Von Nils Klawitter
Hamburg - Als Mose die Israeliten durch die Wüste führte und den ausgezehrten Menschen vom gelobten Land erzählte, wo Milch und Honig fließen - hat er da gelogen?
"Er hat nur das weitergegeben, was ihm Gott gesagt hat, seiner Zielgruppe angepasst", sagt Richard Gaul. "Er hat nicht gesagt, dass es Jahre dauern wird und zwei Drittel nicht überleben, aber gelogen hat er nicht."
Gaul war fast zwei Jahrzehnte Kommunikationschef von BMW und ist nun Vorsitzender des Deutschen Rats für Public Relations (DRPR), einer Art Ethikkommission der Branche. "Ich habe wahrhaftig zu sein", steht als oberstes Gebot in deren Selbstverpflichtung.
Für Klaus Merten ist Mose "der Urvater der PR". Er sei von Feinden umgeben und sich seines murrenden Volks nicht mehr sicher gewesen. Mose habe die Menschen mit einer Vision täuschen müssen, um selbst durchzukommen. Krisen-PR als Lebensversicherung sozusagen. Merten ist emeritierter Professor für Kommunikationswissenschaften. Er hat bei dem Soziologen Niklas Luhmann promoviert. Nur wenige denken in Deutschland so intensiv über Kommunikation nach wie er.
PR-Manager testen die "Elastizität von Wahrheit", sagt Merten bei einem Vortrag an der Universität Münster. Sie betrieben "Differenzmanagement" zwischen Fakten und Fiktion. Er spricht von einer Lizenz zum Täuschen.
So etwas mag die empfindliche Szene nicht gern hören. Petra Sammer, Geschäftsführerin beim PR-Multi Ketchum, rief deshalb zum "Widerstand" gegen Merten auf: "Wollen wir uns den Nachwuchs wirklich durch solche seltsamen Vorträge verwirren lassen?", empörte sie sich. Dabei war das letzte große Täuschungsmanöver ihrer eigenen Agentur gerade drei Jahre her: In den USA bezahlte Ketchum einen bekannten TV-Moderator dafür, in seinen Sendungen Werbung für eine umstrittene Schulreform des Präsidenten zu machen.
"Unser Ethos verbietet Täuschung ausdrücklich"
Sammer blieb nicht lang allein: Die Funktionärsriege um Gaul will Merten offenbar mundtot machen. Eine "scharfe Missbilligung" sprach die Kommission gerade aus. Mertens Firma com+plus, die auch PR-Berater ausbildet, könnte bald die Lizenz für Prüfungen entzogen werden. Schon streiten Juristen, ob Mertens Täuschungszitat mit Fragezeichen (so Mertens Manuskript) oder ohne (so behauptet es Gaul) gefallen ist. "Unter solchen Vorzeichen" könne nicht für den PR-Beruf ausgebildet werden, schimpfte Gaul. "Unser Berufsethos verbietet Täuschung ausdrücklich."
Doch dieses scheint leicht in Vergessenheit zu geraten. Gerade erst rügte der Rat sieben Pharma-Hersteller wegen Schleichwerbung in einer ARD-Serie. Die Branche muss dem eigenen Ethos deshalb immer wieder mit Selbstverpflichtungen und Kodizes nachhelfen.
Auffällig an all den Deklarationen: Ihr überdimensionierter Duktus ähnelt feierlichen Erklärungen von Menschenrechten, "sie sind aber tatsächlich völlig redundant und belanglos", sagt Klaus Kocks, der frühere PR-Chef von VW. Die Branche, findet Kocks, solle sich nicht als Wertewächter aufspielen. Das sei ein "Exzess an Verlogenheit". Und der Ethikrat sei nicht viel mehr als "ein eitles PR-Instrument der Branche". Kocks beansprucht für PR-Leute das Recht zu lügen. Es wisse doch jeder, mit wem er es zu tun habe.
Und so wird derzeit munter übers Grundsätzliche gestritten.
"Mit meiner Arbeit diene ich der Öffentlichkeit", beginnt Regel eins der brancheninternen Selbstverpflichtungen. "Wahrhaftig" solle der junge PR-Berater sein - das steht ebenfalls im ersten Branchengebot. Doch schon beim Blick auf die eigenen Vorbilder kommen an der Wahrhaftigkeit der Zunft leichte Zweifel auf: Der Nachwuchspreis trägt den Namen Albert Oeckls. Oeckl hat den Beruf des Imagekonstrukteurs von der Pike auf gelernt - in der Münchner Landesstelle des NS-Propagandaministeriums. Später war er in einer Wehrmachtseinheit für psychologische Kriegsführung. Sicher, nach dem Krieg bekam Oeckl auch das Bundesverdienstkreuz - er habe geholfen, das negative Image von PR zu beseitigen und sie zu einer "unentbehrlichen Mittlerfunktion" gemacht, würdigte Helmut Kohl.
Horst Avenarius, 78, Vorgänger von Gaul nicht nur bei BMW, sondern auch beim DRPR und quasi der Ethikwächter der Branche, hält Oeckl immer noch für ein Vorbild. Seine Verdienste seien "unbestritten", er habe sich nichts zu Schulden kommen lassen.
Geschickte Konditionierung öffentlicher Meinung
Tue Gutes und rede darüber - das ist der alte Wahlspruch der Branche. Und die Standeswächter um Avenarius und Gaul suggerieren bis heute, PR nütze der Gesellschaft. Doch das ist ein Mythos. Und wenn der aufbricht, wird sichtbar, wie wenig PR mit Transparenz zu tun hat und wie viel mehr mit Manipulation.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Kampagne zu Gardasil, eines Impfstoffs gegen Gebärmutterhalskrebs. Er kommt vom US-Pharma-Multi Merck und wird in Deutschland durch Sanofi Pasteur MSD vertrieben.
Der deutsche Mediziner Harald zur Hausen bekam für die Entdeckung der ursächlichen Papillom-Viren gerade den Medizinnobelpreis. Gardasil soll vor 70 Prozent der Tumoren schützen, wobei solche Zahlen zum großen Teil aus Entwicklungsländern stammen, wo der Krebstyp weiter verbreitet ist als in Europa. Zur Hausen versäumte in den achtziger Jahren eine Patentsicherung, es folgte ein langer Patentstreit mit der Pharmaindustrie. Der Wissenschaftler kritisiert auch den extrem hohen Preis der Impfung: 477 Euro. Erst seit zwei Jahren ist Gardasil auf dem Markt und war bereits 2007 mit 238 Millionen Euro der größte Umsatzbringer unter den deutschen Arzneimitteln.
Vor allem aber ist der Wirkstoff ein Exempel für besonders geschickte Konditionierung der öffentlichen Meinung. Denn die Impf-PR, das deutet sich an, schafft eine zumindest trügerische Sicherheit. Vielen Mädchen vernachlässigen inzwischen, dass die Impfung eine Früherkennung nicht ersetzt - denn sie schützt zwar vor den häufig krebserregenden HPV-Typen 16 und 18. Aber "gegen mindestens 14 weitere gefährliche HPV-Typen hilft der Impfstoff überhaupt nicht", sagt Rolf Rosenbrock, Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung zum Gesundheitswesen. Würden zwei Typen eliminiert, entstehe zudem eine "Lücke", die andere Viren besetzen könnten, warnt das "New England Journal of Medicine".
Merck, schreibt die "New York Times", habe sowohl die Krankheitsgefahr als auch die Präventionsfähigkeit des Impfstoffs "grandios übertrieben".
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