Finanzkrise
USA und England sagen Zockern den Kampf an
Schlechte Zeiten für Spekulanten: Nach den Börsenbeben der vergangenen Tage ermittelt die US-Justiz gegen illegale Zocker, die US-Börsenaufsicht verschärft die Vorschriften gegen riskante Börsengeschäfte. Seit Mitternacht ist auch in Großbritannien der Handel mit Leerverkäufen vorerst verboten.
New York - Wegen des Verdachts auf betrügerische Spekulationen hat der US-Bundesstaat New York Ermittlungen eingeleitet. Es gehe um den Verdacht der gezielten Verbreitung von "falschen Informationen und Gerüchten" mit dem Ziel, die Kurse bestimmter Aktien in den Keller zu treiben, sagte der New Yorker Justizminister Andrew Cuomo auf CNN.
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US-Minister Cuomo: "Falsche Informationen und Gerüchte"
Er ließ offen, gegen wen sich die Ermittlungen richteten, sagte aber, auch die aktuellen Kurzstürze könnten durch Zocker ausgelöst worden sein. Als Beispiele nannte Cuomo die Investmentbank Lehman Brothers

, die am Montag Konkurs anmelden musste, und die Banken Morgan Stanley

und Goldman Sachs

, deren Kurse zu Wochenbeginn rasant eingebrochen waren.
Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen sogenannte
Leerverkäufe. Bei diesem verkauft ein Börsenteilnehmer Aktien, die sich gar nicht in seinem Besitz befinden. Zunächst werden Aktien aus einem anderen Wertpapierdepot geliehen. Der Verleiher schließt dazu einen Vertrag mit einem Kommissionär oder dem Leerverkäufer, dass bestimmte Aktien ausgeliehen werden. Der Leerverkäufer zahlt hierfür einen festgelegten Zins oder Prozentsatz an den Verleiher und erhält die Wertpapiere. Diese verkauft er über die Börse.
Fällt der Kurs tatsächlich, erfolgt der Rückkauf zum niedrigeren Kurs und anschließend eine Rückgabe der Aktien. Der Kursunterschied abzüglich Kosten macht den Gewinn. Bei anderer Entwicklung des Aktienkurses können entsprechende Verluste auftreten. Hier muss sich der Leerverkäufer zu gestiegenen Kursen wieder an der Börse eindecken, um die geliehenen Aktien zurückgeben zu können.
Selbst Morgan Stanley wettert gegen Zocker
Mit derartigen Methoden spekulieren vor allem Hedgefonds. Sie sind zwar im Grundsatz nicht illegal, sagte Cuomo. "Es ist aber illegal, wenn man sich verschwört, um vorsätzlich den Preis einer Aktie nach unten zu treiben und dann von dem Sturz zu profitieren", fügte er hinzu.
Die US-Börsenaufsicht SEC hat die Regeln gegen solche Leerverkäufe bereits verschärft. Schon ab dem gestrigen Donnerstag müssen Verkäufer und Broker unter anderem mit dem Abwicklungstermin - drei Tage nach der Kaufvereinbarung - die verkauften Aktien tatsächlich vorlegen. Ansonsten drohen Strafen. "Die neuen Regeln machen sehr deutlich, dass die SEC null Toleranz für den Missbrauch von Leerverkäufen hat", sagte Aufsichtsratschef Christopher Cox.
Sogar die angeschlagene US-Investmentbank
Morgan Stanley wettert inzwischen gegen Zocker. "Wir stecken mitten in einem Markt, der von Angst und Gerüchten geprägt ist", erklärte Vorstandschef John Mack in einem internen Schreiben. "Investoren, die mit ungedeckten Leerverkäufen auf Kursverluste setzen, treiben derzeit unsere Aktien herunter", heißt es in dem Papier.
Bush stärkt SEC den Rücken
George W. Bush stärkte Cox trotz der aktuellen Turbulenzen den Rücken. Der US-Präsident reagierte damit auf die Forderung des republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain, Cox müsse entlassen werden. Bush habe weiterhin Vertrauen in Cox, sagte eine Sprecherin des US-Präsidialamts.
Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain hatte Cox vorgeworfen, das Vertrauen der Bevölkerung verraten zu haben. "Wäre ich heute Präsident, würde ich ihn entlassen." Die SEC habe Regeln geduldet, die dazu geführt hätten, dass Spekulanten und Hedgefonds die Märkte in Casinos verwandelten, sagte McCain und führte als Beispiel ungedeckte Leerverkäufe an. "Das bedeutet ganz einfach, dass man Aktien verkaufen kann, die einem nicht einmal gehören."
Britische Finanzaufseher verbieten Leerverkäufe
Auch die britische Finanzaufsicht (FSA) verbot am Donnerstag Leerverkäufe. Das Verbot soll vorläufig bis zum 16. Januar gelten. Die FSA erhofft sich dadurch, die Abwärtsspirale bei den Bankenaktien aufzuhalten.
Politiker begrüßten die FSA-Entscheidung. Der Beschluss sei nach reiflicher Überlegung gefallen, um den Markt vor weiterer Instabilität zu bewahren, sagte FSA-Chef Hector Sants. Experten sehen solche Geschäfte als einen Grund für den Niedergang der Hypothekenbank Halifax Bank of Scotland (HBOS), die am Donnerstag vom Finanzkonzern Lloyds übernommen worden war.
CHRONOLOGIE DER FINANZKRISE
Zwei Hedgefonds der New Yorker Investmentbank Bear Stearns straucheln wegen Fehlspekulationen am US-Immobilienmarkt.
Auch in Deutschland geraten Banken in den Sog der Krise - etwa die Mittelstandsbank IKB, die Sachsen LB, die WestLB und die BayernLB.
Besorgte Kunden stürmen die Schalter der
britischen Bank Northern Rock.
Beim US-Finanzkonzern Citigroup bricht der Gewinn
stark ein. Von nun an meldet ein großes Finanzhaus nach dem anderen
Milliardenabschreibungen und hohe Verluste.
Die Schweizer Großbank UBS meldet für 2007 wegen der Turbulenzen des US-Immobilienmarkts Abschreibungen von mehr als 18
Milliarden Dollar. Im April kommen weitere 19 Milliarden hinzu.
Der US-Kongress billigt ein Konjunkturprogramm im
Umfang von 150 Milliarden Dollar.
Bear Stearns steht kurz vor dem Zusammenbruch und muss auf Druck der US-Notenbank einem Notverkauf an die Großbank J.P.
Morgan Chase zustimmen. Die US-Regierung springt mit Garantien ein.
Die Deutsche Bank meldet für das erste Vierteljahr mit einem Minus von 141 Millionen Euro den ersten Quartalsverlust seit
fünf Jahren.
Die kalifornische Hypothekenbank IndyMac bricht
zusammen. Die US-Hypothekengiganten Fannie Mae und Freddie Mac
geraten immer mehr in Bedrängnis. In Spanien muss die Immobilien- und
Finanzgruppe Martinsa-Fadesa Konkurs anmelden.
Die US-Regierung übernimmt die Kontrolle bei
Fannie Mae und Freddie Mac. Die Krise der Investmentbank Lehman Brothers wird immer akuter. Auch andere Finanzkonzerne wie die Investmentbank Merrill Lynch, der Versicherungsriese AIG oder die größte US-Sparkasse Washington Mutual sind betroffen.
Der "Schwarze Montag". Lehman Brothers muss Insolvenz anmelden, Merrill Lynch wird aufgekauft und AIG braucht
Überbrückungskredite in Milliardenhöhe. Bislang mussten die Banken weltweit schätzungsweise mehr als 500 Milliarden Dollar abschreiben.
Die Nachricht von der drohenden Insolvenz des weltgrößten Versicherers AIG sorgt für ein Beben an den weltweiten Finanzmärkten. Eine Rettungsaktion innerhalb der Branche scheitert. Schließlich erklärt sich die US-Notenbank bereit, 85 Milliarden Dollar bereitzustellen. AIG muss dafür 80 Prozent des Unternehmens als Sicherheit geben.
Mit einer neuen Hiobsbotschaft macht die Schottische Hypothekenbank Halifax Bank of Scotland (HBOS) auf sich aufmerksam. Die angeschlagene Großbank sucht händeringend einen finanzkräftigen Investor. Der britische Sender BBC berichtet von Gesprächen mit Lloyds.
Am Morgen wurde ebenfalls bekannt, dass die staatliche Förderbank KfW kurz vor deren Kollaps einen hohen dreistellingen Millionenbetrag an Lehman Brothers überwiesen hat. Mehr als die Hälfte davon wird wohl verloren sein.
US-Finanzminister Henry Paulson kündigt die Einrichtung eines 700-Milliarden-Dollar-schweren Fonds an, um faule Kredite der Banken zu übernehmen und deren Existenz zu sichern. Ein unter Hochdruck am Wochenende in Washington verhandeltes Gesetz soll noch in dieser Woche verabschiedet werden.
Die Nachricht von der 700-Milliarden-Dollar-Aktion beruhigt die Finanzmärkte nur vorübergehend. Der Ölpreis steigt binnen weniger Stunden um mehr als 25 Dollar - der absolut höchste Tagesanstieg, seit der Ölpreis festgestellt wird. Experten werten das als Zeichen für die Skepsis gegenüber den Folgen, die die Milliardenspritze mit sich bringt. Auch der Dollar verliert spürbar an Wert.
Der Preis für Rohöl ist während des Handels an den asiatischen Börsen wieder gesunken. Übrig bleibt trotzdem ein Plus von mehr als vier Dollar. Händler führten den Preisrückgang auf Gewinnmitnahmen zurück.
Der steinreiche US-Investor Warren Buffett sorgt mit seinem Einstieg bei Goldman Sachs für Schlagzeilen. Analysten feiern den legendären Fimnanzstrategen als Heilsbringer.
Der Gipfel im Weißen Haus zur Verabredung des Rettungspakets scheitert. Einige Stunden später gibt die Bankenaufsicht bekannt, dass die US-Sparkasse Washington Mutuel pleite ist. Die Kreditkrise erreicht damit einen neuen Höhepunkt.
Es sieht so aus, als würden sich Demokraten und Republikaner im US-Kongress auf den 700-Milliarden-Dollar-Rettungsplan für notleidende Banken einigen.
Die Finanzkrise erreicht einen Höhepunkt in Europa. Der deutsche Hypothekenfinanzierer Hypo Real Estate muss von Bundesregierung und Banken mit bis zu 35 Milliarden Euro gerettet werden. Auch der britische Baufinanzierer Bradford & Bingley und der belgisch-niederländische Finanzkonzern Fortis werden mit Milliardensummen vor dem Zusammenbruch bewahrt. Die Abgeordneten im US-Kongress lehnen das Rettungspaket ab, weltweit brechen die Börsenkurse ein.
ssu/AP/dpa/Reuters