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23.09.2008
 

Erschütterte Wall Street

New York fürchtet das Ende der Exzesse

Von Marc Pitzke, New York

Selbst die Stripperinnen müssen sich warm anziehen: Die größte Finanzkrise seit den dreißiger Jahren erschüttert ganz New York, alle Branchen der Metropole leiden. Luxuswohnungen werden im Web feilgeboten, Chauffeure brauchen einen neuen Job - denn auch die Milliardäre fangen an zu sparen.

New York - Der Raum ist grau und stickig, gedämpfter Straßenlärm dringt durchs Fenster. 36 Stühle sind aufgereiht, nur zwei besetzt. Eine junge Frau, ein älterer Mann, der spricht gerade leise, von Stress und Schlaflosigkeit und den Alpträumen, die er neuerdings hat. "Ich träume dauernd von Vlad dem Pfähler", berichtet er. "Schreckliche, blutige Träume."

Am Montag im Gemeindehaus der Trinity Church: New Yorks älteste Kirche, nur Schritte von der Börse entfernt am Ende der Wall Street, öffnet sich den säkularen Nachbarn. "Wie man in unsicheren Zeiten Stress bewältigt", so heißt das Seminar, das sie hier gratis anbieten - zur "psychologischen und spirituellen Betreuung" für die Betroffenen der Finanzkrise. Banker, Broker, Angestellte: Jeder, der zur Lunchpause den Weg durch die Tür findet, ist willkommen.

Vorne am Pult steht die Psychologin Mary Ragan von der kirchlichen Therapeutengruppe Psychotherapy and Spirituality Institute (PSI). Sie hofft, die weltlichen Leiden der Wall Street mit spirituellen Grundsätzen lindern zu können. Dass ihre Gruppe an diesem Tag "etwas mager" besucht ist, erklärt sie sich damit, dass die meisten Leidtragenden "noch unter Schock" stünden. "Je früher man die Folgen dieser Situation angreift", drängt sie, "umso besser."

Der Mann, der von Vlad dem Pfähler träumt, stellt sich als "Finanzberater aus der Gegend" vor. Er fürchte um sein Einkommen, weil seine Klienten flüchteten. Die Frau neben ihm arbeitet bei einer Brokerfirma und nennt nur ihren Vornamen, Sandy. Sie klagt über "stechende Schmerzen im Nacken" und generelles Unwohlsein. "Klassische Symptome", sagt Ragan. "Verlust von Kontrolle. Das Gefühl der Hilflosigkeit. Das sind die Ursachen jeder Depression, auch hier."

Die historischen Umwälzungen dieser Tage haben bei vielen New Yorkern ein Gefühl der Hilflosigkeit verursacht, weit über den Financial District hinaus. Die "größte Finanzkrise seit der Depression" ("Wall Street Journal") hat nicht nur die Landschaft der Wall Street in knapp einer Woche völlig auf den Kopf gestellt. Die ganze Stadt hängt mit an diesem Tropf - einem Tropf, der nun über Nacht zu versiegen droht.

"Permanente Schrumpfung der Wall Street"

"Die Wall Street ist New York, New York ist die Wall Street", fasste der TV-Wirtschaftssender CNBC das am Montag zusammen. Zwar arbeiteten 2007 nur rund fünf Prozent der New Yorker in der Finanzbranche, doch die bezogen mehr als ein Drittel der Gehaltssumme - und zahlten rund ein Viertel der Steuereinnahmen. An jedem Finanzjob hängen außerdem mindestens zwei weitere Arbeitsplätze: Dienstleistung, Gastronomie, Einzelhandel, Immobilien. Bürgermeister Michael Bloomberg erwartet für dieses Jahr Steuereinbußen von rund zwölf Prozent. Zum Ausgleich kündigte er gestern eine Erhöhung der Immobiliensteuern an.

Die Lage ist katastrophal: Schon bisher sind rund 11.000 Wall-Street-Jobs verschwunden. 40.000 weitere werden nach Schätzung der US-Regierung bis Ende 2009 verloren gehen - und diese Prognose erging noch vor der jetzigen Krise, an deren Ende diese Woche keine der großen Investmentbanken als solche mehr existiert. Das Pleiteinstitut Lehman Brothers allein hatte 25.000 Angestellte - die Hälfte davon in New York.

Dies sind keine zyklischen Verluste. Dies ist, wie die "New York Times" es diagnostiziert, die "permanente Schrumpfung der Wall Street". Und, folglich, eine Schrumpfung New Yorks.

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