Wirtschaft



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05.10.2008
 

Bespitzelung

Telekom bunkerte jahrelang Telefondaten ihrer Aufsichtsräte

Neuer Skandal um die Telekom: Die Konzerntochter T-Mobile International hat jahrelang die Einzelverbindungsnachweise von den Privatanschlüssen ihrer Aufsichtsräte aufbewahrt. Ein Sprecher beteuert, man habe die Daten nicht ausgewertet.

Düsseldorf - Die Telekom zahlt ihren Aufsichtsräten als freiwillige Leistung einen privaten Festnetz- und DSL-Anschluss sowie einen Handy-Vertrag. Die Einzelverbindungsnachweise dieser Anschlüsse wurden nach einem Bericht des "Handelsblatts" jahrelang bei der Konzerntochter T-Mobile International gebunkert. Das Sekretariat des Aufsichtsratsbüros habe die Dokumente in Ordnern abgeheftet hatte.

Telekom-Zentrale in Bonn: Telefonrechnungen von Aufsichtsräten in Ordnern gehortet
DDP

Telekom-Zentrale in Bonn: Telefonrechnungen von Aufsichtsräten in Ordnern gehortet

Die Telekom räumt ein, die Listen aufgehoben zu haben. "Eine Auswertung der Daten oder ein Missbrauch ist nach Aussagen der Beteiligten nicht vorgekommen", erklärte ein Sprecher dem "Handelsblatt". "Mittlerweile ist die Vorgehensweise geändert. Einzelverbindungsnachweise werden nicht mehr erstellt. Die Einzelverbindungsnachweise wurden eingesammelt und versiegelt."

Einige Aufsichtsräte hatten bereits vor ihrem Engagement bei der Telekom für ihre privaten Anschlüsse Einzelverbindungsnachweise bestellt. Als sie in das Kontrollgremium der Mobilfunktochter eintraten, hat der Bonner Konzern ihre Rechnungen übernommen und fortan auch die Verbindungsnachweise erhalten und aufbewahrt. Ans Licht kam dieses Vorgehen im Mai dieses Jahres, als der Konzern im Zuge der Spitzelaffäre sein Datenschutzkonzept überprüft hat.

Obermann bittet Kunden nach Datenskandal um Verzeihung

Die Telekom wird derzeit noch durch einen weiteren Skandal belastet: Am Samstag hatte die Telekom Recherchen des SPIEGEL bestätigt, wonach ihrer Mobilfunksparte T-Mobile vor gut zwei Jahren Daten zu jedem zweiten Kunden entwendet wurden. Insgesamt sind davon mehr als 17 Millionen Kunden betroffen.

Wie der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, befinden sich darunter auch geheime Nummern und Privatadressen von Politikern, Wirtschaftsführern und Milliardären, für die eine Verbreitung ihrer Daten in kriminellen Kreisen sicherheitsbedrohend wäre. Auch Showgrößen wie der Komiker Hape Kerkeling, TV-Moderator Günther Jauch, Schauspieler Til Schweiger und Fernsehkoch Johann Lafer sind von dem Datenklau betroffen.

Nach dem beispiellosen Diebstahl hat der Chef der Deutschen Telekom, René Obermann, öffentlich um Verzeihung gebeten. "Wir können uns bei unseren Kunden nur entschuldigen", sagte er der Zeitung "Bild am Sonntag". Er betonte: "Das Ganze ist ein sehr ärgerlicher Vorfall." T-Mobile bietet seinen Kunden jetzt den kostenlosen Wechsel der Rufnummer an.

Der Konzern betonte, dass die Datensätze keine Bankverbindungen, Kreditkartennummern oder Verbindungsdaten enthalten. Jedoch seien neben Name und Anschrift die Mobilnummer, teilweise das Geburtsdatum und in einigen Fällen auch die E-Mail-Adresse in den Sätzen zu finden.

Für Telekom-Chef Obermann ist der Fall der vorläufige Tiefpunkt einer langen Reihe von Skandalen und Affären. Im Mai dieses Jahres musste er einräumen, dass in der Bonner Telekom-Zentrale mehrere Jahre lang Kontakte von Journalisten und Arbeitnehmervertretern des Aufsichtsrates ausspioniert wurden.

Und erst kürzlich wurde bekannt, dass Kundendaten durch Telekom-Mitarbeiter bis Anfang des Jahres 2007 von jedem beliebigen Computer mit Internet-Anschluss abgerufen werden konnten. Voraussetzung: Man musste das Codewort kennen.

Obermann rechtfertigte sich in dem Interview mit der "Bild am Sonntag" auch, warum die Öffentlichkeit nicht direkt nach dem Vorfall im Jahr 2006 informiert wurde: "Die Behörden waren eingeschaltet, Datenträger konnten beschlagnahmt werden und es gab keinen Hinweis auf Missbrauch der Telefonnummern oder Schaden." Der Konzern habe Anzeige erstattet und Untersuchungen eingeleitet, nachdem ein Vertriebspartner berichtet habe, dass ihm Daten angeboten wurden. "Die Behörden haben umgehend agiert und bei Durchsuchungen Datenträger sichergestellt."

Mittlerweile seien die Sicherheitsstandards verbessert worden. "Wir haben direkt nach Bekanntwerden der Fälle agiert. Unter anderem haben wir die Zugriffsberechtigungen weiter eingeschränkt und die Voraussetzungen für das An- und Abmelden an Datenbanken verschärft."

Politiker nehmen das Datenklau-Debakel jetzt zum Anlass, auf die schnelle Einführung eines Qualitätssiegels für Datenschutz zu drängen. "Dieses Siegel sollten alle Unternehmen erhalten, die in diesem Bereich mehr tun, als der Gesetzgeber heute von ihnen verlangt", sagte der SPD-Rechtsexperte Dieter Wiefelspütz der "Welt am Sonntag".

Die Innenexpertin der FDP-Bundestagsfraktion, Gisela Piltz, sekundierte: "Nicht erst, wenn die Daten schon entwendet wurden, müssen sie sichergestellt, sondern schon von vornherein sicher gespeichert werden."

Der Grünen-Politiker Volker Beck forderte, die Vorratsspeicherung von Telefondaten sofort zu stoppen. "Die Daten der Bürgerinnen und Bürger sind bei der Deutschen Telekom nicht sicher", sagte Beck. Wo Datenberge entstünden, drohe stets fahrlässiger oder krimineller Missbrauch.

Schleswig-Holsteins Datenschutzbeauftragter Thilo Weichert sprach sich dafür aus, die Einhaltung der Bestimmungen in den Unternehmen schärfer zu überwachen. Der Datenschutz sei "finanziell und personell viel zu schlecht ausgestattet".

ssu/tdo/dpa

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