New York - Zwar hatten sich die Verluste im vorbörslichen Handel schon abgezeichnet, doch mit einem solchen Kursrutsch hatte die New Yorker Börse dann doch nicht gerechnet: Innerhalb der ersten Handelsminuten verlor der Dow-Jones-Index
660 Punkte und stürzte zeitweise unter 8000 Zähler. Danach erholte sich der US-Leitindex vorübergehend leicht, bevor er sogar für einen kurzen Moment wieder ins Plus sprang. Gegen 17.00 Uhr lag er jedoch wieder mit knapp 200 Punkten im Minus. Der Technologieindex Nasdaq
verlor in den ersten Handelsminuten mehr als fünf Prozent, stabilisierte sich später aber bei minus 0,5 Prozent.
Börsenmakler Justin Bohan an der New Yorker NYSE: Dramatischer Kursrutsch in den ersten Minuten
Grund für die neuen Schwankungen an der Wall Street waren nicht nur die schlechten Vorgaben aus Asien und Europa, wo Panikverkäufe für hohe Kursausschläge sorgten. Händler sprachen von Panikverkäufen im Eröffnungsgeschäft. Die Anleger hätten Angst vor einem von der Finanzkrise ausgelösten weltweiten Wirtschaftsabschwung, erklärten Börsianer. "Die Panik und die Angst, die wir sehen, haut einen um. Es scheint so, als ob der Markt eine Depression einpreist", sagte Matt McCall von Penn Financial Group.
Schlechte Konjunkturdaten aus den USA
Dazu kamen schlechte Konjunkturdaten aus den USA. So hatte US-Lebensversicherer Prudential Financial
nach Börsenschluss am Donnerstag wegen der Finanzkrise vor einem schlechten dritten Quartal gewarnt. Zudem hat im Übernahmekampf um die viertgrößte US-Bank Wachovia
der Finanzkonzern Citigroup
die Verhandlungen mit dem Rivalen Wells Fargo über eine Kompromisslösung abgebrochen. Die Citigroup will nun stattdessen ihre Schadensersatzklage gegen Wachovia in Höhe von 60 Milliarden Dollar weiter verfolgen. Die Analysten von RBC senkten in einer ersten Reaktion das Kursziel für Wells Fargo von 38 auf 32 Dollar.
Auch General Electric
(GE) fiel nach Zahlen zum dritten Quartal schon im vorbörslichen US-Handel ähnlich schwach wie der Gesamtmarkt. Wie erwartet führte die Finanzkrise zu einem Gewinneinbruch des US-Mischkonzerns. Je Aktie sank das Ergebnis um zehn Prozent auf 0,45 Dollar. Analysten hatten mit diesem Wert gerechnet. Für das vierte Quartal bestätigte GE seinen Ausblick für den Gewinn je Aktie, für die Sparte Finanzdienstleistungen werde ein Gewinnrückgang um 20 bis 30 Prozent, für den Bereich Energie-Infrastruktur unterdessen ein Gewinnanstieg von 15 Prozent erwartet.
Auch die Aktien von Alcoa
verloren zu Handelsbeginn leicht. Die Ratingagentur S&P erwägt angeblich eine Herabsetzung des Kreditratings. Bereits am Donnerstag hatten die Analysten den Ausblick von "Stable" auf "Negative" gesenkt. Das sei eine Reaktion auf die jüngsten enttäuschenden Zahlen und die Unsicherheit über die weitere Entwicklung, so S&P.
Börsen-Achterbahn auch in Asien und Europa
Völlig unbeeindruckt von der Krise zeigen sich momentan nur die Energiekonzerne: Chevron
rechnet für das eben beendete dritte Quartal mit einem weiteren Rekordgewinn. Der Überschuss werde voraussichtlich noch höher als im zweiten Quartal ausfallen, teilte Chevron am Donnerstagabend nach US-Börsenschluss mit. Dämpfend könnte sich allerdings auf Energietitel allgemein der weiter fallende Ölpreis auswirken. Zudem hat die Internationale Energieagentur (IEA) die Wachstumsprognose für die Nachfrage nach Rohöl wegen einer zu erwartenden schwächeren Weltwirtschaft auf das niedrigste Niveau seit 1993 gesenkt.
Vor Börsenbeginn in New York hatten schon die Handelsplätze in Asien und Europa verrückt gespielt: In Deutschland war der Dax
kurz nach Handelsstart um mehr als zehn Prozent bis auf 4371 Punkte gefallen. Im Tagesverlauf erholte er sich zwar leicht, blieb aber weiter mit rund acht Prozent im Minus.
In London gab der Leitindex FTSE 100
zu Handelsbeginn um ebenfalls zehn Prozent nach und fiel erstmals seit fünf Jahren unter die Marke von 4000 Punkten. Bis zum frühen Nachmittag erholte sich das Börsenbarometer nur leicht mit einem Minus von sieben Prozent. Analysten sprachen von "blinden Panikverkäufen" und einen "kompletten Vertrauensverlust" der Anleger.
Auch die Vorgaben aus Asien waren schlecht: Der Nikkei-Index
an der Tokioter Börse fiel um 9,6 Prozent und damit noch stärker als am Mittwoch, als er mit 9,4 Prozent bereits die schwersten Verluste seit mehr als 20 Jahren hinnehmen musste. Der Ölpreis sank weiter.
sam/AFP/Reuters
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH