Eine Analyse von Wolfgang Kaden
In der aktuellen Krise kam es noch schlimmer: Mit Bürgschaften sorgten die Washingtoner Notenbanker dafür, dass die konkursreife Investmentbank Bear Sterns gerettet wurde. Später folgte die Rettung der Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac. Vergangene Woche gipfelte die Intervention der US-Regierung in der Übernahme der taumelnden US-Assekuranz AIG und im Vorhaben, die Märkte mit einem Hilfspaket in Höhe von vorläufig 700 Milliarden Dollar zu stabilisieren. In Deutschland griffen Bundes- und Landespolitiker in die Kassen, um die halbstaatliche IKB-Bank und die SachsenLB, die sich mit forderungsverbrieften Wertpapieren verspekuliert hatten, vor dem verdienten Untergang zu retten. Manche Banker, wie Josef Ackermann von der Deutschen Bank, baten sogar öffentlich um staatliche Hilfe für das Gewerbe.
Das hohe Lied auf die Freiheit der Märkte verstummte da plötzlich. Es mag in der Tat gute Gründe für Politiker und Notenbanker gegeben haben, mit Blick auf die gesamtwirtschaftlichen Folgen die Banken in Amerika, Deutschland oder Großbritannien (Northern Rock!) vor dem Exitus zu bewahren. Aber die moralische Konsequenz dieser Rettungsaktionen ist katastrophal. "Was ist das für eine Ordnung?" fragt die NZZ angesichts der Regierungseinsätze zugunsten der Finanzwirtschaft. Über Geldentwertung und Steuern zahlt der gemeine Bürger für die Husarenritte der Investmentbanker und ihrer Freunde. Wieder einmal wurden, um den platten Spruch zu strapazieren, die Gewinne erst privat verteilt, die Verluste dann sozialisiert.
Verheerend sind all diese Verformungen nicht nur, weil sie in keiner Weise mit den überlieferten Moral- und Gerechtigkeitsvorstellungen der westlichen Welt übereinstimmen. Bedrohlich sind diese Missstände vor allem auch deswegen, weil sie von vielen Menschen als inhärente Bestandteile einer freien Wirtschaft wahrgenommen werden. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn in Deutschland die Zustimmung der Menschen zur Marktwirtschaft kontinuierlich zurückgeht. Kein Wunder, dass eine wirtschaftsfeindliche Partei wie Die Linke von Erfolg zu Erfolg eilt und die SPD mit wachsender Intensität marktferne Eingriffe propagiert.
Frage nach der Macht der Banken
Die uralte Frage nach der Macht der Banken in der Marktwirtschaft, und nach ihrer Kontrolle, wird nun wieder gestellt, unter veränderten Bedingungen. Es geht nicht mehr allein um Depotstimmrechte, um Aufsichtsratsmandate oder Unternehmenskredite. Es geht darum, ob eine Institution wie das Investmentbanking, mit all seinen Ablegern, die globale Wirtschaft in dem Masse beherrschen darf, wie dies heute der Fall ist; ob sich die Realwirtschaft tatsächlich allein nach den Renditevorgaben der Geldmanager richten soll; ob es hinnehmbar ist, dass die Zocker in den Banken die Weltwirtschaft im Fünfjahresrhythmus an den Rand des Abgrunds führen dürfen.
"Es ist Zeit für eine Zäsur, hohe Zeit. Der Knockout für die Investmentbanken bietet eine Chance für Innehalten und Neubesinnung, für eine Wirtschaft und Gesellschaft mit mehr menschlichem Maß. Wobei wir keine übertriebenen Hoffnungen an diesen Absturz binden wollen. Die reinen Investmentbanken werden verschwinden, aber ihre besten Köpfe werden ihren Geschäften weiter nachgehen, nun eben im Rahmen von gewöhnlichen Geschäftsbanken. Auch in Zukunft wird Bedarf bestehen an Investmentbanking, an kreativem Wirken im Bankgeschäft.
Die Staatengemeinschaft wird sich nun endlich zusammenfinden und das Geldgewerbe straffer regulieren. Es gibt ja ein umfangreiches Arsenal an Möglichkeiten: Vorschriften für die Unterlegung von Krediten mit mehr Fremdkapital; Einschränkung von ungedeckten Leerverkäufen; eine Verbesserung des Rsisikomanagements; mehr Transparenz bei komplexen Wertpapieren; ein neues, nachhaltiges Honorierungssystem für die Banker – und vieles mehr.
Doch auch hier sind allzu große Hoffnungen nicht angebracht. Marktkenner verweisen darauf, dass das Bankgewerbe schon heute das am schärfsten regulierte Geschäft ist. Und dass es der Branche, dank ihres bewundernswerten Einfallsreichtums, bislang immer gelungen ist, die Vorschriften auszuhebeln. Ja, dass just die vielen Vorschriften und das Bemühen, sie zu umgehen, zu jener Komplexität der Geschäfte geführt habe, die eine wesentliche Ursache der jüngsten Finanzkrise gewesen sei.
Doch es hilft nichts, die Schäden, die die angelsächsisch geprägten Finanzmärkte bislang in den Gesellschaften angerichtet haben, sind zu groß, als dass deren Herrschaft nicht eingeschränkt werden müsste – so wie es die Ex-Staatsmänner um Helmut Schmidt und Otto Graf Lambsdorff sehen, die fordern, eine "Weltfinanzkonferenz" einzuberufen. Mehr Regulierung allerdings geht nur im internationalen Akkord, wie der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück nicht müde wird zu betonen. Wenn bedeutende Länder – wie derzeit vor allem die USA und Großbritannien – sich solchen Maßnahmen entziehen, würde verstärkte Regulierung in anderen Staaten bei freiem Kapitalverkehr zu unakzeptablen Standortnachteilen für diese Länder führen; hier verhält es sich bei Auflagen in der Finanzwirtschaft nicht anders als beispielsweise im Umweltschutz.
Derzeit ist ein weltweiter Konsens nicht in Sicht. Doch der Münchner Wirtschaftsethiker Karl Homann versucht uns zu trösten und zur Geduld anzuhalten: Es habe schließlich 500 Jahre gedauert, um in Europa den Nationalstaat mit Rechtsstaatlichkeit, Marktwirtschaft und Demokratie zu seiner heutigen Leistungsfähigkeit zu entwickeln.
So viel Zeit, allerdings dürfen wir uns nicht nehmen, um die Finanzmärkte zu zivilisieren.
Bei dem Text handelt es sich um Auszüge aus dem Buch "Verkauft und nichts verraten - Kommunikation im Zeitalter von Private Equity, Hedgefonds und Shareholder Activism". Der Band erscheint im Dezember 2008 im FAZ-Verlag.
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