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US-Finanzkrise Amerika - wo sich Scheitern lohnt

2. Teil: "Es fängt an", ruft Mrs. Harmon in Ekstase.

Die von Agatha Christie nach dem Vorbild ihrer Oma erfundene Kriminalistin besitzt nicht nur Humor und Menschenkenntnis. Sie besitzt vor allem Erfahrung mit dem Offensichtlichen, das keiner für möglich hält – bis es passiert. In dem Roman "Ein Mord wird angekündigt" hat sie unsere Zukunft auf komödiantische Art vorerlebt.

Die Geschichte geht so: Eines Morgens lesen die Bürger im Kleinanzeigenteil ihrer Lokalzeitung folgenden Text: "Ein Mord wird hiermit angekündigt. Er wird Freitag, dem 29. Oktober um 6.30 abends in Little Paddocks verübt. Freunde und Bekannte sind herzlich eingeladen, daran teilzunehmen. Eine zweite Aufforderung erfolgt nicht." Also trifft sich das halbe Dorf zur angegebenen Zeit im vermeintlichen Mordhaus. Man hält die Warnung für einen frivolen Scherz, den man keinesfalls verpassen möchte. Sherry wird gereicht. Ein kollektives Kribbeln setzt ein. Da geht pünktlich um halb sieben das Licht aus.

"'Ist das nicht wunderbar', kreischte eine weibliche Stimme. 'Ich bin ja so aufgeregt.'"

Als das Licht wieder anging war – zur allgemeinen Überraschung – ein Mord zu besichtigen. Nun stehen auch wir wie die Gäste in Little Paddocks beisammen, tuscheln, es kribbelt, wir warten, was wohl als Nächstes passiert. Und niemand glaubt ernsthaft daran, dass die eigentliche Tat erst noch bevorsteht.

"Alle verstummten, niemand rührte sich, jeder starrte wie hypnotisiert auf die Uhr. Als der letzte Ton verklang, erlosch das Licht. In der Finsternis ertönten begeisterte Ausrufe. 'Es fängt an', rief Mrs. Harmon in Ekstase."

Verkaufte Zukunft

Wer eine Vorahnung bekommen will, muss nur den Blick weiten, solange das Licht noch brennt. Die Kreditkartenunternehmen der USA stehen nicht viel besser da als die Banken. Auch sie haben die Zukunft verkauft und ein Stück von der Zeit danach.

Die amerikanische Autoindustrie ist ebenfalls schwer angeschlagen und hat Mühe, ihre Kreditlinien am freien Markt zu verlängern. Über 300.000 Jobs sind dort seit 1999 verloren gegangen, aber was nützt das, wenn die Krise nicht an den Arbeitern, sondern an den Managern liegt? Die enorme Ölrechnung Amerikas – rund 500 Milliarden Dollar pro Jahr – wird derzeit mit chinesischem Leihgeld beglichen. An jedem Werktag steigt die amerikanische Auslandsverschuldung um knapp eine Milliarde Dollar.

Die Privathaushalte, das ist die wohl bitterste Wahrheit im Amerika dieser Tage, wirtschaften nicht besser als die Bosse. Sie finden im Wall-Street-Banker nicht ihr Zerr-, sondern ihr Spiegelbild. "Ich kenne kein Land, in dem die Liebe zum Geld einen so großen Platz im Herzen der Menschen einnimmt", notierte Alexis de Tocqueville schon vor 170 Jahren.

Das überfällige Gespräch zwischen Regierung und Regierten kam bisher nicht zu Stande. Es müsste ein Gespräch über den Zusammenhang von Wirtschaft und Werten sein, über die Zurücknahme des Bisherigen und nicht seiner Expansion. Das Wort Sparsamkeit beispielsweise, das im Wörterbuch der Enthemmten nicht mehr vorkam, müsste neu eingeführt werden.

Daran ist bislang nicht zu denken. Das heutige Amerika ist zu amerikanisch, um in seiner heutigen Form zu überleben. Das heutige Amerika aber ist auch zu stolz, das einzusehen. Die Gläubigen werden freiwillig wohl kaum konvertieren.

So läuft denn die Erkenntnis den Ereignissen weiter hinterher. Ein gefährliches Spiel mit der Zeit hat begonnen.

"...... Zwei Kugeln pfiffen. Auf einmal war das Spiel kein Spiel mehr. Jemand schrie. "Licht! .... Wer hat ein Feuerzeug? ...... "Oh Archie, ich möchte heim."

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insgesamt 60 Beiträge
archelys 28.09.2008
Wer belohnt wen?
Zitat von sysopSorglosigkeit, Verschwendung, Gier - dieses Modell des US-Kapitalismus ist in der Finanzkrise mit einem großen Knall implodiert. Nur hat die Bush-Regierung das noch nicht gemerkt: Sie will Feuer nicht mit Wasser, sondern mit Brennstoff löschen und belohnt die Versager der Wall Street für ihr Tun. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,580935,00.html
Wer belohnt wen?
TommIT 28.09.2008
Der Steuerzahler belohnt den in Probleme geratenen Spekulanten, damit der nicht verzichten muss. Aber nur deshalb weil die Politik die Alternative bewusst hat so wachsen lassen, dasses keine ALternative gibt. Das nen ich [...]
Zitat von archelysWer belohnt wen?
Der Steuerzahler belohnt den in Probleme geratenen Spekulanten, damit der nicht verzichten muss. Aber nur deshalb weil die Politik die Alternative bewusst hat so wachsen lassen, dasses keine ALternative gibt. Das nen ich Gouvernance Corporate nachdem Corporate Gouvernance mit Pauken und Trompeten gescheitert ist.
Michael Giertz 28.09.2008
Da sist si Blödsinn. "Belohnt" wird hier niemand, es wird eher versucht, einen Totalcrash irgendwie abzufedern. Ob die 700 Mrd. Dollar das tun, sei mal dahingestellt. Fakt ist: Die große Schwachstelle der [...]
Zitat von sysopSorglosigkeit, Verschwendung, Gier - dieses Modell des US-Kapitalismus ist in der Finanzkrise mit einem großen Knall implodiert. Nur hat die Bush-Regierung das noch nicht gemerkt: Sie will Feuer nicht mit Wasser, sondern mit Brennstoff löschen und belohnt die Versager der Wall Street für ihr Tun. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,580935,00.html
Da sist si Blödsinn. "Belohnt" wird hier niemand, es wird eher versucht, einen Totalcrash irgendwie abzufedern. Ob die 700 Mrd. Dollar das tun, sei mal dahingestellt. Fakt ist: Die große Schwachstelle der amerikanischen Wirtschaft wurde schonungslos aufgedeckt: jeder hat Schulden bei jedem, Geld haben nur noch die ganz oben sitzen. Ganz realistisch betrachtet steht also die US-Wirtschaft auf tönernen Füßen und die haben durch die Krise kräftig Risse bekommen. Die Regierung tut aber nichts, um das wackelige Fundament gegen ein stabileres auszutauschen, sondern kitten die Risse einfach zu und beten zum Allmächtigen, dass es doch bitte halten möge. So oder so ... die nächste Krise kommt bestimmt, denn die menschliche Gier produziert erst die Spekulationsblasen, die auch igendwann platzen. Und da menschliche Gier nunmal ebensowenig auszurotten ist, wie das Verlangen nach Sauerstoff, wird es immer wieder kriseln. Die Frage die sich also stellt ist nicht "warum" sondern "wann". Die zweite Frage ist dann: verkraftet dies die Weltwirtschaft?
mr-mg 28.09.2008
Diese Frage sollten wir uns nicht erst "dann" stellen, sondern durchaus schon jetzt!
Zitat von Michael Giertz... Die Frage die sich also stellt ist nicht "warum" sondern "wann". Die zweite Frage ist dann: verkraftet dies die Weltwirtschaft?
Diese Frage sollten wir uns nicht erst "dann" stellen, sondern durchaus schon jetzt!
cycokan 28.09.2008
Gabor Steingart hat endlich mal recht. Nur hat er vor Monaten noch ganz Bücher gegenteiligen Inhaltes veröffentlicht und jahrelang genau das publizistisch befördert, was er jetzt scheinheilig kritisiert. Wer zu spät kommt, den [...]
Gabor Steingart hat endlich mal recht. Nur hat er vor Monaten noch ganz Bücher gegenteiligen Inhaltes veröffentlicht und jahrelang genau das publizistisch befördert, was er jetzt scheinheilig kritisiert. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Leute wie Steingart sollten sich jetzt erstmal ein paar Jahre der Leurerung auferlegen und einfach mal die ... halten. Sie wissen schon, Nuhr Zitat.
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