Fassunglos blickt die Welt nach Washington: Nachdem das US-Abgeordnetenhaus den Rettungsplan der Regierung für die taumelnden Finanzmärkte abgelehnt hat, droht die Krise weiter zu eskalieren. Börsen rund um den Globus beantworten das Votum mit hohen Kursverlusten. Die Zukunft der Bankenbranche erscheint ungewisser denn je.
Untergangsstimmung macht sich breit. Die Finanzkrise scheint alles mitzureißen. Die Investmentbanken? Geschichte. Bear Stearns, Lehman Brothers, Merrill Lynch, Goldman Sachs, Morgan Stanley - die großen Fünf der Wall Street sind entweder verkauft, pleite oder firmieren als schnöde Geschäftsbank. Das Bankensterben setzt sich fort. Washington Mutual, Wachovia, Fortis, Bradford & Bingley, Dexia - entweder werden die maladen Institute mit Milliarden an Steuergeldern gestützt oder von der Konkurrenz geschluckt.
Auch in Deutschland wächst die Furcht vor einem Bankencrash. Die Einschläge kommen näher. Mit dem schwer angeschlagenen Hypothekenfinanzierer Hypo Real Estate hat es nun erstmals einen Dax-Konzern erwischt. Allein die Bürgschaft der Bundesregierung und Kredite einer Bankengruppe in Milliardenhöhe konnten die Insolvenz abwenden.
Kein Wunder, wenn sich viele Bundesbürger nun fragen, wann das Bankenbeben auch die Realwirtschaft erschüttert. Die konjunkturellen Aussichten jedenfalls trüben sich ein. Vorbei sind die Jahre, in denen Deutschland ein reales Wirtschaftswachstum von mehr als 2,5 Prozent vorweisen konnte. Wirtschaftsminister Glos und Finanzminister Steinbrück rechnen mit einer deutlichen Korrektur der Wachstumsprognosen nach unten. Noch dramatischer sieht der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Michael Sommer, die Lage: "Die Gefahr ist riesengroß, dass die Finanzmarktkrise die deutsche Wirtschaft und den Arbeitsmarkt in ihren Strudel zieht", sagte Sommer der "Bild am Sonntag".
Natürlich haben die Pessimisten in Teilen recht. Nahezu alle Frühwarnindikatoren und Erwartungen sprechen eine deutliche Sprache. Und die klingt düster. So setzt der Ifo-Geschäftsklimaindex seinen Abwärtstrend mit Riesenschritten fort. Nichts und niemand scheint ein Übergreifen der amerikanischen Krise auf die deutsche Wirtschaft noch stoppen zu können. Die Regierungen versuchen sich in der Rolle des Retters. Notenbanken müssen die Märkte mit frischem Geld fluten, um Liquiditätsengpässe zu verhindern. Amerika will "Hunderte von Milliarden Dollar" in den Kampf gegen einen drohenden Kollaps der Finanzmärkte werfen.
Stellt sich die Frage, ob eine Verstaatlichung des amerikanischen Finanzsektors die Rettung bringt. Oder wiederholt sich die Geschichte der zwanziger und dreißiger Jahre? Dann steht die Weltwirtschaft möglicherweise vor einer zerstörerischen Krise, einer tiefen und lange anhaltenden Depression, hoher Arbeitslosigkeit und einer Verelendung breiter Bevölkerungsschichten.
Um es klar zu sagen: Zur Panik besteht kein Grund.
Sicher, es gibt viele offensichtliche Gründe, wieso sich die Lage weiter dramatisieren könnte. Die kurzfristigen Gefahren der Finanzkrise sind nicht zu unterschätzen und die langfristigen Folgekosten bleiben beträchtlich.
Finanzmärkte sind rund um den Globus eng verflochten. Die Krise an der Wall Street bekommen die Ökonomien weltweit zu spüren. Daran hat sich nichts geändert, selbst wenn in den vergangenen Jahren andere Börsenplätze in Europa und Asien an Bedeutung gewonnen haben. Der amerikanische Finanzmarkt bleibt das Maß aller Dinge. Eine Abkopplung ist nicht möglich.
Der Flächenbrand an den Finanzmärkten wird auch auf die Realwirtschaft übergreifen. Eine Rezession in den USA wird wahrscheinlicher. Und die Hoffnung schwinden, dass sie nur kurz und gnädig verlaufen wird.
Die Schwäche Amerikas trifft andere Staaten. Die USA sind noch immer mit Abstand die größte Volkswirtschaft der Welt. Die fehlende Kraft des amerikanischen Wachstumsmotors berührt die wirtschaftliche Dynamik anderer Länder negativ. Das gilt für Südostasien und Lateinamerika, deren Produktion stark auf den amerikanischen Absatzmarkt ausgerichtet ist.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Finanzkrise ab 2007 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH