Von Marc Pitzke, New York
Besonders dramatisch schrumpfen werden die Jahresend-Boni, die bisher rund 60 Prozent der Wall-Street-Einkommen bestritten. Schon vor dem jüngsten Kapitel der Krise hatten die Banker erwartet, dass ihre Gehälter und Prämien 2008 um mehr als 18 Milliarden Dollar niedriger ausfallen würden als 2007. Diese Verlustrechnung dürfte nun sogar zu optimistisch ausfallen, da die fraglichen Konzerne entweder ganz Pleite gegangen, verkauft worden oder zu normalen Geschäftsbanken mutiert sind, die solch üppige Zahlungen missbilligen.
Dabei galten die Exzesse lange als normal: Penthouse mit der Adresse 15 Central Park (der neueste, teuerste Apartmentpalast der Stadt), Partynächte im Meatpacking District, Wochenendvilla in Connecticut, Picasso an der Wand, Kind in der Privatschule, Maybach in der Garage, Gulfstream auf dem Rollfeld. So blind war der Geldadel noch kürzlich, dass es sowohl den Edeljuwelier Tiffany wie auch BMW mit Glitzer-Showrooms an die Wall Street gezogen hat. "Es ist ruhig geworden", räumte eine Tiffany-Verkäuferin gestern ein. "Aber das will nichts heißen."
Noch nichts: Denn diese anekdotischen Beobachtungen dürften sich später in harten Zahlen ausdrücken - wie jetzt schon bei der Schmuckdesignerin Tina Tang im Greenwich Village, die im August einen 50-prozentigen Umsatzeinbruch erlitt. "Ich sage meinen Kunden, dass dies die beste Zeit ist, ihr Geld in Kunst anzulegen", sagt auch ein prominenter Galerist aus Midtown. "Doch das Geschäft klemmt. Alle warten ab. Sitzen auf ihrem Geld, machen auf Nummer sicher."
Der Luxus-Immobilienmarkt klemmt schon länger. "Seit Monaten läuft es nur schleppend", klagt ein Makler, der keine Wohnung unter einer Million Dollar anbietet. Bezeichnend dafür: Die Aktie des Immobilienkonzerns Brookfield - einer der größten Verpächter für Wall-Street-Firmen - verlor allein gestern 22 Prozent.
Die armen Reichen: Milliardäre werden zu Millionären. Das "Wall Street Journal" sah sich am Wochenende mal an der bröckelnden Luxusfront um. Da strich eine Society-Lady die Nasenkorrektur für ihre 16-jährige Tochter. Eine andere musste ihr Kindermädchen (1200 Dollar pro Woche) durch ein billigeres (750 Dollar pro Woche) ersetzen. Eine dritte bat den Schönheitschirurgen, ihre Botox-Dosis zu halbieren. Und ein Investor verzichtete auf den Kauf einer 25-Millionen-Dollar-Megayacht.
Lehman-Locher für fünf Dollar
Viele sitzen plötzlich auf Millionenhypotheken, die sie sich nicht mehr leisten können. Joe Gregory, der für seine Luxuskapriolen berüchtigte Ex-Präsident von Lehman Brothers, soll vor dem Bankrott stehen und sein Anwesen auf Long Island auf den Markt geworfen haben, für 32,5 Millionen Dollar - doch wer kann sich das heutzutage noch erlauben?
Die Online-Anzeigenbörse Craigslist avanciert unterdessen zum Flohmarkt der Krisenopfer. Da werden Apartments feilgeboten ("Ich ziehe zu meiner Freundin"), Mitgliedschaften in Sportstudios ("Ich jogge lieber") und Souvenirs der toten Brokerfirmen ("Lehman-Locher, fünf Dollar").
Die Wall-Street-Krise sickert allerdings bis in die unteren Einkommensbranchen durch - und die wird es, mangels toller Abfindungen und "goldener Fallschirme", am härtesten treffen. Schuhputzer, Chauffeure, Laufburschen, Schneiderinnen, Blumenhändler: Alle lebten bisher von der Spendierfreude der obersten Zehntausend.
Selbst die Sex-Branche muss bangen. Der Soziologe Sudhir Venkatesh warnt, dass sich das Geschäft der Stripclubs fühlbar reduzieren könnte. "50 bis 60 Prozent derer Kunden sind Finanztypen", sagte er in "New York". Das Magazin recherchierte dem nach, fand jedoch in Rick's Cabaret, dem hiesigen Marktführer, vorige Woche "alle 20 VIP-Suiten besetzt".
Anderen Sparten verschafft das Chaos offenbar eine Art Rezessionsboom. Spirituosenhändler berichten von erhöhtem Alkoholkonsum. Spas vermelden vermehrte Laufkundschaft. Masseusen sind besser beschäftigt denn je. "Da draußen herrscht ungeheurer Stress", sagte Todd Walter, der Chef der Spa-Gruppe Red Door, dem "Wall Street Journal". Walters Firma fuhr diese Woche rund acht Prozent mehr Umsatz ein als im Vorjahresvergleich. "Die Leute sehnen sich nach der kleinsten Entspannung."
Dass all das nichts Neues ist in der Geschichte der Wall Street, kann man nur wenige Blocks von der New York Stock Exchange persönlich in Augenschein nehmen. Für acht Dollar Eintritt bietet das Museum of American Finance einen Rückblick auf frühere Dramen: Crashs, Krisen, Konkurse - verewigt in Form von Exponaten aus jener Zeit, gerahmt und hinter Glas.
Déjà-vu: Ein vergilbter Artikel aus der "New York Daily Investment News" vom 25. Oktober 1929. "Börsenkrise vorbei", lautete die trügerische Schlagzeile: Ein Bankenkonsortium habe den Kurssturz gestoppt. "An der ganzen Wall Street herrschte extreme Erleichterung, und die Vorhersage aus aller Munde lautete: Das Schlimmste ist vorbei."
Vier Tage später kam dann der richtige Crash, der "schwarze Dienstag" - und mit ihm die Depression, die ein Jahrzehnt dauern würde.
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