Von Stefan Schultz
Hamburg - Hypo Real Estate, Fortis, Bradford & Bingley: Die Finanzkrise erwischt in immer schnellerem Takt auch europäische Konzerne. Zu Wochenbeginn stehen in der Alten Welt gleich drei Geldhäuser am Abgrund. Auf den Finanzmärkten droht eine Kreditklemme.
Um das europäische Finanzsystem vor dem Kollaps zu bewahren, müssen Regierungen quer durch Europa gegensteuern - in London, Deutschland, Belgien, Luxemburg und den Niederlanden startete der Staat zu Wochenbeginn spektakuläre Rettungsaktionen:
Die neuen Hiobsbotschaften schlagen auch auf die politische Rhetorik durch. "Die Auswirkungen der Finanzkrise auf Deutschland sind weit größer als zunächst angenommen", sagt Dagmar Wöhrl, parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, SPIEGEL ONLINE.
Ausgerechnet eine CSU-Politikerin findet deutlichere Worte für die Krise als beispielsweise Peer Steinbrück (SPD) - das liegt wohl auch daran, dass der größte Brandherd der Finanzkrise mit der Münchner Hypo Real Estate derzeit in Bayern liegt.
Milliardenschwere Staatsbürgschaft für die HRE
Aber eben nicht nur daran. Auch den Haushaltsausschuss des Bundestags beschäftigt das Thema Finanzkrise. Am Dienstagnachmittag trifft er sich zu einer Sondersitzung. Wie SPIEGEL ONLINE aus mit der Sache vertrauten Kreisen erfuhr, werden an dieser unter anderem Steinbrück, Bundesbankpräsident Axel Weber und Jochen Sanio teilnehmen, der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin).
Wichtigster Tagesordnungspunkt der wahrscheinlich geheimen Sitzung ist die Staatsbürgschaft der Hypo Real Estate. Insidern zufolge sind zur Rettung der Bank bis zu 35 Milliarden Euro notwendig. Die Staatsgarantie besteht nach Angaben des Finanzministeriums aus zwei Teilen. Für den ersten Teil von 14 Milliarden Euro übernähmen die Banken 60 Prozent der Garantie und der Staat 40 Prozent. Für den zweiten Teil von 21 Milliarden Euro trete der Staat allein ein.
Im Klartext heißt das: Zur Refinanzierung der Münchner Hypo Real Estate wird die Kreditwürdigkeit des Staats eingesetzt. Ohne die Garantie, dass der Staat für die Kredite bürgt, bekämen die Retter der Hypo Real Estate das Geld gar nicht mehr zusammen. Und: Sollte die Hypo Real Estate das Geld letztlich nicht zurückzahlen können, muss der Steuerzahler den Schaden übernehmen.
Weitere deutsche Banken gefährdet
Der Beinahe-Bankrott der Hypo Real könnte zudem kein Einzelfall bleiben. "Wir dürfen die Krise nicht herbeireden", sagt Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor an der Universität Hohenheim, SPIEGEL ONLINE. "Schaut man sich aber die derzeitigen Mechanismen an, dann beschleunigt sich die Krise derzeit noch und zeigt zusehends auch in Europa und in Deutschland Auswirkungen." Auch sein Kollege Thomas Hartmann-Wendels, Bankenexperte an der Universität Köln, spricht von einer "Vielzahl von Faktoren", die die Krise in Europa vorantreiben.
Nach Einschätzung von Burghof und Hartmann-Wendels stellen diese Faktoren für den europäischen Markt ein erhebliches Risikopotential dar.
Wie sicher ist die Commerzbank?
In Deutschland gibt es mindestens zwei Banken, deren Geschäftsmodell dem der HRE ähneln: die Essen Hypo und die Euro Hypo. Beide sind Tochtergesellschaften der Commerzbank. Sollten sie ins Schlingern geraten, wäre auch die deutsche Privatbank betroffen, die gerade die Allianz-Tochter Dresdner Bank für 9,8 Milliarden Euro übernommen hat. Die Pleite des Finanzgiganten Fortis hat gezeigt, dass auch Universalbanken wie die Commerzbank durch die Auswirkungen der Kreditkrise in arge Probleme geraten können.
Wirtschaftsweiser fordert Leitzinssenkung
Auch Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, sieht in der Finanzkrise eine Belastung der europäischen Finanzmärkte. Um der Kreditkrise global entgegenzuwirken, fordert er drei konkrete Maßnahmen (siehe Toolbox).
Nach Meinung des Wirtschaftsweisen Bofinger sollen Banken, aber auch Versicherungen und Fonds, künftig weltweit dazu gezwungen werden, genau anzugeben, wie viele Forderungen sie bei wem haben. Durch eine solche globale Schufa würde man auf einen Blick erkennen, wo sich besonders hohe Risiken sammeln. In Deutschland gibt es ein solches Kreditregister seit langem und es wird von den Banken als ein wichtiges Instrument für ihre Kreditanalyse geschätzt. Allerdings wäre es vor einem Jahr utopisch gewesen, dass man die englische oder amerikanische Regierung zu einer solchen Maßnahme bewegen kann. Jetzt, so Bofinger, sei die Gelegenheit günstig, diesen Schritt zu machen.
"Der Leitzins liegt bei 4,25 Prozent, Banken zahlen aber derzeit bei der EZB tatsächlich 4,78 Prozent Zinsen für Kredite mit einer Laufzeit von einer Woche", sagt Bofinger. "Wenn sich Banken am Markt Liquidität für drei Monaten beschaffen wollen, liegt der Zins derzeit sogar über fünf Prozent - das ist der höchste Zinssatz, seitdem es den Euro gibt."
Angesichts der angespannten Situation solle die EZB im Hauptrefinanzierungsgeschäft für eine Woche Geld per Festzinstender zur Verfügung stellen, sprich zum Leitzinssatz von 4,25 Prozent. Damit würde ein wichtiger Beitrag zu einer besseren Ertragssituation der Banken in einem sehr schwierigen Umfeld geleistet. Noch besser wäre es die Leitzinsen und die tatsächlich zu zahlenden Zinsen auf 3,75 Prozent zu senken.
Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) trifft sich am Donnerstag turnusmäßig in Frankfurt, um über die weitere Geldpolitik für die Euro-Zone zu entscheiden. Experten rechnen trotz angespannter Lage nicht mit einer Zinssenkung.
Um die Auswirkungen der Kreditkrise auf Europa zu begrenzen, rät Bofinger zudem, ein ähnliches Hilfspaket zu schnüren wie in den USA. "Es ist meiner Meinung nach besser, dass auch in Europa der Staat faule Kredite übernimmt als dass weitere Banken zusammenbrechen, was den Steuerzahler dann noch mehr kosten kann", sagt Bofinger.
Bankenexperte Burghof rät in diesem Punkt zur Zurückhaltung. "Europäische Banken sollten zunächst versuchen, ihre Ansprüche über das US-Paket abzuwickeln." Allerdings sei es nicht abwegig, dass viele europäische Banken auf ihren faulen Krediten sitzen bleiben, da sie ihre Ansprüche in den USA nicht durchsetzen können. Wenn die Krise sich weiter zuspitze, sei ein europäisches Rettungspaket vermutlich unvermeidlich. "Und dann", so Burghof, "hätte Europa den maximalen Schaden."
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