Von Ulrich Heyden, Moskau
Auch die Russen selbst hoffen auf einen Acker-Boom. Tatjana Kusmina ist Vorsitzende der modernisierten Kolchose und mächtig stolz auf ihre neuen Milchkühe aus den Alpen. Nach der Ankunft in Russland kalbten die Tiere. Der Nachwuchs werde jetzt getrennt von den Müttern, einzeln in modernen Kälberboxen aufgezogen und speziell betreut. Die Chefin der ehemaligen Kolchose ist wie Vogler Agronomin. Sie kann auf 27 Jahre Berufserfahrung zurückblicken. Mit dem jungen Deutschen komme sie gut klar, erzählt Tatjana. Es mache viel aus, wenn jemand aus einer landwirtschaftlichen Familie kommt.
Deutsches Agrar-Know-how ist willkommen auf der russischen Scholle. Luftballons in den deutschen Farben schmücken das weiße Festzelt etwa im Dorf Detschino, das ebenfalls im Kaluga-Gebiet liegt. Während im Zelt die Vertreter von fünf deutschen Agrartechnik-Firmen mit der Kelle eine symbolische Mauer aus roten Ziegelsteinen errichten und damit den Grundstein für ein deutsches Landwirtschaftszentrum legen, dröhnen draußen die Raupen. Die Zeit drängt. Bereits im nächsten Jahr sollen auf der vormaligen Wiese Ausstellungs- und Fabrikhallen und Büros stehen und damit hundert Arbeitsplätze geschaffen werden.
Im Festzelt klingen die Sektgläser. Der Gouverneur des Gebiets Kaluga, Anatolij Artamonow, stößt mit den deutschen Unternehmern auf das 20 Millionen Euro teure Agrarzentrum an. Artamonow war bereits erfolgreich beim Anwerben ausländischer Autofirmen. Er hat VW, Volvo, Peugeot-Citroën und Mitsubishi ins Kaluga-Gebiet geholt.
Und im Dorf Detschino wollen die fünf deutschen Landwirtschaftsfirmen – Grimme, Ekoniva, Lemken, Wolf-System und Big Dutchman – mit seiner Hilfe jetzt ein modernes Agrarzentrum, mit Fertigungshallen, Service, Logistik und Ausbildung bauen. "Wir konkurrieren nicht, sondern ergänzen uns", sagt der Geschäftsführer der Firma Lemken, Franz-Georg von Busse. Die Firma vom Niederrhein machte im Jahr 2007 181 Millionen Euro Umsatz, davon 34,2 Millionen in Russland.
Furcht vor den Folgen der Finanzkrise
Das Baugelände für das Agrarzentrum in Detschino habe man zunächst nur gepachtet, berichtet von Busse. Dass sei eine übliche Regelung, womit sich der russische Staat vor Grundstücksspekulation schützt. Doch der Gouverneur habe versprochen, dass die Deutschen und ihre russischen Tochterfirmen, im nächsten Jahr, wenn die Anlage steht, das Gelände kaufen können.
Als die Frage nach der Finanzkrise kommt, wird Busse ernst. Ob die Turbulenzen am Bankenmarkt dem Projekt den Garaus mache? "Nein", meint der Lemken-Geschäftsführer. "An unserem Engagement in Detschino ändert die Finanzkrise - so weit ihre Auswirkungen gegenwärtig absehbar sind - nichts." Alle laufenden Investitionen seien "definitiv finanziert".
Was die Geschäftsaussichten seines Unternehmens aber insgesamt betrifft, will Busse nicht ausschließen, dass es schwieriger wird. Nach den bisherigen Informationen habe man in Russland "mit Verzögerungen und Stornierungen von Finanzierungen zu rechnen". Da man aber den Umfang des Finanzierungsvolumens der russischen Banken für russische Landwirte nicht kenne, sei es zurzeit nicht möglich zu sagen, "in welchem Umfang unser zukünftiges Geschäft mit Russland davon beeinträchtigt wird". Möglicherweise macht das globale Bankendesaster dem Modernisierungsschub in Russlands Landwirtschaft ein rasches Ende.
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