Finanzkrise
Größte US-Sparkasse Washington Mutual bricht zusammen
Es ist die bislang größte Bankenpleite in der US-Geschichte: Die Sparkasse Washington Mutual wurde das nächste Opfer der Finanzkrise. In einem Notverkauf übernahm der Finanzkonzern JP Morgan Chase die verwertbaren Reste des Instituts für 1,9 Milliarden Dollar.
New York/Washington - Washington Mutual (WaMu) ist von der US-Aufsichtsbehörde OTS geschlossen worden. JP Morgan Chase, die drittgrößte amerikanische Großbank, zahlt 1,9 Milliarden Dollar für die von der Sparkasse übernommenen Geschäfte, Einlagen und Filialen. Der Kundenbetrieb werde am Freitag jedoch wie gewohnt weitergehen, hieß es.
AP
Washington Mutual: Das nächste Opfer der Finanzkrise
Es ist der größte Zusammenbruch einer Bank in der US-Geschichte. Wie vielen US-Banken sind auch WaMu Verluste aus dem Hypothekengeschäft zum Verhängnis geworden. Die Sparkasse mit Sitz in Seattle (US-Bundesstaat Washington) erlitt wegen der Kreditkrise Milliardenverluste: Das Institut hatte Hypotheken vergeben, ohne die Bonität der Schuldner genau zu prüfen. Seit Jahresbeginn verlor die Bank mehr als 90 Prozent ihres Börsenwerts.
Der Notrettung waren der Aufsichtsbehörde zufolge Einlagenabflüsse in Höhe von 16,7 Milliarden Dollar seit dem 15. September vorausgegangen. Washington Mutual
habe nicht über ausreichend Liquidität verfügt, um ihren Verpflichtungen nachzukommen. Die Sparkasse habe sich daher in einem unsicheren und unsoliden Zustand bezüglich ihrer Geschäftstransaktionen befunden, erklärte das Office of Thrift Supervision (OTS). Seit Wochen hatte die Washington Mutual verzweifelt einen Investor gesucht.
Washington Mutual verfügt den Regulierungsbehörden zufolge über Vermögenswerte von rund 307 Milliarden Dollar und Einlagen in Höhe von 188 Milliarden Dollar. FDIC-Chefin Sheila Bair sagte, der Einlagensicherungsfonds habe schnell einen Käufer für Washington Mutual finden müssen, um durch Medienberichte verängstigte Kunden zu beruhigen. Das Grundkapital und die Gesamtschulden der WaMu sind von der Transaktion ausgeschlossen. Aktionäre und Gläubiger der Gruppe dürften also leer ausgehen.
| Washington Mutual - die wichtigsten Daten |
| Firmensitz |
:Seattle |
| Filialen in den USA |
:2200 |
| Vorstand |
:Stephen J. Rotella |
| Finanzvorstand |
:Thomas W. Casey |
| Angestellte |
:49.403 |
| Umsatz |
:26,523 Milliarden Dollar |
| Dividende |
:2,21 Dollar pro Aktie |
| Operativer Gewinn |
:5,214 Milliarden Dollar |
| Gewinn vor Steuern |
:309 Millionen Dollar |
| Rang in der Liste der Fortune 500 |
:97 |
| Alle Werte gelten für 2007; Quelle: Hoovers (www.hoovers.com) |
Mit der Notrettung der Sparkasse ist den amerikanischen Steuerzahlern Einiges erspart geblieben: Der staatliche Einlagensicherungsfonds FDIC versichert Guthaben bis zu 100.000 Dollar pro Kunde. Der Fonds hätte im Fall einer Insolvenz des Instituts für Einlagen von rund 143 Milliarden Dollar einspringen müssen - die Summe ist dreimal so hoch wie das Volumen des Fonds. Die Zeitung "Wall Street Journal" wertet die Übernahme der Sparkasse durch JP Morgan deshalb als Hoffnungsschimmer für das Bankensystem, weil zumindest kein weiterer Druck auf dem Fonds lastet. Die Washington Mutual ist wegen ihrer Rechtsform allerdings nicht mit den deutschen Sparkassen gleichzusetzen.
JP-Morgan-Chef Jamie Dimon erreicht mit dem Zukauf das langgehegte Ziel, seine Bank im Westen der USA zu einer starken Kraft im breiten Privatkundengeschäft zu machen. Vor vier Monaten hatte JP Morgan bereits die ebenfalls durch die Finanzkrise zu Fall gebrachte US-Investmentbank Bear Stearns zu einem Schnäppchenpreis geschluckt.
JP Morgan will nun nach eigenen Angaben die Integration der Unternehmen und die Umbenennung bis Ende 2010 abschließen. Durch die Übernahme entstehe die größte US-Sparkasse mit Kundeneinlagen von mehr als 900 Milliarden Dollar, erklärte die FDIC. Außerdem entstehe dadurch ein Filialnetz, das 42 Prozent der US-Bevölkerung erreiche. Die Bank wird damit ihre Präsenz an der US-Westküste verstärken und die Zahl ihrer Filialen auf 5400 erhöhen können.
Im Zuge der Übernahme sollten weniger als zehn Prozent der Zweigstellen geschlossen werden, teilte das Unternehmen mit. Die Kosten für die Fusion will die Bank nach eigenen Angaben in einer Höhe von bis zu 1,5 Milliarden Dollar steuerlich geltend machen.
Zum zweiten Mal innerhalb von kurzer Zeit erweist sich die US-Bank JP Morgan somit als Retter in letzter Not: Im März hatte das Institut die insolvente Investmentbank Bear Stearns aufgekauft. Für die Übernahme bekam die JP Morgan 29 Milliarden Dollar von der Regierung.
CHRONOLOGIE DER FINANZKRISE
Zwei Hedgefonds der New Yorker Investmentbank Bear Stearns straucheln wegen Fehlspekulationen am US-Immobilienmarkt.
Auch in Deutschland geraten Banken in den Sog der Krise - etwa die Mittelstandsbank IKB, die Sachsen LB, die WestLB und die BayernLB.
Besorgte Kunden stürmen die Schalter der
britischen Bank Northern Rock.
Beim US-Finanzkonzern Citigroup bricht der Gewinn
stark ein. Von nun an meldet ein großes Finanzhaus nach dem anderen
Milliardenabschreibungen und hohe Verluste.
Die Schweizer Großbank UBS meldet für 2007 wegen der Turbulenzen des US-Immobilienmarkts Abschreibungen von mehr als 18
Milliarden Dollar. Im April kommen weitere 19 Milliarden hinzu.
Der US-Kongress billigt ein Konjunkturprogramm im
Umfang von 150 Milliarden Dollar.
Bear Stearns steht kurz vor dem Zusammenbruch und muss auf Druck der US-Notenbank einem Notverkauf an die Großbank J.P.
Morgan Chase zustimmen. Die US-Regierung springt mit Garantien ein.
Die Deutsche Bank meldet für das erste Vierteljahr mit einem Minus von 141 Millionen Euro den ersten Quartalsverlust seit
fünf Jahren.
Die kalifornische Hypothekenbank IndyMac bricht
zusammen. Die US-Hypothekengiganten Fannie Mae und Freddie Mac
geraten immer mehr in Bedrängnis. In Spanien muss die Immobilien- und
Finanzgruppe Martinsa-Fadesa Konkurs anmelden.
Die US-Regierung übernimmt die Kontrolle bei
Fannie Mae und Freddie Mac. Die Krise der Investmentbank Lehman Brothers wird immer akuter. Auch andere Finanzkonzerne wie die Investmentbank Merrill Lynch, der Versicherungsriese AIG oder die größte US-Sparkasse Washington Mutual sind betroffen.
Der "Schwarze Montag". Lehman Brothers muss Insolvenz anmelden, Merrill Lynch wird aufgekauft und AIG braucht
Überbrückungskredite in Milliardenhöhe. Bislang mussten die Banken weltweit schätzungsweise mehr als 500 Milliarden Dollar abschreiben.
Die Nachricht von der drohenden Insolvenz des weltgrößten Versicherers AIG sorgt für ein Beben an den weltweiten Finanzmärkten. Eine Rettungsaktion innerhalb der Branche scheitert. Schließlich erklärt sich die US-Notenbank bereit, 85 Milliarden Dollar bereitzustellen. AIG muss dafür 80 Prozent des Unternehmens als Sicherheit geben.
Mit einer neuen Hiobsbotschaft macht die Schottische Hypothekenbank Halifax Bank of Scotland (HBOS) auf sich aufmerksam. Die angeschlagene Großbank sucht händeringend einen finanzkräftigen Investor. Der britische Sender BBC berichtet von Gesprächen mit Lloyds.
Am Morgen wurde ebenfalls bekannt, dass die staatliche Förderbank KfW kurz vor deren Kollaps einen hohen dreistellingen Millionenbetrag an Lehman Brothers überwiesen hat. Mehr als die Hälfte davon wird wohl verloren sein.
US-Finanzminister Henry Paulson kündigt die Einrichtung eines 700-Milliarden-Dollar-schweren Fonds an, um faule Kredite der Banken zu übernehmen und deren Existenz zu sichern. Ein unter Hochdruck am Wochenende in Washington verhandeltes Gesetz soll noch in dieser Woche verabschiedet werden.
Die Nachricht von der 700-Milliarden-Dollar-Aktion beruhigt die Finanzmärkte nur vorübergehend. Der Ölpreis steigt binnen weniger Stunden um mehr als 25 Dollar - der absolut höchste Tagesanstieg, seit der Ölpreis festgestellt wird. Experten werten das als Zeichen für die Skepsis gegenüber den Folgen, die die Milliardenspritze mit sich bringt. Auch der Dollar verliert spürbar an Wert.
Der Preis für Rohöl ist während des Handels an den asiatischen Börsen wieder gesunken. Übrig bleibt trotzdem ein Plus von mehr als vier Dollar. Händler führten den Preisrückgang auf Gewinnmitnahmen zurück.
Der steinreiche US-Investor Warren Buffett sorgt mit seinem Einstieg bei Goldman Sachs für Schlagzeilen. Analysten feiern den legendären Fimnanzstrategen als Heilsbringer.
Der Gipfel im Weißen Haus zur Verabredung des Rettungspakets scheitert. Einige Stunden später gibt die Bankenaufsicht bekannt, dass die US-Sparkasse Washington Mutuel pleite ist. Die Kreditkrise erreicht damit einen neuen Höhepunkt.
Es sieht so aus, als würden sich Demokraten und Republikaner im US-Kongress auf den 700-Milliarden-Dollar-Rettungsplan für notleidende Banken einigen.
Die Finanzkrise erreicht einen Höhepunkt in Europa. Der deutsche Hypothekenfinanzierer Hypo Real Estate muss von Bundesregierung und Banken mit bis zu 35 Milliarden Euro gerettet werden. Auch der britische Baufinanzierer Bradford & Bingley und der belgisch-niederländische Finanzkonzern Fortis werden mit Milliardensummen vor dem Zusammenbruch bewahrt. Die Abgeordneten im US-Kongress lehnen das Rettungspaket ab, weltweit brechen die Börsenkurse ein.
als/cvk/Reuters/dpa/AFP