Von Anne Seith, Frankfurt am Main
Frankfurt am Main - Verflixte Börsenkrise. Wenn die nicht wäre, könnte Hartmut Mehdorn in elf Tagen feiern. Doch wegen der Beben an den Märkten wurde der eigentlich für den 27. Oktober angesetzte Börsengang der Bahn abgeblasen - und damit beginnt für Mehdorn die Zitterpartie von vorne. Das ganze Projekt könnte doch noch scheitern. Auch wenn Bundesregierung und Konzern versichern, es gelte das Sprichwort: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Alles sah so gut aus. Nach jahrelangen Querelen hatte sich der Bund dazu durchgerungen, 24,9 Prozent der Tochter DB Mobility Logistics (DB ML) zu verkaufen. Investoren der ganzen Welt zeigten sich laut Mehdorn interessiert, der russische Bahnchef Wladimir Jakunin bekundete gar offiziell, eventuell mit bis zu fünf Prozent bei der DB ML einsteigen zu wollen.
Doch dann schrumpften die potentiellen Erlösaussichten immer mehr zusammen, von den ursprünglich angepeilten acht Milliarden Euro war bald keine Rede mehr - und als selbst die zuletzt erwarteten vier bis 4,5 Milliarden Euro gefährdet erschienen, stoppte die Bundesregierung den Börsengang vorläufig.
Jetzt steckt Mehdorn in der Zwickmühle. Denn die Aktienmärkte wollen sich einfach nicht beruhigen - und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) stellte an diesem Donnerstag klar: "Wir werden das Vermögen des Bundes nicht zur Unzeit an den Kapitalmarkt bringen." Der Börsengang stehe "auf absehbare Zeit bei der jetzigen Marktentwicklung der Börsen nicht auf der Tagesordnung."
Auch Experten raten von übereilten Schritten ab: "Am realistischsten ist es, bis zum Frühjahr abzuwarten", sagte Robert Lilja, Gründer der Beratungsgesellschaft Lilja & Co. Die Firma war auch für das Mandat beim Bahn-Börsengang als Berater im Gespräch, unterlag aber dem Konkurrenten Metzler.
Ewig Zeit lassen kann sich die Bahn aber auch nicht mehr. Nicht nur wegen des bereits aufgebauten "Spannungsbogens", von dem der Aufsichtsrat und Bundestagsabgeordnete Georg Brunnhuber (CDU) spricht. Es gibt aus verschiedenen praktischen und regulatorischen Gründen auch nur noch bestimmte Zeitfenster für den Börsengang.
Einem Experten zufolge, der nicht näher benannt werden will, kann der Konzern den Gang an den Aktienmarkt noch bis Anfang Dezember vollziehen. Dann komme erst wieder der Februar in Frage, sagt er SPIEGEL ONLINE. Und dann erst wieder April.
"Nach Februar müssen die Zahlen aus dem Geschäftsbericht 2008 in den Börsenprospekt aufgenommen werden", erklärt Brunnhuber diese weitere Verzögerung. Das dauere seine Zeit. "April ist aber gefährlich nah am Bundestagswahlkampf", gibt Brunnhuber zu bedenken. Sollte bis dahin keine Lösung gefunden sein, könnte die Privatisierung erneut zum Wahlkampfthema gemacht werden.
Damit wäre der Börsengang wohl endgültig gestoppt. Denn welche Partei wirbt schon mit einem Projekt, das vom Gros der Wähler abgelehnt wird? In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid sprachen sich gerade 78 Prozent der Befragten dafür aus, dass die Bahn in öffentlicher Hand bleiben soll.
Wowereit macht Stimmung gegen ausländische Investoren
Die Kritiker in der Politik sehen deshalb eine unverhoffte Chance - sie beziehen schon Position, um das Projekt Bahn-Börsengang doch noch zu verhindern. Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) empfahl in der "Süddeutschen Zeitung", "neu nachzudenken": "Wollen wir wirklich, dass russische und chinesische Finanziers über die Bahn mitbestimmen? Ich will das nicht." Auch der Sprecher der SPD-Linken, Björn Böhning, sprach angesichts der Finanzkrise schon von einer "Komplettaufgabe der Bahnprivatisierung".
Mehdorn will nun kommende Woche auf Werbe-Reise gehen, um die Stimmung potentieller Investoren erneut zu sondieren. "Im November wird dann Bilanz gezogen", sagt Brunnhuber. Gelingt es Mehdorn tatsächlich, Regierung und Aufsichtsrat von den Chancen zu überzeugen, könnte es theoretisch schnell gehen. Rein technisch "kann der Eigner dann innerhalb von Tagen grünes Licht geben", erklärt Brunnhuber.
Mehdorns einzige Chance scheinen klare Signale potentieller Aktionäre, trotz der Börsenunruhen einen guten Preis für seine Aktie zu zahlen. Börsengang-Berater Lilja sagt, vielleicht könnte eine Verknappung der angebotenen Aktien helfen, den Börsengang durchzuziehen.
Eine weitere Möglichkeit wäre es, Bahn-Aktien außerbörslich an einige Ankerinvestoren zu verkaufen, wie es nun offensichtlich im Gespräch sei. "Das wäre ein Vertrauensbeweis der Investoren - doch dafür wird sicherlich ein zusätzlicher Abschlag auf den Emissionspreis verlangt", sagte Lilja. Doch genau die Aussicht, dass die Schmerzgrenze von vier Milliarden Euro unterschritten werden könnte, hatte die Verantwortlichen ja letztlich zu dem Stopp für das Projekt bewegt.
Mit Material von Reuters
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