SPIEGEL ONLINE: Herr Kromphardt, der britische Ökonom John Maynard Keynes hat vor mehr als 70 Jahren den Begriff der "Liquiditätsfalle" geprägt. In seinem Szenario schwindet das Vertrauen auf den Finanz- und Kreditmärkten, Banken, Unternehmen und Verbraucher horten ihr Geld, statt es auszuleihen oder auszugeben. Die Folge ist eine schwere Rezession - stecken wir schon in einer solchen?
Kromphardt: Ganz so schlimm ist es noch nicht. Zwar haben wir eine Kreditklemme. Eine Liquiditätsfalle würde aber bedeuten, dass die Maßnahmen der Notenbanken keine Wirkung mehr zeigen, zum Beispiel dadurch, dass der Leitzins so niedrig steht, dass man die Konjunktur nicht mehr durch billigeres Geld stützen kann. Soweit ist es noch nicht.
SPIEGEL ONLINE: In Japan steht der Leitzinssatz aktuell bei 0,3 Prozent, in den USA hat ihn die US-Notenbank Fed kürzlich auf 1,0 Prozent gesenkt - kommt das diesem Szenario nicht sehr nahe?
Kromphardt: Japan steckte lange in einer Liquiditätsfalle, bei den USA ist die Frage noch offen. Zudem haben auch dort zumindest die Zinssätze für Bankenkredite noch nach unten hin Luft. In Europa hingegen sind wir von einer Liquiditätsfalle weit entfernt. Der Leitzinssatz liegt hier bei 3,75 Prozent, und manche Experten rechnen damit, dass er am Donnerstag auf bis zu 3,25 Prozent gesenkt wird. Das zeigt: In der europäischen Geldpolitik ist nach unten noch viel Luft.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch droht auch in Europa der Konjunkturabschwung. Autoindustrie, Maschinenbau, Elektrotechnik - viele Schlüsselbranchen haben in den vergangenen Monaten Auftragseinbrüche verbucht. Droht uns eine lange und schwere Rezession?
Kromphardt: Wir befinden uns in einer Konjunkturdelle. Ob daraus eine lange Rezession wird, hängt ganz davon ab, inwieweit der Staat mit Rettungsmaßnahmen gegensteuert.
SPIEGEL ONLINE: Einen ersten Schritt in diese Richtung hat die Regierung heute gemacht. Mit einem 15-Punkte-Programm will sie die Konjunktur ankurbeln. Wie ist das Paket inhaltlich zu bewerten?
Kromphardt: Es gibt positive Punkte, beispielsweise die Subventionen der CO2-Gebäudesanierung. Privatleute und Unternehmen werden über Vergünstigungen ermutigt, Projekte in diesem Bereich zu starten - und dabei auch selbst Geld auszugeben. Unter dem Strich investiert der Staat so relativ wenig, erreicht aber eine große Hebelwirkung.
SPIEGEL ONLINE: Vorausgesetzt, der Konsument nimmt die angebotenen Vergünstigungen auch an.
Kromphardt: Das ist natürlich richtig. Wer wenig Geld in der Tasche hat, wird vielleicht nicht als erstes daran denken, sein Haus zu sanieren. Dennoch sind solche Subventionen konsequent - sie führen umweltpolitisch die Linie der Regierung fort und sind ökonomisch effizient.
SPIEGEL ONLINE: Insgesamt kostet das Paket Bund, Länder und Gemeinden 23 Milliarden Euro - in den Jahren 2009 bis 2012. Sind die Maßnahmen ausreichend?
Kromphardt: Das ist eher das Minimum. Ein wenig mehr Geld hätte man schon in die Hand nehmen können. Käme es zur befürchteten Konjunktur-Kernschmelze, müsste die Regierung definitiv nachlegen.
SPIEGEL ONLINE: Man sagt, das Börsengeschehen sei zu 70 Prozent von Psychologie geprägt. Gilt das auch für die Konjunktur?
Kromphardt: Ja, auch die Konjunktur ist äußerst anfällig für Stimmungen. Es kommt jetzt auch darauf an, das Konjunkturpaket gut zu verkaufen. Die zusätzlichen Ausgaben jetzt als Gefährdung des Bundeshaushalts darzustellen, wäre grundfalsch.
SPIEGEL ONLINE: Im Vergleich zu anderen Ländern sind die Konjunkturmaßnahmen nicht sehr weitreichend - rechnet die Regierung also nicht mit einer tiefen Rezession?
Kromphardt: Sie scheint nicht mit dem Schlimmsten zu rechnen - sonst wäre das Paket wahrscheinlich größer.
Das Interview führte Stefan Schultz
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