Von Florian Willershausen, Moskau
Russland bemüht sich um Ruhe. Wörter wie "Finanzkrise", "Rezession" und "Default" hört man derzeit kaum in den Abendnachrichten der staatlichen Fernsehsender. Die Regierung will offenbar eine Panik unter Privatanlegern vermeiden.
Doch die Wirkung ist begrenzt. Die Banken- und Börsenturbulenzen treffen Russland mit voller Wucht. Im dritten Quartal dieses Jahres fiel der Leitindex RTS um 47,8 Prozent, seit Mai verlor der Leitindex mehr als zwei Drittel. Kaum ein Aktienmarkt der Welt hat in den vergangenen Monaten so sehr bluten müssen wie jener in Moskau.
Auch andere Kennzahlen stimmen pessimistisch. Seit August hat der Staat bereits ein Zehntel seiner Reserven verloren. Die Inflation nähert sich der 15-Prozent-Marke, weil dreistellige Milliardensummen in Rubel für die Stützung des Finanzsystems ausgegeben wurden – und verpufften. Das Wirtschaftswachstum von zuletzt über acht Prozent wird dieses Jahr laut IWF auf gut sieben Prozent sinken und nächstes Jahr wohl noch weiter fallen.
Der schlimmste Absturz seit der Rubel-Entwertung im Jahr 1998 lässt sich nicht allein auf die Finanzkrise schieben. Die Probleme sind überwiegend hausgemacht – nicht obwohl, sondern weil Politiker gern in der Wirtschaft mitmischen.
Im Juli schockierte Premier Putin russische und internationale Investoren, als er den Chef des Montan- und Stahlkonzerns Mechel persönlich attackierte, da dieser seine Rohstoffe im Ausland billiger verkaufte als in Russland. In der Folge verlor das Privatunternehmen über Nacht die Hälfte seines Börsenwerts – und zog den gesamten Markt mit hinab.
Gleichzeitig tobte beim drittgrößten Ölkonzern TNK-BP – ein russisch-britisches Gemeinschaftsunternehmen – ein Eigentümerkonflikt, in den sich der Staat zugunsten der russischen Aktionäre aktiv einmischte und den ausländischen Eigner British Petroleum mit Steuervorwürfen und Hausdurchsuchungen unter Druck setzen ließ. Das alles verunsicherte ausländische Investoren so sehr, dass es nur noch kleine Auslöser brauchte, um Kapital vom Markt abzuziehen: den Kaukasuskrieg und sinkende Ölpreise.
Und das ausgerechnet jetzt, da die Finanzkrise auch noch viele Banken ins Wanken bringt. Die meisten der etwa 1000 russischen Institute haben in den vergangenen Jahren fleißig Kredite vergeben. Doch innerhalb des russischen Bankensystems konnten sie sich nicht refinanzieren und mussten die Mittel bei ausländischen Geldhäusern leihen. Wegen der Finanzkrise aber trocknete der Kreditfluss zwischen den Finanzkonzernen weltweit nahezu aus – und das russische Bankensystem gerät zusätzlich unter Druck.
Die Kreditzinsen kletterten zuletzt auf bis zu 25 Prozent, womit eine Schmerzgrenze für Investoren überschritten ist. Schon liegen die ersten Bauprojekte auf Eis, der Autobauer GAZ hat einen Teil seiner Produktion vorläufig eingestellt und die ersten Banken werden bereits staatlich kontrolliert. Zur Stützung des kriselnden Finanzsystems hat das Parlament am Freitag daher ein Rettungspaket über 63 Milliarden Euro verabschiedet.
Nach außen gibt sich der Kreml weiter stark und mächtig. Nächste Woche werden Regierungsvertreter den Vertrag über einen Vier-Milliarden-Kredit an Island aushandeln, mit dem die Russen die Inseldemokratie vor dem Staatsbankrott bewahren. Beobachter werten die Finanzspritze als Imagepflege, die angesichts des kriegerischen Alleingangs im Kaukasus notwendig ist.
Noch kann sich der Kreml solche Wohltaten leisten, denn mit rund 400 Milliarden Euro sitzen die Russen immer noch auf den weltweit drittgrößten Berg an Geld- und Devisenreserven. Doch allein in den vergangenen Wochen sind rund 150 Milliarden Euro aus verschiedenen Staatstresoren in den Finanzsektor geflossen. Das zeigt, wie schnell große Reichtümer in Krisenzeiten verbrennen können.
"Alles unter Kontrolle", signalisiert die russische Führung trotzdem und schloss am Freitagmorgen um elf Uhr Ortszeit wieder einmal die Börse, bevor der Handel überhaupt begonnen hatte. Zu groß war die Furcht vor einem neuen Kursverfall. In solchen Situationen wollen die Staatslenker Souveränität beweisen und den Markt bändigen – ein Akt der Hilflosigkeit. Russland steckt längst tiefer im Sog der Finanzkrise als man das in Moskau wahrhaben möchte.
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