktkapitalisierung eingebüßt. Seit Jahresanfang haben die Aktien mehr als 65 Prozent an Wert verloren. Macquarie musste bereits am 17. September Presseberichte dementieren, wonach die Bank Finanzierungsprobleme habe.
"Stoppt den Wahnsinn"
Die Schweizer Großbank UBS, die durch die Nervosität an den Märkten ebenfalls starke Kurseinbußen verzeichnet, veröffentlichte sogar eine Studie unter dem Titel "Stoppt den Wahnsinn". Beide US-Häuser hätten eine "starke Liquiditäts- und Kapitalposition", heißt es darin. Beide hätten ihr Risikoprofil deutlich verbessert und die Refinanzierung für jeweils rund sechs Monate gesichert. Sowohl bei Goldman als auch bei Morgan Stanley liege das Verhältnis von problematischen Anlagen zur Kapitalausstattung mit den Faktoren 1,0 und 1,4 deutlich niedriger als etwa bei Lehman Brothers mit einem errechneten Wert von 4,0.
Die Pleite der US-Bank Lehman Brothers hat an den Finanzmärkten rund um den Globus nackte Panik ausgelöst. Zugleich versuchen aber auch Investoren wie Hedgefonds von den Turbulenzen zu profitieren.
Beim Leerverkauf oder Naked Short Sell verkauft ein Börsenteilnehmer Aktien, die sich gar nicht in seinem Besitz befinden. Der Händler rechnet damit, dass das Unternehmen zu hoch bewertet ist, und spekuliert darauf, die Aktien in der Zukunft zu einem günstigeren Kurs zu erwerben. Der Differenzbetrag, der sich aus dem aktuellen Kurs und dem niedrigeren Kurs in der Zukunft ergibt, ist der Gewinn des Leerverkäufers.
Die US-Börsenaufsicht SEC kündigte an, die Regeln für Spekulanten wie etwa Hedgefonds zu verschärfen, um Missbräuche zu verhindern. Ab Donnerstag müssen Verkäufer und Broker unter anderem mit dem Abwicklungstermin - drei Tage nach der Kaufvereinbarung - die verkauften Aktien tatsächlich vorlegen. Ansonsten drohen Strafen. "Die neuen Regeln machen sehr deutlich, dass die SEC null Toleranz für den Missbrauch von Leerverkäufen hat", sagte Aufsichtschef Christopher Cox.
ssu/Reuters
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Finanzkrise ab 2007 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH