Hamburg/Hannover/Osnabrück - "Wenn wir möglichst viele der im Aufschwung geschaffenen 250.000 neuen Arbeitsplätze über die Krise retten wollen, muss die Lohnsteigerung niedriger ausfallen als beim letzten Mal", sagte Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Ulrich Brocker der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Fast 40 Prozent der aktuell befragten Unternehmen wollten frei werdende Stellen nicht mehr besetzen, und zehn Prozent stellten sich auf betriebsbedingte Kündigungen ein. "Umso wichtiger ist ein kluger Tarifabschluss", sagte Brocker.
Angesichts des deutlichen Konjunktureinbruchs kritisierte er das Festhalten der IG Metall an ihrer Forderung nach acht Prozent Lohnerhöhung. Die IG Metall habe ihre Forderung viel zu früh festgelegt und dann nicht der veränderten Realität angepasst. "Ich verstehe ja, dass der Mann am Band in einem noch ausgelasteten Betrieb die Krise jetzt nicht spürt. Aber es gehört zur Führungsverantwortung der IG-Metall-Spitze, den Menschen die Risiken nicht zu verschweigen", sagte Brocker.
Im Gegenzug zu einem Entgegenkommen der Gewerkschaft schloss Brocker eine Revisionsklausel beim Tarifabschluss nicht aus - für den Fall, dass die Konjunktur sich besser entwickelt als derzeit befürchtet. "Es gibt mit Sicherheit Möglichkeiten, einen Tarifvertrag so zu gestalten, dass man auf unvorhergesehene Situationen angemessen reagieren kann", sagte er.
Die Arbeitgeber haben 2,1 Prozent Lohnerhöhung zum 1. Januar 2009 sowie eine Einmalzahlung von 0,8 Prozent eines Jahresgehalts angeboten.
Straubhaar: Positive Vorzeichen für Mitte 2009
Der Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Thomas Straubhaar, appelliert an die mittelständische Wirtschaft, trotz der Krise Arbeitsplätze zu schaffen. "Unternehmen, die jetzt nicht einstellen beziehungsweise Arbeitsplätze halten, bekommen den Aufschwung nicht gebacken", sagte Straubhaar der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Für Mitte 2009 seien wieder positive Vorzeichen zu erwarten. "Es gibt keine neuen Hinweise, dass es in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres nicht wieder nach oben gehen soll", sagte Straubhaar.
Der Wirtschaftsforscher schloss Massenentlassungen in Deutschland als Folge der Finanzmarktkrise aus. In der Automobilindustrie könnten die Turbulenzen sich zwar beschäftigungspolitisch auswirken.
Allgemein aber bleibe der Arbeitsmarkt stabil. "Im schlechtesten Fall erwarte ich im nächsten Jahr eine Anhebung der Arbeitslosenquote wieder auf acht Prozent. Das heißt: Etwa 100.000 mehr Menschen als im Jahresdurchschnitt 2008 werden ihre Arbeit verlieren", sagte Straubhaar. Damit liege Deutschland immer noch weit unter den hohen Arbeitslosenzahlen zu Beginn des Konjunkturaufschwungs 2006.
Schätzungen des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer, der den Abbau von bis zu 50.000 Arbeitsplätzen allein bei deutschen Autozulieferern voraussagt, wies Straubhaar zurück. "Vorsicht vor derartigen Prognosen", sagte der Ökonom. Dass Arbeitsplätze in der einen oder anderen Branche gefährdet seien, gehöre zum Auf und Ab der Konjunktur.
Warnstreiks in Metall- und Elektroindustrie
Ungeachtet der Warnungen aus dem Arbeitgeberlager sind nach dem Scheitern der Tarifgespräche Tausende Metallarbeiter nach dem Ende der Friedenspflicht um Mitternacht zeitweise in den Ausstand getreten. Im bayerischen Ingolstadt legten nach Gewerkschaftsangaben rund 4000 Beschäftigte der Nachtschicht beim Autobauer Audi die Arbeit für rund zwei Stunden nieder und nahmen an einer Kundgebung vor den Werkstoren teil. Mit Fackeln formierten sie sich zu einer Acht, um ihrer Forderung nach acht Prozent mehr Lohn Nachdruck zu verleihen. Die Arbeitgeber haben 2,1 Prozent Einkommenserhöhung und eine Einmalzahlung von 0,8 Prozent angeboten. In der Branche sind bundesweit 3,6 Millionen Menschen beschäftigt.
Mit einer Frühschlussaktion beim Autobauer Audi in Neckarsulm liefen die Warnstreiks in Baden-Württemberg an. Alle tausend Beschäftigten der Nachtschicht verließen nach IG Metall-Angaben eineinhalb Stunden vor ihrem regulären Schichtende am Samstagmorgen ihren Arbeitsplatz. Sie verliehen mit Fackeln und Fahnen vor den Werkstoren der Gewerkschaftsforderung Nachdruck. Die Bänder standen still. "Die Beschäftigten halten das Angebot der Arbeitgeber für unzumutbar, weil es nicht einmal die Preissteigerung ausgleicht, und gehen deshalb auf die Straße", sagte der IG Metall-Chef für Heilbronn/Neckarsulm, Rudolf Luz.
Auch bei Osram in Augsburg ruhte die Arbeit in der Nacht vorübergehend. Hier gingen nach Gewerkschaftsangaben mehr als hundert Beschäftigte auf die Straße. Bei MAN Diesel trafen sie sich mit Beschäftigten des Dieselmotorenherstellers zu einer Kundgebung, an der laut IG Metall insgesamt etwa 500 Menschen teilnahmen. Die Gewerkschaft hatte einen leuchtenden Heißluftballon organisiert, auf dem ebenfalls die Forderung nach acht Prozent mehr Lohn prangte.
In Berlin-Spandau legten nach Angaben der IG Metall rund 200 Beschäftigte der Glas- und Lampenproduktion der Osram-Werke ihre Arbeit nieder. Beim Autozulieferer Johnson Controls, im ehemaligen Werk des Batterieherstellers Varta in Hannover, streikten Arbeiter nach Mitternacht vorübergehend. Auch in Bramsche bei Osnabrück traten Beschäftigte in einen befristeten Ausstand. Bei der Schiffswerft Nordsee-Werke im Emder Binnenhafen folgten 40 Mitarbeiter dem Aufruf der Gewerkschaft. Auch in Kiel und Itzehoe machten Arbeiter Druck.
Beim Weißblechhersteller Rasselstein in Andernach (Rheinland- Pfalz) unterbrachen Mitarbeiter ihre Arbeit. Einige hundert Menschen versammelten sich vor dem Werkstor. Im hessischen Offenbach beteiligen sich nach Angaben der IG Metall rund 300 Beschäftigte an einem Warnstreik beim Autozulieferer GKN.
IG Metall kündigt weitere massive Warnstreiks an
IG Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine warf bei einer Kundgebung vor dem Tor des Batterieherstellers in Hannover in der Nacht zum Samstag den Arbeitgebern Hinhaltetaktik vor. Mit einem völlig unzureichenden Angebot hätten sie die Warnstreiks provoziert, sagte Meine. "Die Forderung nach acht Prozent mehr Geld ist berechtigt", sagte Meine. Mit mehr Geld in der Tasche könnten die Beschäftigten auch den Konsum im Inland beleben.
Am Montag seien zahlreiche weitere Aktionen geplant, sagte der bayerische IG-Metall-Chef Werner Neugebauer bei einer nächtlichen Kundgebung. "Die Wucht der Warnstreiks wird massiv sein." Allein in Bayern könnten in den nächsten zehn Tagen mehr als 200 Betriebe mit mehr als 100.000 Beschäftigten betroffen sein. Dann könnten sich die Warnstreiks auch über mehrere Stunden hinziehen.
Die Arbeitgeber wiederum nannten die Forderung der Gewerkschaft "absurd" und "bizarr". Sie verweisen vor allem darauf, dass sich die konjunkturelle Lage der Branche in den vergangenen Tagen und Wochen dramatisch verschlechtert habe.
Trotz der verhärteten Fronten setzen beide Seiten nach wie vor auf eine Lösung am Verhandlungstisch. Eine Einigung wird auch vom Ergebnis der weiteren Verhandlungen im Pilotbezirk Baden-Württemberg abhängen. Falls es bis zum 10. November nicht zu einem Abschluss kommt, will der Vorstand der IG Metall dann entscheiden, ob er seine Mitglieder zu einer Urabstimmung über Streikmaßnahmen aufruft.
asc/ddp/dpa
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