Von Stefan Schultz
Hamburg - Die baden-württembergische LBBW machte den Anfang: Sie sagte schon am Wochenende "Nein". Man werde das staatliche Rettungspaket, jenes in Windeseile geschnürte, fast eine halbe Billion Euro schwere Konstrukt, nicht in Anspruch nehmen, ließ sie verlauten. Am heutigen Montag beteuerten nun auch die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) und die Norddeutsche Landesbank, keine Unterstützung vom Staat zu benötigen.
BayernLB-Zentrale in München: Landesbanken drohen gewaltige Umwälzungen
Wer annimmt, so die Befürchtung, outet sich als Krisenbank - was einen Ansehens- und Bonitätsverlust nach sich ziehen könnte.
Experten halten diese Denkweise für einen Fehler. "Einige Landesbanken wie die BayernLB und die WestLB befinden sich in einem desolaten Zustand", sagt Hans-Peter Burghof, Bankenexperte an der Uni Hohenheim. "Institute, die vergleichsweise besser aufgestellt sind, sollten ihnen schon aus Solidarität beispringen und sich für eine gemeinsame Lösung stark machen."
Der Vorstand des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes ist genau aus diesem Grund am Nachmittag in Berlin zu Beratungen über das Rettungspaket zusammenkommen. Das Gremium mit rund 50 Mitgliedern vertritt 446 Sparkassen, sieben Landesbanken und zehn Landesbausparkassen. Unter anderem wollten die teilnehmenden Landesbanken darüber beraten, gemeinsam unter den Schirm staatlicher Hilfen zu flüchten. Außenstehende könnten dann nicht mehr so leicht ablesen, welche Institute tatsächlich Hilfe bräuchten und welche nicht.
Doch eine solche Konsensaktion erscheint inzwischen immer unrealistischer - wenngleich nicht unmöglich. "Zwar haben sich inzwischen viele der Landesbanken festgelegt, ob sie das Rettungspaket annehmen wollen oder nicht - in der momentanen Finanzkrise habe solche Aussagen aber oft nur eine Halbwertzeit von mehreren Stunden", sagt Burghof. "Gut möglich, dass man sich doch noch zu einer gemeinsamen Lösung zusammenrauft."
CSU im Strudel des BayernLB-Desasters
Denn tatsächlich gibt es Landesbanken, die so stark in den Sog der Finanzkrise geraten sind, dass sie das Rettungspaket kaum ausschlagen werden. Am schlimmsten betroffen ist offenbar die BayernLB, die sich wegen der Krise mit Ausfallrisiken in Milliardenhöhe konfrontiert sieht. Noch-CSU-Chef Erwin Huber (CSU) hat bereits verkündet, die Staatshilfe in Anspruch nehmen zu wollen. Aber auch das war nach Ansicht mancher Experten vorschnell.
"Deutlicher hätte man der Republik die Misere der BayernLB nicht zeigen können", sagt Dirk Schiereck, Bankenprofessor an der TU Darmstadt. "Jetzt wissen wir: Offenbar geht es der Bank so schlecht, dass sie es gerade über die Landtagswahl geschafft hat." Gerüchten zufolge verhandeln die Eigentümer der BayernLB und der LBBW über eine Fusion - dabei sei sie nun in einer denkbar schlechten Verhandlungsposition.
Zudem drohe nun auch die CSU, in den Strudel der BayernLB-Desasters zu geraten. "Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Die CSU hat in Bayern immer wieder großkotzig ihre Wirtschaftskompetenz unterstrichen", sagt Schiereck. "Ex-CSU-Chef Huber hat immer die internationale Ausrichtung und die Kapitalmarktorientierung der BayernLB als besonders vorteilhaft unterstrichen. Jetzt kommt raus, dass sie die Bank besitzt, die am stärksten gegen die Wand gefahren ist."
Bei den Koalitionsverhandlungen mit der FDP müsse sich die CSU nun auf die Frage gefasst machen, ob sie wirklich die Kompetenz habe, ihr Kernressort, das Wirtschaftsministerium, zu führen - was der ohnehin angeschlagenen Partei weiter zusetzen dürfte.
Landesbanken vor dem Umbruch
Unabhängig davon, welche Landesbank sich letztlich vom Staat retten lässt - auf alle sieben Institute kommen gewaltige Umbrüche zu. "Die Landesbanken, wie wir sie kennen, wird es schon sehr bald nicht mehr geben", sagt Bankenprofessor Burghof. "Sie sind in ihrer heutigen Form nicht mehr überlebensfähig."
Martin Faust, Bankenexperte an der Frankfurt School of Finance & Management, sieht dafür zwei Hauptgründe. Erstens seien die Institute nach und nach von den Sparkassen kannibalisiert worden. "Viele Geschäftsbereiche, die früher Kernkompetenz der Landesbanken waren, übernehmen heute die Sparkassen selbst", sagt Faust. "Früher waren nur die Landesbanken in der Lage, größere Firmenkredite zu stemmen oder anspruchsvolle Wertpapierprodukte zu schnüren. Heute machen die Sparkassen ihnen Konkurrenz."
Zweitens kämen die veränderten Eigentümerverhältnisse hinzu. Der Anteil, den Sparkassen an den Landesbanken halten, hat sich in den letzten Jahren massiv erhöht, der Anteil, den die Bundesländer halten, ging merklich zurück. "In der Folge müssen Landesbanken ihre Dienstleistungen den Sparkassen zu besonders günstigen Konditionen zur Verfügung stellen." Das Geschäftsmodell der Landesbanken sei dadurch weiter ausgehöhlt worden. "Der verstärkte Einstieg in die riskanten internationalen Finanzmärkte war so gesehen auch eine Flucht nach vorn", sagt Faust.
Der vollständige Rückzug aus den Finanzmärkten ist in einer international vernetzten Finanzwelt auch künftig keine Option. "Deutschland braucht auch in Zukunft Landesbanken mit Finanzmarktkompetenz und einem Risikomanagement, das auf dem neusten Stand ist", sagt Burghof.
Künftig, vermutet Bankenexperte Schiereck, werden die Landesbanken aber ihren Anteil an riskanten Finanzgeschäften wohl wieder zurückfahren und sich auf Firmengeschäfte und Strukturpolitik zurückbesinnen. Seiner Meinung nach wäre dieser Rückzug positiv. "Man hat bei mehreren Landesbanken das Gefühl, dass sie seit Jahren erfolglos versuchen, im Investmentbanking Fuß zu fassen. Die Renditen solcher Projekte sind im besten Fall bescheiden, im schlimmsten Fall generieren sie, wie derzeit sichtbar, Abschreibungen in Milliardenhöhe."
Kommt jetzt die Super-Landesbank?
Da die Landesbanken aber inzwischen in ihrem Kernkompetenzbereich mit den Sparkassen konkurrieren und Spekulationen an den Finanzmärkten hohe Renditen bringen, werden sie wohl künftig weniger Geschäfte machen - was den Fusionsdruck auf die Institute weiter erhöht.
Den Anfang der Konsolidierungswelle werden vermutlich BayernLB und LBBW machen. Der Zusammenschluss der beiden größten deutschen Landesbanken zur SüdLB gilt als gesetzt. Huber spricht in der "Bild"-Zeitung bereits von "gewaltigen Umstrukturierungen".
Ebenso wahrscheinlich ist die Aufspaltung der WestLB: Der eine Teil mit dem starken Auslandsgeschäft soll mit der Deka-Bank das "Kapitalhaus" der deutschen Sparkassen am Bankenplatz Frankfurt bilden. Der Rest der Düsseldorfer werde mit den anderen Banken wie Helaba und NordLB zum Mittelstands- und Zentralinstitut vereinigt, heißt es.
Diese und weitere mögliche Fusionen, das sagen alle drei Bankenexperten unisono, werden voraussichtlich in zwei Richtungen verlaufen: Nicht nur werden sich Landesbanken horizontal zu größeren Einheiten zusammenschließen, sie werden wohl auch vertikal stärker mit den Sparkassen kooperieren oder partiell verschmelzen, um stärker im Privatkundengeschäft Fuß zu fassen.
Laut Burghof wirkt die aktuelle Finanzkrise auf mögliche Fusionen wie ein Katalysator. "Wir reden jetzt auf einmal von Jahren, nicht von Jahrzehnten", sagt Burghof. Und das sei auch gut so: Denn zwar dürften durch die Fusionen Tausende Jobs verloren gehen, eine Alternative dazu gebe es aber nicht. Und in der jetzigen Krisenzeit seien harte Einschnitte leichter durchzusetzen. "Die Beteiligten sollten die aktuelle Krise schnell nutzen, um notwendige Reformen schnell voranzubringen."
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