Von Anne Seith, Frankfurt am Main
Mit den Schienen hat Bahnchef Hartmut Mehdorn es nicht leicht. Das Unternehmen lasse wenig attraktive Strecken verrotten, obwohl der Bund jährlich Milliarden für Investitionen in die Infrastruktur zuschieße, heißt es immer wieder. Bilder von verfallenen Bahnhöfen und brüchigen Gleisen begleiten entsprechende Nachrichtenbeiträge. Die Bahn dementiert die Anschuldigungen stets vehement. Schließlich stecke der Konzern auch aus eigenen Mitteln weit über eine Milliarde Euro pro Jahr in die Pflege des Netzes, heißt es zur Begründung.
Kreuzungsweiche beim Bahnhof Wismar: Immer wieder gibt es Streit über Vorwürfe, die Bahn vernachlässige manche Strecken bewuss
Das hitzige Hin- und Her soll nun beendet werden: Ein Vertrag soll regeln, was die Bahn an Schienen und Bahnhöfen leisten muss. Im Gegenzug will der Bund jährlich fix 2,5 Milliarden Euro für die Infrastruktur zuschießen. Die Ausarbeitung des Kontrakts mit dem sperrigen Namen "Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung" und der Abkürzung LuFV ist so gut wie beendet, Anfang 2009 soll die Vereinbarung nach jahrelangen Verhandlungen in Kraft treten.
Doch nun hagelt es erneut Kritik von allen Seiten. Hessens Wirtschaftsminister Alois Rhiel (CDU) etwa schimpft, die Idee sei gut, der LuFV-Entwurf aber miserabel. Der Bund lasse sich das Geld "abknöpfen", und die Bahn bekomme trotzdem "freie Hand". Grund für die Wut des Hessen: die Ergebnisse eines Gutachtens, das das Land bei der TU Berlin und dem Beratungsinstitut IGES in Auftrag gegeben hat und das SPIEGEL ONLINE vorliegt.
Das Ergebnis fällt denkbar schlecht aus: Die Standards, die die LuFV für die Überprüfung der Netzqualität festlegt, sind demnach mangelhaft, ebenso die Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten, die der Vertrag vorsieht. Die LuFV sei nach aktuellem Planungsstand entgegen ihres Anspruchs "kein Instrument, das Anreize zur effizienten Bewirtschaftung der Schieneninfrastruktur geben würde", so die Wissenschaftler.
Mit diesem Gutachten hat sich Rhiel nun an den Verkehrs- und den Haushaltsausschuss des Bundestags gewandt - beide Gremien bekommen die LuFV vor der Unterzeichnung noch vorgelegt. In einem Schreiben appelliert Rhiel an die Abgeordneten, dann auf Änderungen zu bestehen. Sonst drohten letztlich "für die Bürgerinnen und Bürger" eine "Verteuerung des Nahverkehrs, in Konsequenz sogar Streckenstilllegungen", warnt er.
Schützenhilfe bekommt der CDU-Politiker vom Bundesrechnungshof, der ebenfalls an den Vorsitzenden des Haushaltsausschuss, Otto Fricke (FDP), schrieb. Durch die LuFV sei nach derzeitigem Stand der Dinge "nicht sichergestellt, dass die Bundesmittel wirtschaftlich und sparsam verwendet werden."
In einem dem Schreiben beiliegenden Bericht und in dem IGES-Gutachten werden vor allem folgende Punkte moniert:
Der Bundesrechnungshof will jetzt selbst mitreden. Er fordert "zumindest für die ersten Jahre" selbst umfassende Prüfungsrechte im Rahmen der LuFV. Wirtschaftsminister Rhiel will zudem eine sogenannte Anreizregulierung nach dem Vorbild der Energiebranche durchsetzen, die sinkende Nutzungsentgelte für die Trassen durch schärfere Regeln erzwingen soll.
Strafe zahlen statt nachbessern?
Auch bei den Sanktionsmöglichkeiten fordert Rhiel Nachbesserungen. Dabei sind die vorgesehenen Strafen durchaus saftig: Werden die Qualitätskriterien nicht eingehalten, können schlimmstenfalls mehrere Millionen Euro Strafe verlangt werden.
Trotzdem lohne es sich für die Bahn unter Umständen, Strafen in Kauf zu nehmen, sagt Volkswirt Mitusch, "weil sie so billiger wegkommt." Bei "nachhaltiger Nichteinhaltung der Qualitätskriterien" müsste der Bund daher die Möglichkeit haben, der Bahn die Zuständigkeit für die Infrastruktur teilweise oder ganz zu entziehen, heißt es deshalb in dem IGES-Urteil - als "letzte Eskalationsstufe", wie Rhiel in seinem Brief an die Parlamentarier schreibt.
Das Bundesverkehrsministerium erklärt zu der Kritik der Rechnungsprüfer schlicht: "Es kann keine Rede davon sein, dass wesentliche Teile der der Infrastruktur wie Weichen, Brücken Tunnel und Oberleitungsanlagen bei der Überprüfung der Netzqualität außer Betracht bleiben. Vielmehr fließt auch der Zustand dieser Anlagen in die sanktionsbewehrten Qualitätskennzahlen ein." Der Bundesrechnungshof sei an LuFV-Verhandlungen mit der Bitte um Beratung zudem beteiligt gewesen. Bei der Bahn erklärte Stefan Garber, Vorstand Infrastruktur: "Mit dem jetzt erreichten Stand gewährleisten wir ein Höchstmaß an Transparenz. Der Bund hat somit jederzeit die Möglichkeit, neben der Verwendung der öffentlichen Gelder auch die erzielten Effekte bis hin zum Gesamtzustand des Netzes nachzuvollziehen.“
Rhiel dagegen erklärt, "wieder einmal" trage ein wichtiges Vorhaben des Bundesverkehrsministerium von Wolfgang Tiefensee (SPD) "die Handschrift von Hartmut Mehdorn". "Und Herr Tiefensee kapiert es wieder nicht." Die LuFV dürfe nur drei Jahre gelten, findet der Hesse - damit sie in dieser Zeit gründlich überarbeitet werden kann.
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Der *stern-Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges*, der bislang ein Freund der Bahnprivatisierung war, hat jetzt aus Empörung über die Gewinnmaximierung der Bahn AG zu Lasten der Belegschaft und der Bahnsicherheit, einen [...] mehr...
So, jetzt haben wir den Salat, ab Montag stehen alle Räder still bei der Bahn. Super, so was überzeugt mich...lasst uns die Bahn doch auch ganz schnell privatisieren !!! Warum sind unsere Neoliberalen hier im Forum auf einmal [...] mehr...
Tja, in Berlin können wir jetzt besichtigen was passiert, wenn man solche wichtige Infrasruktur privatisiert. Aufgrund der jahrelangen Einsparungen und des Auspressens des Unternehmens wurden massenweise Wagen aus dem Verkehr [...] mehr...
Zu Ihrer Info: Schnellfahrende Güterzugwagen HABEN Scheibenbremsen, aber für alle Güterwagen-nicht zu bezahlen! Da diese dann auch ein besseres, elektronisches Antiblockiersystem haben müßten mit der nötigen Stromversorgung - [...] mehr...
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