Mittwoch, 10. Februar 2010

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14.11.2008
 

Öko-Boom

Bionade stößt an Rohstoffgrenzen

Von Susanne Amann

Es ist eine erstaunliche Erfolgsgeschichte: Kaum ein Produkt hat den Markt in kürzester Zeit so verändert wie Bionade, das Brausegetränk aus Bayern. Jetzt aber hat das Unternehmen Probleme, Bio-Rohstoffe zu bekommen - und zeigt damit, dass sich Öko-Anspruch und Wachstum nicht immer vertragen.

Hamburg - Was haben ein Elektrofahrrad, energiearme Wäschetrocker und die Limonade von Bionade gemeinsam? Nicht viel, könnte man denken - doch da hat man die Rechnung ohne die Utopia-Stiftung gemacht. Das Münchner Internet-Portal für strategischen Konsum und nachhaltigen Lebensstil will an diesem Samstag einem dieser Produkte den Utopia-Award 08 verleihen. Weil es alles Produkte seien, "die wirklich etwas verändern".

Vorzeigegetränk Bionade: Rohstoffe sind knapp geworden
REUTERS

Vorzeigegetränk Bionade: Rohstoffe sind knapp geworden

Dass die Limonade der Familienfirma aus dem fränkischen Ostheim unter den Nominierten des Lifestyle-Awards ist, erstaunt nicht wirklich. Denn kaum ein Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren so erfolgreich als "Getränk für eine bessere Welt" vermarktet wie Bionade. In nur fünf Jahren hat der Brausebrauer seinen Absatz von rund zwei Millionen Flaschen auf geschätzte 250 Millionen Flaschen gesteigert - vor allem, weil es offensiv mit seinem Image als ökologisch korrektes Weltverbesserer-Getränk warb. "Kaufe nur, woran Du wirklich glaubst", "Gut in Bio. Schlecht in Chemie" oder "Von führenden US-Getränkeherstellern nicht empfohlen", lauten die Slogans der aktuellen Werbekampagne.

Doch so schnell sich der Limo-Hersteller in die Regale der deutschen Supermärkte katapultiert hat, so schwer wird es für ihn jetzt, mit dem Wachstum Schritt zu halten. Auf jeden Fall, wenn man seinen eigenen Ansprüchen von Nachhaltigkeit und biologischer Herstellung gerecht werden will. Recherchen der Verbraucherorganisation Foodwatch haben ergeben, dass Bionade trotz seines Bio-Siegels nicht hundertprozentig biologisch ist. "Ausgerechnet das, was der Brause den Geschmack gibt, die Litschis oder Orangen, wird nicht als Rohstoff aus kontrolliert biologischem Anbau gekennzeichnet", sagt Anne Markwardt von Foodwatch.

"Bionade nutzt Spielraum aus"

Möglich ist das, weil der Gesetzgeber den Produzenten beim Bio-Siegel eine Lücke gelassen hat. Wer das grün-schwarze EU-Zertifikat auf seine Produkte drucken will, der muss nur bei 95 Prozent der Zutaten nachweisen, dass sie biologisch angebaut sind. "Diesen Spielraum von fünf Prozent nutzt Bionade aus", sagt Markwardt. Nach ihren Recherchen verarbeitet das Unternehmen beispielsweise pro Jahr 200 bis 300 Tonnen Litschi-Früchte - kann deren genaue Herkunft beziehungsweise deren biologischen Anbau allerdings nicht belegen.

Was nicht daran liegt, dass das Unternehmen kein Interesse an der Verarbeitung biologisch angebauter Litschis hat. Die Menge an Obst aber, die Bionade inzwischen braucht, gibt es auf dem weltweiten Biomarkt nicht - oder nur zu einem sehr hohen Preis. Im Prinzip gebe es zwar ausreichend Litschis, allerdings werde ein Großteil der Früchte für den Frischobstmarkt angebaut und auch dort gehandelt. Wandelte man dieses Frischobst in Konzentrat um, würde dies zu teuer, sagte ein Geschäftspartner von Bionade gegenüber Foodwatch.

Tatsächlich zeigt der Fall von Bionade ein Dilemma der gesamten Branche: Einst mit viel Weltverbesserungsethos gestartet, stecken viele Bio-Produzenten inzwischen in einem handfesten Gewissenskonflikt: Wie viel Wachstum verträgt die Branche und darf man auch wachsen, wenn dabei die einstigen Grundsätze zumindest zeitweise auf der Strecke bleiben?

"Mit dem Boom der Biolebensmittel sind erstmals auch die Rohstoffe knapp geworden", sagt Annette Mörler vom Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN). Inzwischen würden nicht nur Bioprodukte aus Italien, Spanien, sondern auch aus Argentinien, Israel, Ägypten oder Südafrika importiert. "Bestimmte Rohstoffe sind inzwischen weltweit schwer zu kriegen - oder sie sind deutlich teurer geworden."

Wann ist Bio noch Bio?

Und das stellt Hersteller wie Bionade vor Probleme - denn die Nachfrage ist größer als das Angebot. "Wir laufen dem Angebot an Litschi schon immer hinterher", sagt Bionade-Chef Peter Kowalsky. "Aber wenn die Rohstoffe nicht in der richtigen Qualität vorhanden sind, dann setzen wir sie nicht ein." Um das Angebot auf dem Weltmarkt zu vergrößern, baue man derzeit eigene Bio-Litschi-Plantagen in Südafrika auf. "Bis die dafür notwendigen Strukturen vor Ort geschaffen sind, dauert es aber noch geraume Zeit."

Genau das hält Foodwatch für Augenwischerei. "Bionade argumentiert, im Fall der Litschis bräuchte die 'bessere Welt' eben etwas Zeit, da es nicht ausreichend Bio-Litschi 'als Rohstoff für die Getränkeindustrie' gibt", sagt Markwardt. "Wenn einem aber die vorhandenen Rohstoffe einfach zu teuer sind, kann man sich eben nicht als 100-prozentig Bio verkaufen." Eiliger habe es Bionade in diesem Jahr mit einer Preiserhöhung um etwa 30 Prozent gehabt. "Aber dabei ging es offenbar nicht um bessere Rohstoffe," ätzt Markwardt.

Tatsächlich diskutiert die Biobranche seit Jahren die Frage, wann Bio noch Bio ist. "Vor ein paar Jahren gab es Engpässe bei Ferkeln aus der Bio-Zucht. Deshalb wurde Biohöfen per Ausnahmegenehmigung erlaubt, Ferkel von konventionellen Bauern zuzukaufen - was zu hitzigen Debatten führte", sagt Ulrich Japser von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Dieses Problem sei inzwischen gelöst - aber die grundsätzliche Frage bleibt. "Das Misstrauen wächst immer dann, wenn die Ausnahme zur Regel wird und der Eindruck entsteht, jemand nutzt die Ausnahmegenehmigung, um sich einen dauerhaften Preisvorteil zu sichern."

"In den Jahren 2006 und 2007 ist der Biomarkt so schnell gewachsen, dass es zu Warenengpässen gekommen ist", sagt auch Achim Spiller, Agrarökonom an der Uni Göttingen. Deshalb sei es gut vorstellbar, dass sich der Biolandbau bei speziellen Rohstoffen wie etwa Litschi nicht schnell genug entwickelt habe. "Das liegt auch daran, dass durch die Umstellungsvorschriften nicht so schnell auf die Nachfrage reagiert werden kann wie in der konventionellen Landwirtschaft."

Keine ideologischen Grabenkämpfe

Doch die Frage, wann Bio noch Bio ist, erstreckt sich auch auf andere Bereiche: "Tatsächlich wird auch darüber diskutiert, inwieweit man sich die Managementstrategien der klassischen Unternehmen zunutze machen kann und ob in der Biobranche nicht andere Werte und Normen gelten sollten", sagt Spiller. Dabei gehe es zum Beispiel um die Frage, inwieweit der Handel die Produzenten unter Druck setzen dürfe oder ob Bio-Produzenten auch den konventionellen Handel beliefern dürften.

Diese Debatten lassen sich aber nicht auf ideologische Grabenkämpfe zwischen alteingesessenen Bio-Pionieren einerseits und jungen Bio-Boom-Trittbrettfahrern andererseits zu reduzieren - das wäre zu einfach. "Es gibt unter den neu dazugekommenen Landwirten Überzeugungstäter genauso wie es langjährige Bio-Bauern gibt, die in den vergangenen Jahren extrem expandiert haben", sagt AbL-Mann Jasper.

"Diese Diskussion erstreckt sich quer durch die Branche", beobachtet auch Agrarökonom Spiller. "In der Landwirtschaft stehen sich zum Beispiel eher süddeutsche Kleinbauern und ostdeutsche Großbauern gegenüber, während man sich im Handel über den richtigen Umgang miteinander streitet."

Eine andere Unterscheidung trifft Bionade-Chef Kowalsky: "Es gibt mittlerweile Öko und Bio" - und Bio sei die neuere Form. "Bio verkörpert den zusätzlichen Genuss- und Lifestyle-Gedanken." Sich gut ernähren und dabei auch noch gut fühlen, heißt das übersetzt.

Daran gibt es nichts auszusetzen - so lange die Produkte auch tatsächlich halten, was sie versprechen.

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