Von Tobias Lill
Die außerordentliche Kündigung ist dagegen erst einmal abgewendet: Das Integrationsamt Stuttgart lehnte diese im April 2008 ab. Durch die Arbeitsunfähigkeitszeiten entstünden keine "erheblichen betrieblichen Schwierigkeiten" für Schlecker. Zudem sei "zumindest ein großer Teil der Ausfallzeiten durch den Arbeitgeber selbst verursacht worden". Schlecker bestreitet dagegen, dass die Behörde die Kündigung zurückgewiesen habe. Zunächst habe sie dem zugestimmt. Im Integrationsamt hat man dafür keine Erklärung. "Die Behauptung Schleckers stimmt nicht", sagt der für den Fall zuständige Mitarbeiter.
Bei Ver.di überrascht Schleckers harsches Vorgehen niemanden wirklich. Die Arbeitnehmervertreter werfen dem Management sogar vor, "gezielt und flächendeckend" gegen Behinderte vorzugehen. Auch Anja Baumann*, eine ehemalige Bezirksleiterin von Schlecker im Raum Baden-Württemberg, sagt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, sie sei von ihren Vorgesetzen angewiesen worden, Mitarbeiter, die schwerbehindert oder häufig krank sind, "nach Möglichkeit rasch loszuwerden". Hierzu sollten unbedingt Kündigungsgründe gefunden werden. Das soziale Umfeld, die Kleidung, Kundenfreundlichkeit, die angebliche Nichtbeachtung zentraler Anweisungen, Beanstandung der Inventurergebnisse - es habe viele Vorwände gegeben, um kranke und behinderte Mitarbeiter aus dem Betrieb zu drängen, so Baumann.
Schlecker geht auf diese Vorwürfe nicht ein. Ein Sprecher verweist lediglich darauf, dass Schleckers Bewerbungsfragebogen keine Fragen enthalte, die dem Anti-Diskriminierungsgesetz widersprechen. Auch sei der Anteil schwerbehinderter Arbeitnehmer bei dem Unternehmen "mit nahezu drei Prozent im Vergleich zu anderen Unternehmen nicht auffällig niedrig". Im Durchschnitt liegt die Beschäftigungsquote in deutschen Firmen und im öffentlichen Dienst bei etwa vier Prozent.
"Das Klima wird rauer"
Bei Ver.di sieht man in Schlecker zwar ein "besonders heftiges Beispiel". "Doch es gibt eine Vielzahl von Unternehmen, bei denen gilt: Wer länger krank wird, fliegt raus ", sagt Frank, die sich bei der Gewerkschaft seit vielen Jahren um die Belange Schwerbehinderter kümmert.
Auch beim Sozialverband VdK kennt man das Problem. "Das Klima wird insgesamt rauer, manche Unternehmen versuchen behinderte Mitarbeiter gezielt loszuwerden", sagt die sozialpolitische Referentin Dorothee Czennia. Die Situation von chronisch Kranken und Schwerbehinderten könnte sich durch die Finanzkrise noch verschärfen: "In wirtschaftlich schlechten Zeiten steigt die Zahl der Kündigungen von Behinderten", so eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit.
Mehr als drei Viertel aller privaten Betriebe in Deutschland kommen ihrer Pflicht schon jetzt nicht in vollem Umfang nach und bei gut 30.000 beschäftigungspflichtigen Unternehmen arbeitet kein einziger Schwerbehinderter. Im Internet finden sich Kanzleien, die spezielle Seminare anbieten, um behinderte Mitarbeiter loszuwerden. In vielen Fällen sind die Behörden ohnehin machtlos, etwa wenn betriebs- oder verhaltensbedingte Gründe angegeben werden, erklärt ein Mitarbeiter eines Integrationsamtes. Tatsächlich stimmten die Behörden bundesweit im vergangenen Jahr in drei von vier Kündigungsverfahren von Schwerbehinderten der Kündigung zu.
Fünfmal mehr Mobbing
Und wenn sich das Integrationsamt dennoch querstellt, schrecken manche Chefs auch vor Mobbing nicht zurück. Das berichten zumindest Angestellte von Einzelhändlern. "Die haben mir jeden Tag gezeigt, dass ich als Behinderte unerwünscht bin", sagt eine Verkäuferin eines Modegeschäfts, die seit einigen Jahren mit einer Sehstörung zu kämpfen hat. Laut einer schwedischen Studie klagen behinderte Mitarbeiter mehr als fünfmal so oft über Mobbing am Arbeitsplatz wie Nichtbehinderte.
Derlei zweifelhaftes Verhalten ist nicht auf den Einzelhandel beschränkt: Heinz-Jürgen Raem, ehemals Ingenieur bei einem Mittelständler, erlitt bei einem Unfall eine Querschnittslähmung. zunächst brachte der Chef ihm noch den Laptop an das Krankenhausbett, damit er ein Projekt beenden konnte. Als Raem damit fertig war, kündigte ihm seine Firma ohne Vorwarnung. Man wolle keine Behinderten im Betrieb, soll ihm der Chef noch gesagt haben.
"Als Mitarbeiter ist man für manche Chefs nur mehr ein Stück Fleisch", ist auch Helga Tsotsaksidis überzeugt. Hinter ihr hängt ein Gewerkschaftsplakat, das einen Hasen zeigt, der sich ins Gras duckt. "Bangemachen gilt nicht", steht da in dicken Lettern. Die 59-Jährige hat sich nicht weggeduckt, hat gekämpft. Mit Erfolg: Auf Druck des Betriebsrats versetzte sie Schlecker mittlerweile in eine Filiale, in der mehrere Angestellte zugleich arbeiten. Doch noch hat sie nicht gewonnen. Wegen der Abmahnung, gegen die Ver.di gerichtlich vorgehen will, plagen sie noch immer Sorgen: "Ich habe Angst, dass mir irgendwann etwas untergeschoben wird", sagt die Frau, die im nächsten Jahr in Rente geht.
*Name von der Redaktion geändert
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