SPIEGEL ONLINE: Herr Sievers, gehen Sie nur noch mit Sonnenbrille und Mütze getarnt zu ihrem Bäcker oder weiß der glücklicherweise gar nicht, was Sie machen?
Sievers: Keine Ahnung, aber selbst wenn: Ich stehe dazu, dass ich Hedgefonds-Produkte verkaufe. Die Branche gerät ja auch nicht zum ersten Mal unter Beschuss.
SPIEGEL ONLINE: Aber selten so wie derzeit: Hedgefonds gelten wegen ihrer milliardenschweren Spekulationsgeschäfte als eines der Grundübel der Finanzmärkte.
Sievers: Das Grundübel ist ein überbewerteter Immobilienmarkt. Kredite wurden dort verbrieft und zwar von Investmentbanken und nicht von Hedgefonds. Das ganze wurde verpackt und noch mal verpackt, bis niemand mehr sah, was drin war, von Ratingagenturen mit einem tollen Stempel versehen und verkauft. Teilweise auch an Hedgefonds, die also eher auf der Opferseite sind als auf der der Täter.
SPIEGEL ONLINE: Wie Opfer wirken Hedgefondsmanager nicht unbedingt. Sie wetten immer noch mit Milliardenbudgets auf Kursverläufe, auf steigende Nahrungsmittelpreise und Firmeninsolvenzen, ja sogar auf Staatspleiten. Dass solche Geschäfte keine Sympathie hervorrufen, verstehen Sie aber, oder?
Sievers: Das sind zumindest die üblichen Vorwürfe. Die wenigsten dagegen wissen: Hedgefonds stabilisieren Volkswirtschaften und Finanzmärkte auch.
SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.
Sievers: Wenn zum Beispiel die Lufthansa sich gegen Schwankungen des Kerosinpreises auf Terminmärkten absichert und auf steigende Kurse wettet, muss es auch Spekulanten geben, die dagegen halten. Sonst gerät der Markt aus dem Gleichgewicht. Das sind die Hedgefonds. Ein anderes Beispiel: Manche Hedgefonds haben das drohende Platzen der Internet-Blase vorausgesehen und frühzeitig darauf gesetzt. Damit haben sie die schlimmen Exzesse schon vor dem Kollaps zumindest etwas eingedämmt.
SPIEGEL ONLINE: Genauso oft werden Hedgefonds von Ökonomen für ziemlich beunruhigende Entwicklungen verantwortlich gemacht - für den starken Anstieg des Yen-Kurses etwa oder für Kursausschläge am Rohöl- oder Nahrungsmittelmarkt. Müssten nicht wenigstens Wetten auf Rohstoffpreise verboten werden?
Sievers: Nein. Schon weil die Macht der Hedgefonds überschätzt wird. Derzeit verwaltet die Branche ein Vermögen von insgesamt 1,7 Billionen Dollar. Das klingt nach viel - tatsächlich sind es zwei Prozent des globalen Investitionskapitals. Damit treiben sie den Öl- oder Yenpreis nirgendwohin, wenn dem keine entsprechende reale Nachfrage gegenübersteht.
SPIEGEL ONLINE: Die 1,7 Billionen sind nur das Eigenkapital - Hedgefonds arbeiten aber gezielt mit hohen Schulden, um die Rendite zu steigern.
Sievers: Auch das ist ein Vorurteil. Ich höre da immer etwas von der zehnfachen Menge Fremdkapital im Vergleich zum Eigenkapital. Das ist Quatsch. Im Schnitt sind bei 100 Dollar Eigenkapital 140 Dollar im Markt.
SPIEGEL ONLINE: Im Schnitt. Aber es gibt eben auch die in der Branche, die mit dem Zigfachen hantieren. Zuletzt haben die Hedgefonds es geschafft, den Kurs der VW-Aktie in astronomische Höhe zu treiben.
Sievers: Das stimmt nur halb. Hedgefonds haben offenbar auf fallende Kurse gesetzt und Leerverkäufe getätigt, also Aktien verkauft, die sie noch gar nicht hatten, um sie später zu einem günstigeren Preis nachzukaufen. Dann wurde überraschend bekannt, dass Porsche sich im großen Stil weitere Anteile gesichert hatte - und Angst machte sich breit, dass das tatsächliche Angebot an Aktien die Leerverkäufe möglicherweise gar nicht deckt ...
SPIEGEL ONLINE: ... so schoss der VW-Börsenwert nach oben. Der Autobauer war kurz das teuerste Unternehmen der Welt. Gehören solche Leerverkäufe, die einen ganze Börse in Panik versetzen und von der realen Wirtschaft komplett abgekoppelt scheinen, nicht endlich verboten?
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