Schwarzer Montag
"Ich hörte, sie springen wieder von der Brücke"
Von Susanne Amann, San Francisco
Blankes Entsetzen in den USA: Das Scheitern des Rettungsplans der Regierung in Washington macht den Amerikanern endgültig klar, dass ihr Finanzsystem vor dem Kollaps steht. Im Land wächst die Wut auf die Großen aus Politik und Wirtschaft.
San Francisco – Keine Handyverbindung, keine Webseiten - es war, als sei das ganze Land paralysiert: In den ersten Minuten, nachdem die Abstimmung über das 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket für die Banken im US-Kongress gescheitert war, ging erst mal nichts mehr in Amerika. Die Online-Auftritte der großen Nachrichtensender waren lahmgelegt, Handys landesweit nicht mehr zu erreichen. Als ob die ganze Nation den Atem anhalten würde, weil sie selbst nicht glauben konnte, was ihre Abgeordneten in Washington getan hatten.
AFP
Proteste: "Die Republikaner haben den Rettungsplan versenkt"
Doch die Schockstarre dauerte nicht lange, schon nach wenigen Minuten schien eine Woge aus Wut und Verzweiflung über die USA hereinzubrechen. Die großen Fernsehsender jagten die Nachricht vom Scheitern des "größten Rettungsplans für die Finanzmärkte seit der Großen Depression" in Eilmeldungen über den Äther, die Web-Seiten der großen Zeitungen überschlugen sich: Von "einem dramatischen historischen Augenblick", schrieb die "New York Times", von einer "überraschenden und dramatischen Ablehnung des heikel ausgehandelten Plans" das "Time"-Magazin. "Kongress ignoriert Warnungen vor Wirtschaftskatastrophe", titelte der "San Francisco Chronicle", "Die Abgeordneten scheinen das alles noch nicht ernst genug zu nehmen", hieß es bei der "Washington Post".
Vor allem in den regionalen Zeitungen zeigte sich deutlich, was die Menschen jenseits der Wall Street fühlen: Panik. Innerhalb weniger Minuten füllten sich die politischen Blogs und die Kommentarspalten mit Einträgen, einzelne Artikel bekamen in kürzester Zeit Tausende von Leserkommentaren.
Sie alle verbindet eines: Wut über die Großen in Politik und Wirtschaft: "Die Republikaner haben den Rettungsplan versenkt, deshalb sind die Aktienmärkte um fünf Prozent abgestürzt. Wenn man wie die meisten hier eine aktienbasierten Rentenversicherung im Wert von 100.000 Dollar hat, hat man 5000 Dollar verloren. Dank den Republikanern!", schreibt etwa ein gewisser George auf den Seiten der "New York Times".
"Ich frage mich, wer von uns es sich leisten kann, seine Ersparnisse, seine Pensionen, seine Ausbildungsversicherungen, den Wert seiner Häuser und wahrscheinlich auch bald seinen Job verschwinden zu sehen, nur weil bestimmte Kongressmitglieder mehr damit beschäftigt sind, wiedergewählt zu werden als dieses Gesetz zu verabschieden. So mangelhaft es auch sein mag - es würde trotzdem den beispiellosen Absturz der Wirtschaft stoppen. Die wenigsten scheinen zu verstehen, dass mit der Wall Street auch die Gesundheit und Lebendigkeit unserer Wirtschaft zusammenhängt", schreibt auch Melissa.
"Die Menschen hier sind sauer darüber, dass vor allem McCain und die Republikaner versucht haben, die taumelnde Wirtschaft und die Diskussion über das Rettungspaket für ihre Wahlkampfspielchen zu benutzen", sagt Lois Kazakoff, Kommentarchefin beim "San Francisco Chronicle". "Denn seit mit Wachovia auch eine der wirklich weit verbreiteten Banken ins Trudeln geraten ist, bei der viele kleine Leute ihr Sparbuch haben, hat sich die Angst verstärkt. Viele haben schon Geld verloren, weil ihre Aktien abgestürzt sind."
Tatsächlich wird den meisten Amerikanern langsam mulmig. Was anfangs noch mit Galgenhumor genommen wurde, wird bitterer Ernst. Wurden vergangene Woche noch E-Mails mit humoristischen Kettenbriefen herumgeschickt, in denen Finanzminister Henry Paulson um ein paar Dollar bat, ist den meisten das Lachen inzwischen vergangen. Wo immer man sich am Montag umhört, im privaten Umfeld, im Büro oder auf der Straße - es gibt nur ein Thema: die Finanzkrise. Wo immer sich ein Fernseher findet, bleiben die Menschen kurz stehen und kommentieren die Bilder, die über die Bildschirme jagen.
Hilflosigkeit und schiere Wut
In der Mittagspause stehen sie in Schlangen in den Sandwich-Läden und diskutieren - hilflos und von der schieren Wucht der Krise überfordert. "Ich habe nicht viel Geld, aber alles, was ich habe, liegt auf einem Konto der Washington Mutual", sagt Misch Anderson, die in einem Reisebüro in San Francisco arbeitet. "Ich habe keine Ahnung, was damit jetzt passiert. Aber ich weiß momentan einfach nicht, was ich damit machen soll." "Mein Bruder hat seine gesamten Ersparnisse abgehoben - nachdem er schon einige Tausend Dollar verloren hat", erzählt ein anderer Mann in der Schlange. "Das Geld behält er jetzt in bar zuhause - das ist zur Zeit wahrscheinlich sicherer als bei jeder Bank."
STAATLICHE RETTUNGSAKTIONEN FÜR DIE US-WIRTSCHAFT
1932: Die Regierung gründet die Gesellschaft Reconstruction
Finance, um die Wirtschaft über eine erleichterte Kreditvergabe
anzukurbeln.
1933: Die Regierung kauft den Banken drei Milliarden Dollar fauler Hypothekenkredite ab und unterstützt von Zwangsversteigerung
bedrohte Hauseigentümer.
1971: Der Kongress garantiert einen Kredit des
Rüstungsunternehmens Lockheed Aircraft über 250 Millionen Dollar
und bewahrt den Konzern vor dem Zusammenbruch.
1979: Die Regierung verschafft dem Autohersteller Chrysler
subventionierte Kredite über 1,2 Milliarden Dollar, um eine
drohende Insolvenz zu verhindern.
1984: Der Kongress beschließt die Verstaatlichung der Continental Illinois National Bank and Trust. Der Einlagensicherungsfonds übernimmt für 4,5 Milliarden faule Kredite.
1989: Der Kongress gründet die Gesellschaft Resolution Trust, die nicht mehr einlösbare Immobilienkredite in Milliardenhöhe
übernimmt. Die Rettungsaktion kostet den Steuerzahler 125
Milliarden Dollar (etwa 200 Milliarden Dollar nach heutigem Wert).
1998: Die Regierung vermittelt eine Notfinanzierung von 3,6
Milliarden Dollar für den Hedgefonds Long Term Capital Management.
2001: Nach den Terroranschlägen vom 11. September gibt die
US-Regierung fünf Milliarden Dollar für die Luftfahrtbranche frei,
später garantiert sie Kredite über zehn Milliarden Dollar.
16. März: Die US-Notenbank Fed garantiert für Kreditderivate der Investmentbank Bear Stearns im Wert von 29 Milliarden Dollar, um den Notverkauf an den Konkurrenten JP Morgan Chase zu ermöglichen und den Zusammenbruch des Instituts zu verhindern.
11. Juli: Der Hypothekenfinanzierer IndyMac bricht zusammen, der FDIC springt ein. Die Rettungsaktion kostet etwa 8,9 Milliarden
Dollar.
7. September: Das US-Finanzministerium nimmt die zwei
Hypothekengiganten Freddie Mac und Fannie Mae unter staatliche
Obhut.
16. September: Die Regierung rettet den Versicherungskonzern
American International Group (AIG) mit einem Sonderdarlehen von 85
Milliarden Dollar. Dem Staat gehören damit 79,9 Prozent der
Gesellschaft.
19. September: Die Regierung schlägt ein Paket zur Stabilisierung der Finanzmärkte im Umfang von 700 Milliarden Dollar vor. Damit sollen unsichere Kredite der Banken aufgekauft werden.
25. September: Der FDIC übernimmt wegen akuter Zahlungsunfähigkeit die Sparkasse Washington Mutual und verkauft sie für 1,9 Milliarden Dollar an JP Morgan Chase.
3. Oktober:: Das US-Repräsentantenhaus stimmt einem 700 Milliarden Dollar schweren Rettungspaket der Regierung für den Finanzsektor zu. 90 Minuten später unterschrieb US-Präsident Bush das Gesetz und setzte es damit in Kraft. In einem ersten Anlauf war der Plan gescheitert. Später, am 1. Oktober, stimmte aber der US-Senat zu.
Neben der Angst wächst auch die Wut auf die Finanzwelt, auf die Banker der Wall Street, die erst Millionen verdient haben - und jetzt für Milliardenverluste weltweit verantwortlich sind. Die ein politisches Rettungpaket notwendig gemacht haben, das bei den meisten Menschen ob der Höhe und ob der wenigen Informationen, die es bislang dazu gibt, nur mit einem Kopfschütteln bedacht wird.
"Das ist kein 'Rettungsplan', das ist eine Zugabe für arme, zerlumpte Wall-Street-Banker, die unsere Wirtschaft scheinbar ohne eigenes Zutun an den Rande des Desasters und ihre Shareholder auf die saubere Seite gebracht haben", kommentiert zum Beispiel Jay aus Palo Alto in einem Blog der "New York Times". "Und warum auch nicht: Sie sollen schließlich auch was zurückkriegen, nachdem sie das ganze Geld für Lobbyisten und Wahlkampfspenden ausgegeben haben."
Flucht in den Galgenhumor
Zur Wut kommt die Hilflosigkeit - denn der Crash der Finanzmärkte ist für viele nicht mehr zu verstehen. "Warum und welche Banken jetzt bankrott gehen und was das alles für Folgen hat, ist momentan ja selbst für Experten kaum zu überschauen", sagt Kazakoff vom "San Francisco Chronicle". "Wie sollen das 'normale Menschen' dann nachvollziehen können?"
Am Ende bleibt - mal wieder - nichts als Galgenhumor. In San Francisco witzelt ein Mann in einem Café über die Folgen des schwarzen Montags: "Ich hörte, sie springen inzwischen schon wieder von der Golden Gate Bridge - dieses Mal von der Westseite. Das zeigt, wie verzweifelt sie sind."
Denn an der Westseite der Brücke wartet der Pazifik - dort ist die Rettung schwieriger.
CHRONOLOGIE DER FINANZKRISE
Zwei Hedgefonds der New Yorker Investmentbank Bear Stearns straucheln wegen Fehlspekulationen am US-Immobilienmarkt.
Auch in Deutschland geraten Banken in den Sog der Krise - etwa die Mittelstandsbank IKB, die Sachsen LB, die WestLB und die BayernLB.
Besorgte Kunden stürmen die Schalter der
britischen Bank Northern Rock.
Beim US-Finanzkonzern Citigroup bricht der Gewinn
stark ein. Von nun an meldet ein großes Finanzhaus nach dem anderen
Milliardenabschreibungen und hohe Verluste.
Die Schweizer Großbank UBS meldet für 2007 wegen der Turbulenzen des US-Immobilienmarkts Abschreibungen von mehr als 18
Milliarden Dollar. Im April kommen weitere 19 Milliarden hinzu.
Der US-Kongress billigt ein Konjunkturprogramm im
Umfang von 150 Milliarden Dollar.
Bear Stearns steht kurz vor dem Zusammenbruch und muss auf Druck der US-Notenbank einem Notverkauf an die Großbank J.P.
Morgan Chase zustimmen. Die US-Regierung springt mit Garantien ein.
Die Deutsche Bank meldet für das erste Vierteljahr mit einem Minus von 141 Millionen Euro den ersten Quartalsverlust seit
fünf Jahren.
Die kalifornische Hypothekenbank IndyMac bricht
zusammen. Die US-Hypothekengiganten Fannie Mae und Freddie Mac
geraten immer mehr in Bedrängnis. In Spanien muss die Immobilien- und
Finanzgruppe Martinsa-Fadesa Konkurs anmelden.
Die US-Regierung übernimmt die Kontrolle bei
Fannie Mae und Freddie Mac. Die Krise der Investmentbank Lehman Brothers wird immer akuter. Auch andere Finanzkonzerne wie die Investmentbank Merrill Lynch, der Versicherungsriese AIG oder die größte US-Sparkasse Washington Mutual sind betroffen.
Der "Schwarze Montag". Lehman Brothers muss Insolvenz anmelden, Merrill Lynch wird aufgekauft und AIG braucht
Überbrückungskredite in Milliardenhöhe. Bislang mussten die Banken weltweit schätzungsweise mehr als 500 Milliarden Dollar abschreiben.
Die Nachricht von der drohenden Insolvenz des weltgrößten Versicherers AIG sorgt für ein Beben an den weltweiten Finanzmärkten. Eine Rettungsaktion innerhalb der Branche scheitert. Schließlich erklärt sich die US-Notenbank bereit, 85 Milliarden Dollar bereitzustellen. AIG muss dafür 80 Prozent des Unternehmens als Sicherheit geben.
Mit einer neuen Hiobsbotschaft macht die Schottische Hypothekenbank Halifax Bank of Scotland (HBOS) auf sich aufmerksam. Die angeschlagene Großbank sucht händeringend einen finanzkräftigen Investor. Der britische Sender BBC berichtet von Gesprächen mit Lloyds.
Am Morgen wurde ebenfalls bekannt, dass die staatliche Förderbank KfW kurz vor deren Kollaps einen hohen dreistellingen Millionenbetrag an Lehman Brothers überwiesen hat. Mehr als die Hälfte davon wird wohl verloren sein.
US-Finanzminister Henry Paulson kündigt die Einrichtung eines 700-Milliarden-Dollar-schweren Fonds an, um faule Kredite der Banken zu übernehmen und deren Existenz zu sichern. Ein unter Hochdruck am Wochenende in Washington verhandeltes Gesetz soll noch in dieser Woche verabschiedet werden.
Die Nachricht von der 700-Milliarden-Dollar-Aktion beruhigt die Finanzmärkte nur vorübergehend. Der Ölpreis steigt binnen weniger Stunden um mehr als 25 Dollar - der absolut höchste Tagesanstieg, seit der Ölpreis festgestellt wird. Experten werten das als Zeichen für die Skepsis gegenüber den Folgen, die die Milliardenspritze mit sich bringt. Auch der Dollar verliert spürbar an Wert.
Der Preis für Rohöl ist während des Handels an den asiatischen Börsen wieder gesunken. Übrig bleibt trotzdem ein Plus von mehr als vier Dollar. Händler führten den Preisrückgang auf Gewinnmitnahmen zurück.
Der steinreiche US-Investor Warren Buffett sorgt mit seinem Einstieg bei Goldman Sachs für Schlagzeilen. Analysten feiern den legendären Fimnanzstrategen als Heilsbringer.
Der Gipfel im Weißen Haus zur Verabredung des Rettungspakets scheitert. Einige Stunden später gibt die Bankenaufsicht bekannt, dass die US-Sparkasse Washington Mutuel pleite ist. Die Kreditkrise erreicht damit einen neuen Höhepunkt.
Es sieht so aus, als würden sich Demokraten und Republikaner im US-Kongress auf den 700-Milliarden-Dollar-Rettungsplan für notleidende Banken einigen.
Die Finanzkrise erreicht einen Höhepunkt in Europa. Der deutsche Hypothekenfinanzierer Hypo Real Estate muss von Bundesregierung und Banken mit bis zu 35 Milliarden Euro gerettet werden. Auch der britische Baufinanzierer Bradford & Bingley und der belgisch-niederländische Finanzkonzern Fortis werden mit Milliardensummen vor dem Zusammenbruch bewahrt. Die Abgeordneten im US-Kongress lehnen das Rettungspaket ab, weltweit brechen die Börsenkurse ein.