Frankfurt am Main - Rationales Verhalten bleibt graue Theorie in diesen Tagen: Da verkünden Bundesbank und BaFin, dass die Hypo Real Estate (HRE)
dank des Engagements einiger Deutscher Banken und des Bundes finanziell abgesichert ist, doch die Anleger werfen die Aktie in Massen auf den Markt. Zeitweise notiert der Kurs der HRE-Aktie mehr als 70 Prozent im Minus. Erst nachdem die Nachricht durchdrang, dass sich der Bund für die Kredite verbürgt, erholte sich der Kurs wieder etwas.
Börsenhändler: "Alles was Bank heißt, wird mit heruntergerissen"
Trotzdem sind Finanztitel an der Börse derzeit die großen Verlierer. Wer kann, verkauft. "Alles, was Bank heißt, wird mit heruntergerissen", sagte ein Händler. "An einem Tag wie heute werden alle, die mit der Branche etwas zu tun haben, in einen Sack gesteckt", kommentierte ein Marktteilnehmer die Kursverluste.
Entsprechend schlecht ergeht es dem Dax
: Bis 10 Uhr baute der deutsche Leitindex seine Verluste auf 3,1 Prozent aus und rutschte zeitweise sogar unter 5900 Zähler. Zuletzt pendelte der Index um diese Marke. Allein der Kursabsturz der Commerzbank
von mehr als 24 Prozent drückte den Dax mit 23 Punkten. Allianz-Titel
gaben sechs Prozent nach.
"Bei der Commerzbank sehen Anleger über die Tochter Eurohypo
Verbindungen zum Geschäft mit der Hypo Real Estate", sagte Analyst Konrad Becker von Merck Finck. Allerdings sei die Commerzbank durch Spareinlagen nicht so stark auf eine kurzfristige Refinanzierung angewiesen. "Das Erschreckende ist, dass man den Banken nichts mehr glauben kann", sagte ein Händler. Auch habe sich mit der aktuellen Kursentwicklung gezeigt, dass das Short-Verbot "überhaupt nichts bringt".
Rettungspaket für die Hypo Real Estate
Die Hypo Real Estate erhält eine dringend benötigte Finanzspritze aus dem deutschen Finanzsektor. Hintergrund ist der drohende Zusammenbruch der Tochter Depfa-Bank. Das Institut finanziert die von ihr bereitgestellten langfristigen Kredite im Gesamtumfang von insgesamt rund 50 Milliarden Euro, indem sie sich kurz- und mittelfristig bei anderen Banken Geld leiht. Von der Zinsdifferenz - solche Kredite sind wegen der kürzeren Laufzeit deutlich billiger - ließ sich bislang ganz gut leben. Doch seit der spektakulären Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers gibt es kaum noch jemanden, der Geld verleiht.
Der Umfang der am Dienstag fällig werdenden Kredite war selbst für die Konzernmutter HRE zu groß. Informationen aus mit der Sache vertrauten Kreisen zufolge sind bis zu 35 Milliarden Euro notwendig. Dieses Geld stellte das Bankenkonsortium, das der HRE zur Hilfe geeilt war, jetzt bereit. Dem Vernehmen sollen in einer ersten Tranche etwa 14 Milliarden Euro bezahlt werden. 60 Prozent davon sollen auf die privaten Banken entfallen, 40 Prozent auf den Bund. Die zweite Risikoabschirmung in Höhe von 21 Milliarden Euro soll der Bund alleine tragen. Wie hoch die tatsächlichen Verluste am Ende sein könnten, sei derzeit offen.
Die Ausgestaltung dieser "umfangreichen" neuen Kreditlinie des Bankenkonsortiums schirme das Unternehmen vom Einfluss der derzeit weitgehend funktionsunfähigen internationalen Geldmärkte ab, teilte das Münchner Unternehmen mit. Bereits Mitte Januar hatte HRE überraschend eingeräumt, doch von den Auswirkungen der US-Immobilienkrise betroffen zu sein und Wertkorrekturen in Höhe von 390 Millionen Euro vorgenommen zu haben.
Einigung über 700-Milliarden-Paket hilft Dax nicht
Das HRE-Fiasko überschattete die Nachrichten von der Einigung über die Rettungsaktion der US-Regierung für die gebeutelten amerikanischen Finanzmärkte. Dabei hatten sich die US-Börsen am Freitag im späten Handel noch deutlich erholt. An der Wall Street war der Dow Jones
am Freitag nach Handelsschluss in Europa ins Plus gedreht und hatte 1,1 Prozent höher geschlossen. Der Technologiewerte-Index Nasdaq Composite
hatte sein Minus auf 0,1 Prozent reduziert.
Doch dieser Funke sprang am Montag nicht auf Asien und Europa über. Auch in Fernost blieb die Freude über das Rettungspaket verhalten. In Tokio schloss der Nikkei
1,3 Prozent unter dem Vortagesniveau.
Zwar haben in den USA Republikaner und Demokraten in der Nacht zum Sonntag eine grundsätzliche Einigung über das 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket für die Wall Street erzielt. Dennoch verhalten sich Anleger in Asien und Europa angesichts weiterer möglicher Pleiten im Finanzsektor abwartend.
Wachovia, Fortis, B&B: Weitere Banken in Schieflage
Außer der deutschen Hypo Real Estate benötigt auch der angeschlagene Finanzkonzern Fortis
Hilfe von außen und wird teilweise verstaatlicht. Die britische Hypothekenbank Bradford & Bingley (B&B) soll nach Medieninformationen ganz verstaatlicht und zerschlagen werden.
Die
US-Großbank Wachovia
sucht unterdessen Kreisen zufolge ihre Rettung in einer Übernahme. Darüber verhandele die Bank unter anderem mit der Citigroup
und Wells Fargo, hieß es am Montag in Kreisen und bestätigten damit einen Bericht der "New York Times" in Teilen.
Die Zeitung hatte berichtet, dass Wachovia mit beiden Banken unter Federführung der US-Notenbank sowie des Finanzministeriums verhandele. Ein Sprecher des Finanzministeriums wollte die Spekulationen über Wachovia nicht kommentieren, sagte aber, dass die Regierung im regulären Kontakt mit den Marktteilnehmern steht.
mik/Reuters/dpa/ddp
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Finanzkrise ab 2007 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH