Eine Analyse von Wolfgang Kaden
Das war schon eine faustdicke Überraschung, damals, Mitte Juli 2008. Die Schaeffler KG verkündete, dass sie den Automobilzulieferer Continental
übernehmen wolle. Ein Coup war die geplante Übernahme nicht nur deswegen, weil das Kaufobjekt aus Hannover drei Mal so viel Umsatz macht wie der Kugel- und Wälzlagerhersteller aus dem fränkischen Herzogenaurach. Sondern vor allem wegen der Mittel, mit denen sich das Schaeffler-Management die Herrschaft über Continental sichern wollte.
Börse in New York: Keine allgemein akzeptierten Regeln
Der Vorgang illustrierte auf eindrucksvolle Weise: Es gab und gibt bis heute - da noch unklar ist welche Rolle das Investmentbanking in der Zukunft spielen wird – keine allgemein akzeptierten Regeln mehr. Nicht im Umgang der Manager untereinander, nicht im Umgang der Unternehmen mit der Öffentlichkeit. Das Vorbild des ehrbaren Kaufmanns hat endgültig ausgedient, seit die Wirtschaftswelt vom Denken und von den Praktiken der angelsächsischen Investmentprofis beherrscht wird.
Wird sich dies mit dem tiefen Fall der einstigen Könige nun ändern? Erleben wir derzeit eine wirtschaftshistorische Zäsur? Es wäre hohe Zeit für einen fundamentalen Kurswechsel: weg von einer Wirtschaft, in der die Meister der Wall Street zum eigenen Vorteil die Regeln diktieren; in denen es offenkundig keine Hemmungen, keinen allgemein akzeptierten Rahmen mehr für das Ausleben des Erwerbstriebs gibt. Käme es auch nur in Ansätzen zu einem solchen Wechsel, zu einer solchen Entmachtung - die sündhaft teure Subprime-Krise hätte dann noch einen positiven Aspekt.
Der angelsächsische Finanzkapitalismus hat sich ja in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren nicht nur zum Nachteil der Bankenwelt zu alles dominierenden "Monster" (Horst Köhler) emporgeschwungen. Er hat auch die Unternehmen im produzierenden Sektor, er hat vor allem die Gesellschaften in der globalen Wirtschaftswelt zunehmend geprägt. Viele negative Entwicklungen wurzeln in der kontinuierlich gewachsenen Macht der Investmentbanker.
Ihnen ist zu einem nicht geringen Teil anzurechnen, dass das Vertrauen der Gesellschaft in die Unternehmenswelt zusehends erodierte. Die Wettbewerbswirtschaft, so der verbreitete Eindruck, ist zu einer Raff-Gemeinschaft verkommen, in der getrickst und getäuscht wird, Anleger um ihr Erspartes gebracht werden, mit undurchsichtigen Wertpapieren Milliardenvermögen geschaffen und vernichtet werden, Investmentbanker und Vorstände sich gänzlich ungeniert bereichern. "Ganz natürliche zivilisatorische Grenzen" seien verloren gegangen, sagte der Gesellschaftsrechtler Marcus Lutter.
Ursachen der Verrohung
Der Auslöser für diese beklagenswerte Entwicklung ist natürlich nicht nur auf den Finanzmärkten zu suchen. Es ist ein schwer zu durchdringendes Geflecht von sich wechselseitig beeinflussenden Ursachen, das zu der Verrohung geführt hat: Die Ego-Gesellschaft, der steigende Wettbewerb oder die Globalisierung spielen eine Rolle.
Über allem jedoch stehen die den "capitalisme sauvage" (Jacques Delors) prägenden modernen Finanzmärkte, Investmentbanken mit Hedgefonds, institutionellen Investoren und Private-Equity-Unternehmen im Schlepptau. In der Mehrzahl sind es Kreationen der jüngeren Vergangenheit. Sie haben in den vergangenen zwanzig Jahren die Wirtschaftswelt erobert und umgepflügt; sie haben das Denken der aktuellen Managergeneration mehr als alles Andere geprägt; ihre Akteure sind zu den wahren "Masters of the Universe" aufgestiegen, nicht nur im eigenen, übersteigerten Selbstverständnis.
Es sind die Finanzmärkte, die die weltweite Vernetzung der Unternehmen mit Macht vorangetrieben haben – und die zugleich selbst ein Ergebnis dieses Prozesses sind. Viel früher noch als der Handel mit Waren wurden die Transaktionen von Geld und Wertpapieren grenzenlos; beschleunigt durch Computer und Telekommunikation, die rund um den Erdball für zeitgleiche Kommunikation sorgen.
Auf anderen Social Networks posten:
Die Interessen aller Teilnehmer,ich gehe davon aus,es handelt sich um Menschen, duerften gleich sein und darum wurden Staaten auch geschaffen um kollektive und Einzelinteressen zu balancieren Moeglich dass es dies gilt, [...] mehr...
Das ist vielleicht der größte Irrtum, dem ich begegne. Liberalen wird häufig vorgeworfen, "religiös" zu sein im Umgang mit dem Markt, oder ihm sonst fast wie als Person zu behandeln. Aber dem ist nicht so - der Markt [...] mehr...
Naja, ob ein die Entstaatlichungstendenze foerdernder und fordernder Neoliberalismus, der versucht die staatlichen Finanzierungsressourcen auf die infrastrukturelle Absicherung der Verwertungsinteressen des weltmarktfaehigen [...] mehr...
Sein Gebrauch s o l l zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." Art. 14 Abs. 2 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Diesen Spruch haben die Väter des Grundgesetzes nicht dort aufgenommen, weil sie [...] mehr...
... wie auch immer: eine gute zeit für eine zäsur: um einmal nachzudenken, wohin die reise gehen soll. dabei darf auch gerne die systemfrage gestellt werden. denn erst wenn diese positiv beantwortet wird, kehrt vertrauen und [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Finanzkrise ab 2007 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH