Von Anne Seith, Frankfurt am Main
Frankfurt am Main - Mittwochabend an der Frankfurter Börse: Der Dax dümpelt zum Handelsschluss mit 0,3 Prozent im Minus. Und das obwohl die meisten Indexwerte im Plus notieren - Daimler
und Allianz
sogar mit 20 Prozent. Doch eine Aktie reißt es runter: Volkswagen. Wieder dominiert das Autopapier das Marktgeschehen. Und wieder sorgen die Kurskapriolen für Unmut unter den Börsianern.
Börsianer in Frankfurt: "Es geht um die Reputation des Finanzplatzes"
Die Wut verwundert nicht. In den vergangenen Tagen glich das Frankfurter Börsenparkett einem Spielcasino. Im Zentrum der Zockerei: die VW-Aktie. Innerhalb weniger Tage hatte sich deren Wert vervierfacht, das Papier kostete zeitweise mehr als tausend Euro. Der Wolfsburger Autobauer - nicht eben ein Garant für schillernde Kursphantasien - war kurzzeitig sogar mit einem Wert von 296 Milliarden Euro teurer als der Ölriese Exxon Mobil
. Hintergrund des Börsenwahnsinns: Hedgefonds und Banken hatten auf sinkende VW-Kurse spekuliert - und so massiv geliehene Aktien veräußert, um sie später zu niedrigeren Kursen wieder einkaufen und an die Eigentümer zurückgeben zu können. Die Differenz bei diesen sogenannten Leerverkäufen hätte den Gewinn ausgemacht.
Doch plötzlich schockte Porsche mit der Nachricht, unter anderem über Optionen bereits mehr als 70 Prozent der VW-Anteile zu kontrollieren. Die Leerverkäufer gerieten in Panik, auf dem Markt könnten weniger Aktien sein, als sie zurückkaufen müssen. Und die Jagd auf die VW-Papiere setzte ein. Die Folge: Exorbitant steigende Kurse, die mit den eher ernüchternden Aussichten für die globale Autokonjunktur rein gar nichts mehr zu tun hatten.
Die Auswirkungen erfassten das komplette Marktgeschehen. Durch die Kursexplosion trieben die VW-Aktien den Dax Hunderte Punkte ins Plus - obwohl viele Werte des Indexes tief im roten Bereich steckten. VW bestimmte zum Börsenschluss 27 Prozent des gesamten Börsenbarometers.
Erst nach zwei dramatischen Tagen griffen die Deutsche Börse und Porsche ein und ließen gezielt die Luft aus der Spekulationsblase. Die Börse gewichtet den Dax neu - obwohl das normalerweise nur alle drei Monate geschieht. Ab Montag neun Uhr wird das Gewicht von VW wieder auf das eigentliche Höchstmaß von zehn Prozent korrigiert. Gleichzeitig kündigte Porsche den Verkauf von bis zu fünf Prozent seiner VW-Aktien an. Daraufhin verlor das Papier zeitweise über 40 Prozent an Wert.
Aber Normalität ist noch lange nicht wieder eingekehrt. Noch immer ist die Börse weit davon entfernt, das reguläre Wirtschaftsgeschehen abzubilden: Die Gewinne der großen Dax-Player am heutigen Mittwoch haben nichts mit einer plötzlichen und wunderbaren Gesundung der Deutschen Wirtschaft zu tun, sondern mit der Eigenlogik des Börsengeschehens. Manager von Fonds etwa, die den Index abbilden sollen, müssen sich jetzt wegen des VW-Kursverfalls mit anderen Werten eindecken - in den vergangen Tagen waren sie zum Verkauf gezwungen.
Die Turbulenzen bleiben nicht ohne Folgen. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat am Mittwoch eine formelle Untersuchung des Handels mit VW-Aktien eingeleitet. Anlass seien die erheblichen Kursturbulenzen der vergangenen Tage, teilte eine BaFin-Sprecherin mit.
Und viele Börsenakteure fordern den Aktienmarkt und den deutschen Gesetzgeber auf, endlich Konsequenzen zu ziehen. Vor allem die Tatsache, dass Porsche sich still und heimlich einen derart großen Einfluss sichern konnte, erhitzt die Gemüter. "Porsche ist in der Lage gewesen, mit verdeckten Karten zu spielen - hier muss mehr Transparenz geschaffen werden", sagt etwa DWS-Experte Gebhardt. Auch LBBW-Stratege Köhler erklärt: "Da muss meines Erachtens dringend etwas unternommen werden."
Die aktuell herrschende mangelnde Transparenz kann schwerwiegendere Konsequenzen haben, als dass Opfer des Angriffs überrascht in die Übernahmeschlacht gestoßen werden. Das zeigt das VW-Beispiel in aller Deutlichkeit. "Die Deutsche Börse hat nicht genug Informationen, um den tatsächlichen Streubesitz einer Aktie anzuzeigen", sagt Gebhardt. Tatsächlich waren wesentlich weniger Aktien auf dem Markt verfügbar, als die Leerverkäufer angenommen hatten. Leidtragende dürften vor allem die Hedgefonds sein, von denen einige Marktkennern zufolge um die Existenz bangen müssen. Schätzungen zufolge könnten die Verluste 20 bis 30 Milliarden Euro betragen, wie die "Financial Times" berichtet.
Doch nicht nur der Gesetzgeber, auch die Deutsche Börse gerät angesichts der turbulenten Tage unter Druck. Sollte ein Aktienwert plötzlich über zehn Prozent des Dax bestimmen, "sollte automatisch eingegriffen werden", sagt etwa Indexexperte Christian Stocker von der Unicredit. Er gehe davon aus, dass die Regeln des Börsenplatzes im kommenden Jahr dementsprechend angepasst würden. DWS-Stratege Gebhardt hält ebenfalls eine flexiblere Neuzusammensetzung des Indexes für sinnvoll - und auch LBBW-Stratege Köhler plädiert "für eine standardmäßige Kappung." So könne neben Transparenz auch Sicherheit für die Akteure geschaffen werden.
Bei der Börse heißt es dagegen, derartige Änderungen der Regeln "bedürfen einer intensiven Diskussion und sollten nicht von heute auf morgen beschlossen werden." Allerdings lässt man sich ein Hintertürchen offen. Auf die Frage, ob denn mittelfristig eine entsprechende Anpassung vorgesehen sei, antwortet Sprecher Frank Herkenhoff: "Der Arbeitskreis Aktienindex überprüft regelmäßig den Leitfaden." Nicht ausgeschlossen also, dass die VW-Affäre das Börsengeschehen grundlegend verändert.
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