London/Reykjavik - Aufruhr in Großbritannien: Mehr als 20 britische Gemeinden fürchten um ihre Einlagen bei isländischen Banken. Interessenvertreter der lokalen Behörden forderten Finanzminister Alistair Darling dazu auf, wie bei den Privatkunden auch für diese Verluste einzustehen.
Das könnte teuer werden. Die Investitionen mehrerer Londoner Kommunen bei den angeschlagenen isländischen Banken summieren sich auf mehr als 100 Millionen Pfund. Allein die Behörden in Kent haben 50 Millionen Pfund bei dem mittlerweile verstaatlichten zweitgrößten Geldinstitut Landsbanki oder dessen britischen Ableger Heritable angelegt. "Die Konten wurden eingefroren", sagte ein Gemeindevertreter der "Times". Bislang gebe es aber keine Anzeichen dafür, dass die Gelder verloren seien.
Ein Sprecher von Premierminister Gordon Brown sagte, man sei zu Gesprächen mit den betroffenen Gemeinden bereit. Die konservative Opposition warf der Regierung vor, die Gemeinden ermutigt zu haben, ihr Geld bei Banken anzulegen, die den höchsten Gewinn versprechen.
Der Beinahe-Kollaps der isländischen Bankenbranche trifft damit zusehends das europäische Festland. Die Institute haben in den vergangenen Jahren stark expandiert und Zukäufe im Ausland größtenteils über Schulden finanziert. Heute stehen sie so tief in den roten Zahlen, dass sie international kaum noch Kredite bekommen.
In einer spektakulären Aktion hat die isländische Regierung deshalb angekündigt, die Institute zu verstaatlichen. Die Glitnir-Bank, das drittgrößte Geldinstitut des Landes, wurde am Mittwoch unter Zwangsverwaltung gestellt und besitzt damit vorerst Gläubigerschutz. Bereits am Dienstag hatte die Finanzaufsichtsbehörde die Kontrolle über Landsbanki, Islands zweitgrößtes Finanzinstitut, übernommen.
Mehr als 50.000 Sparer in den Niederlanden und Großbritannien fürchten nun um ihre Einlagen bei der Icesave, Online-Tochter der Landsbanki. Der im Zuge der internationalen Finanzkrise ins Trudeln geratene Konzern hatte zuvor die Konten seiner Kunden gesperrt. Islands Ministerpräsident Geir Haarde warb um Vertrauen für Icesave. "Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass das Vermögen der Landsbanki ausreicht, um die Einlagen bei Icesave abzudecken", sagte Haarde. Gemeinsam mit der britischen Regierung wolle er eine zufriedenstellende Lösung finden. Im Fall eines Zusammenbruchs der Bank müssten die Regierungen in London und Reykjavik mit bis zu 63.000 Euro für jede Spareinlage geradestehen. Großbritannien forderte Island daher auf, der Bank den Rücken zu stärken.
Angesichts der Folgen der internationalen Finanzkrise hat die Regierung in Reykjavik mit der Kaupthing Bank am Donnerstag das größte Finanzinstitut des Landes verstaatlicht. Um die Abläufe der nationalen Geschäftsbanken zu gewährleisten, übernehme man die Kontrolle über die Bank, teilte die Finanzaufsicht mit. Alle nationalen Spareinlagen seien sicher. Die Kaupthing-Bank hat auch in Deutschland zahlreiche Kunden. Sie bietet hierzulande vor allem relativ hoch verzinste Tages- und Festgeldkonten an.
suc/dpa/AFP/Reuters
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Finanzkrise ab 2007 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH